Serie "Im sicheren Hafen"

Harburg - Ein Hafen, der gar keiner ist

| Lesedauer: 6 Minuten
Daniel Radigk

In unsere Serie über Sportboothäfen entlang der Elbe lassen wir Seemannsgarn spinnen. Heute: der Yachthafen im Harburger Binnenhafen.

Harburg hat keinen Hafen. "Doch!", mag die aufgebrachte Reaktion vieler Harburger Bürger sein. Rund um die Schlossinsel liegen genug Boote, das müsse doch auffallen. Früher war jenes Gebiet gar die Lebensader Harburgs, der berühmte Harburger Binnenhafen mit einer Ballung an Industrie. Dort stehen Hafenkräne, Werftgebäude. Jedes Jahr wird dort das Harburger Binnenhafenfest von der Kulturwerkstatt Harburg organisiert. Doch trotz allem - Harburg hat keinen Hafen.

Dies gilt zumindest offiziell. Denn im Jahr 2010 war die Zuständigkeit für den Harburger Hafen von der Hamburg Port Authority zum Bezirk Harburg gewechselt. Auf einem Hafengelände darf per Gesetz niemand wohnen - doch das prestige- und zukunftsträchtige Wohnungsbauprojekt "Marina auf der Schlossinsel", das zur Internationalen Bauausstellung 2013 gehört, konnte eben nur im Harburger Binnenhafen Platz finden.

+++ Gastlieger erwünscht +++

Wohnen im Hafen ist "in". 162 neue Apartments mit Hafenambiente sollen auf der Harburger Schlossinsel bis zum kommenden Jahr entstehen. Harburg bekommt seine eigene, kleine "Hafen City". Somit wurde der Binnenhafen kurzerhand zum Nicht-Hafen umdeklariert und das Projekt konnte starten. Schiffe liegen trotzdem noch an der Schlossinsel. Und auch das Wasser wollte sich nicht vertreiben lassen.

"Es ist schon witzig", meint Hermann Friedemann, 53. Er ist Chef des Yachtzentrums Harburg, zu dem auch der Yachthafen Harburg zählt. "Wir haben hier den einzigen tidefreien Seeschiffhafen der Elbe. Wir haben eine rund um die Uhr betriebene Schleuse, 100 Wasserliegeplätze. Wir haben eine eigene Werft. Wir haben eine von zwei Schiffseichstationen in Deutschland. Aber ein Hafen sind wir nicht, o nein!"

Ganz frank und frei: der Binnenhafen Harburg ist ein Hafen, das ist offensichtlich. Ob er nun offiziell so genannt werden darf oder nicht, spielt da keine große Rolle. Im Yachtzentrum Harburg kümmern sich bis zu 20 Mitarbeiter um fast alle Angelegenheiten rund ums Boot: vom Bootsführerschein, über Motorwartung und Lackierung, bis hin zum Segelmachen. Und um Marmelade. Ganz recht: Marmelade.

Denn auf dem Gebiet des Yachtzentrums zieht Hermann Friedemann Erdbeeren, Kirschen, Brombeeren, Äpfel und Wein. "Guter Hamburger Süd" nennt der Hafenmeister seine Rebsorte. Gekeltert hat er sie allerdings noch nie. Dafür kochen er und seine Mitarbeiter das Hafenobst regelmäßig zu Marmelade ein. Fünf verschiedene Sorten aus dem Harburger Hafen gibt es. Wegen der dunklen Farbe müssen sie jedoch aufpassen, dass sie das süße Lebensmittel nicht mit den Flüssigkeiten verwechseln, mit denen sie täglich arbeiten.

"Hier habt ihr etwas Rostschutz, als Geschenk", sagt Friedemann guten, treuen Gastliegern beim Abschied - und drückt ihnen ein Glas Marmelade in die Hand. Die Überraschung wechsele dann schnell zu Freude, sagt der Hafenmeister. Der "Harburger Rostschutz" ist wahrlich eine süße Erinnerung an den Hamburger Stadtteil südlich der Elbe.

+++ Historisches Flair +++

Eine Masse an Erinnerungen dürfte auch das alte Festmacher-Boot haben, das Klaus von Holt, 72, und Philipp, 17, gerade restaurieren. Festmacher-Boote dienten früher, und zu einem gewissen Maße auch heute noch, als kleinere Schlepper. Die Besatzung solcher Boote half großen Schiffen beim Anlegen, zog Leinen stramm und befestigte Taue an Duckdalben.

Das Festmacher-Boot, das neben einer Werkshalle des Yachthafens aufgebockt ist, soll dem Betrieb als universelles Arbeitsboot dienen. Deshalb geben sich der Rentner Klaus von Holt, der in seiner Freizeit gern an Booten bastelt, und die Aushilfskraft Philipp besondere Mühe bei der Restauration. Hafenhund Zerberus beobachtet sie genau. "Das Boot soll möglichst in den historischen Originalzustand versetzt werden. Auch wenn man sich natürlich darüber streiten kann, was Originalzustand bedeutet", sagt Friedemann.

Philipps Vater Christoph Jansen, 45, ist Boots- und Schiffsbaumeister. Seit 2003 arbeitet er im Yachtzentrum Harburg. Schon vorher arbeitete er dort als Geselle. Er schätzt an seinem Beruf vor allem die Vielseitigkeit. "Von großen über kleine Boote, von Holz über Stahl, von einzelnen Reparaturen über einen kompletten Refit", sagt Jansen, "ist alles im Beruf enthalten. Diese Vielfalt macht das Bootsbauen für mich aus. Ich habe weltweit Kunden."

Zurzeit arbeitet der Bootsbauer an hölzernen Sicherheitsleisten, die an die Luke eines Segelboots eines Kunden angebracht werden sollen. "Irgendwie ist der Hafen ein großer Spielplatz für erwachsene Männer", sagt Hermann Friedemann. Selbst Rentner wie Klaus von Holt kämen regelmäßig, um ihr Hobby auszuleben. "Bootsbesitzer behandeln ihr Boot in einer Weise, die zwischen der Bindung zu Haus und Auto liegt. Sie basteln an ihm, sie fühlen sich auf ihm zu Hause, sie bangen, wenn sie es nicht in der Nähe haben können."

Wenn Christoph Jansen, oder einer der anderen Mitarbeiter des Hafens, einmal Pause macht, kann er sich in die urige "Klönstuv" setzen, gleich neben der Schlosserei. Sie besteht aus einem Raum, angefüllt mit maritimem Tand, in dem verteilt Hocker und Tische stehen. Von Zeit zu Zeit huscht Kater Eddy durch den Raum. Auch einen Tresen gibt es, unter dem eine Kiste, gefüllt mit Rostschutz-Gläsern steht - dem süßen.

Ein wenig mutet der Raum wie eine alte Fischerhütte an. An der Decke hängen Netze, rostige Werkzeuge, zerborstene Balken. "Als vor sechs Jahren der Tornado durch Harburg wirbelte und eine Schneise der Verwüstung zog, regneten Holzbalken auf unser Gelände nieder", berichtet Hermann Friedemann. Später habe er erfahren, dass die vom 500 Meter entfernten Gelände des Bauunternehmens August Prien stammten. Einen vier Meter langen Balken hat Friedemann an die Decke der "Klönstuv" gehängt. "Er soll als Mahnmal dienen und zeigen, dass wir großes Glück hatten." Die größten Balken, die hinunter geregnet waren, seien doppelt so groß und schwer gewesen wie der Balken in der "Klönstuv". Zum Fall "Gloria D." sagt Friedemann: "Das Schiff hat mich nie gestört. Auch Rostschiffe gehören zum Hafenambiente dazu." Ein Hafen aber ist es, da lässt Friedemann nicht mit sich diskutieren.

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