Harburg
Randnotiz

Gute Zeiten, dicke Bücher

Abtauchen ist erholsam. Was dem einen seine Schwimmanstalt, ist dem anderen so ein echt dicker Schmöker zum Sich-Rein-Verlieren.

Kurzgeschichten sind ja eine faszinierende literarische Kunstform, aber sich durch 600 Seiten hindurch zu begeistern - unvergleichlich. Kino ist schnell vorbei, der dicke Schinken wird ein Teil von uns über Wochen.

So manch ein Buchverliebter möchte selbst den Titel seiner Lektüre ganz für sich behalten und niemandem zeigen, womit er so die nächsten Wochen verbringt. Das sind dann die Leser, die ihren Lesestoff in sehr fantasievolle, manchmal selbst geschneiderte Hüllen hüllen. In Filz zum Beispiel. Was mag sich unter dem roten Buchkleid mit dem Aufdruck "Lies mich, genieß mich" verbergen, fragte ich mich kürzlich, als ich eine Leserin so leicht vor sich schmunzeln sah. Kulinarisches? Erotisches? Eine Anleitung, das Glück zu finden?

Menschen, die selbst in der Bahn nicht mehr anders können, als sich vor Lachen beim Lesen zu schütteln, sind mir echt sympathisch. Zu gern wüsste ich, was der Autor erfunden hat, womit er seiner Leserschaft den Alltag versüßt. Man sieht es den begeisterten Buchverschlingern an, dass sie sich wünschten, noch lange nicht aussteigen zu müssen.

Wenn es aber soweit ist, verstauen sie ihre wertvollen Mitreisenden liebevoll erst in schützenden Plastiktüten, dann in ihrer Tasche und schweben mit einem leichten Lächeln auf den Lippen Richtung Ausgang. Spätestens heute Abend werden sie wieder eintauchen in ihr zweites, umfangreiches Leben. Die Vorfreude steht ihnen schon jetzt ins Gesicht geschrieben.