Harburg
Freizeitzentrum Sandbek

Gemeinschaftsraum - Ihr "Wohnzimmer" ist in Gefahr

Haushaltskürzungen lassen Jugendliche um ihr Freizeitzentrum bangen. Täglich kommen bis zu 60 Kinder und Jugendliche ins Haus

Neugraben. Wer im Internet den Suchbegriff "Sandbek Siedlung" eingibt, der erhält in Bruchteilen einer Sekunde an erster Stelle den Abendblatt-Bericht "Sandbek-Bande überfiel auch Busfahrer". Es folgen weitere Zeitungsnachrichten über angezündete Autos, Marihuana-Dealer und nicht zuletzt Schusswaffengebrauch. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich: Diese schlechten Nachrichten sind schon mindestens acht Jahre alt.

Diplom-Sozialpädagoge Boris Bouchon, seit drei Jahren Leiter des Freizeitzentrums Sandbek, sagt, dass in den zurückliegenden Jahren durch Straßensozialarbeit und nicht zuletzt durch die Angebote des Freizeitzentrums sehr viel Positives erreicht werden konnte. Von Straßenkriminalität sei schon lange keine Rede mehr. Nur: Wie man an den Nachrichten über die Sandbek-Siedlung im Internet erkennen könne, werde über positive Entwicklungen nicht berichtet. Nun ist der geschaffene Frieden aber möglicherweise schon wieder gefährdet, weil Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) für die sogenannte offene Kinder- und Jugendarbeit in den Jugendklubs und Spielhäusern - wie vom Abendblatt berichtet - zehn Prozent oder gut 3,5 Millionen Euro bei den Rahmenzuweisungen an die Bezirke einsparen muss. Im Bezirk Harburg geht es dabei um Einsparungen in Höhe von rund 300 000 Euro. Bauspielplätze und auch Jugendklubs wie das Freizeitzentrum Sandbek könnten dabei auf der Strecke bleiben. Bouchon: "Es ist nicht auszuschließen, dass es wegen der Kürzungen wieder zu alten Verhältnissen kommt."

Holger Stuhlmann, Dezernent für Soziales, Jugend und Gesundheit im Bezirk Harburg, sieht hingegen keine Gefahr, denn es gehe nicht um ein Zurück in alte Zeiten, sondern um Fortschritt. Stuhlmann: "In Zukunft werden Kinder und Jugendliche ganztags bis 16 Uhr in der Schule unterrichtet und betreut. Und da wir Schulpflicht haben, wird es künftig keine Besucher mehr in den Freizeiteinrichtungen geben, die bei uns im Bezirk bislang schon ab 14 Uhr geöffnet hatten. Ich äußere mich aber nicht dazu, ob es im Bezirk Einrichtungen gibt, die geschlossen werden müssen."

Stuhlmann macht deutlich, dass derzeit ein Arbeitskreis des Harburger Jugendhilfeausschusses damit befasst sei, alle Möglichkeiten zu prüfen, wie der Sparbeschluss umgesetzt werden kann und wie Auswirkungen kompensiert werden können. Stuhlmann: "Nach der Sommerpause wird der Arbeitskreis dem Jugendhilfeausschuss seine Richtungsentscheidungen vorlegen, und es werden Beschlüsse zu treffen sein."

Besucher des Freizeitzentrums Sandbek haben ein Demo-Banner gegen die Kürzungen an der Hausfassade befestigt. Täglich kommen bis zu 60 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 14 und 21 Jahren ins Haus. Das Freizeitzentrum ist montags, mittwochs, donnerstags und freitags ab 15 und bis 21 Uhr geöffnet, freitags bis 22 Uhr. Donnerstags ist Mädchentag. FZ-Leiter Boris Bouchon: "Wir bieten hier für viele Besucher eine Art Familienersatz. Viele von ihnen haben zu Hause kein eigenes Zimmer, sie müssen es sich mit ihren Geschwistern teilen. Und häusliche Gewalt ist nach meinen Erkenntnissen überdurchschnittlich hoch."

Der große Gemeinschaftsraum im Freizeitzentrum, in dem unter anderem ein bequemes Sofa, ein Billardtisch, ein Kicker und auch eine Videowand mit Autorenn-Simulator stehen, wird von den Besuchern als "Wohnzimmer" bezeichnet. Daneben gibt es eine Küche, die bei den Kindern und Jugendlichen sehr beliebt ist. Hier zeigen die beiden Erzieherinnen Maren Vosgerau und Nina März, wie Essen zubereitet wird. Kinder und Jugendliche backen besonders gern Crêpes oder Pizza.

Büro, Werkstatt, Computerraum, Mädchenraum und Kraftsportraum werden genutzt. Besonders gefragt: Hausaufgaben- und Bewerbungshilfe.

Verbesserungsbedarf besteht auf dem Freigelände des FZ am Ohrnsweg 50b. Der Sandplatz für Beach-Volleyball ist voller Glasscherben. Die Skateranlage hat Schäden, es besteht Verletzungsgefahr. Wegen Verletzungsgefahr wird auch der asphaltierte Bolzplatz kaum genutzt. "Wir brauchen einen Platz mit Kunstrasen", sagt der 17 Jahre alte Murat, "und die Flutlichtanlage müsste repariert werden." Dezernent Holger Stuhlmann: "Die Jugendlichen sollten mir einen Brief mit ihren Wünschen schreiben."