Harburg

Die Exzesse des Berühmtseins

Foto: Voicengirl / Voicengirl/Voicengirlv

Entzauberung von Castingshows: Die klugen Inszenierungen der Band Voice 'n' Girls

Harburg. Früher wollten sie nur reich werden - jetzt auch noch berühmt. Nein, mit halben Sachen gibt sich der A-cappella-Chor "Voice'n' Girls" nicht zufrieden. Und weil die fünf Sängerinnen humorvoll, ironisch, und sarkastisch genug sind, machten sie sich auf ihrem persönlichen Ruhmespfad zu nichts Geringerem auf als dem Gipfel des Schwachsinns im deutschen Fernsehen: die RTL-Castingshow "Das Supertalent".

Das war 2009. Und eines gleich vorweg: In der Samstagabend-Show ist das Quintett nie aufgetreten. Das Aus kam sogar schon im Viertelfinale des Ausleseverfahrens. Mancher wird dazu sagen, die Schande blieb ihnen erspart. Ihre Erfahrungen mit der Freak-Inszenierung im deutschen Privatfernsehen haben die fünf Frauen aus dem Landkreis Harburg in ihrem neuen Programm "100 Prozent" verarbeitet. Ihre Tour führt die Voice 'n' Girls am kommenden Sonnabend nach Harburg.

"Wir wollen leiden in Exzessen", sagt Suzanne Andres, der kreative Kopf der Band. So stellen sich die Voice 'n' Girls das Berühmtsein vor. Eine Art Exzess ist für die Sängerinnen auch die öffentliche Zuschaustellung der sogenannten Supertalente im RTL-Fernsehen. Dabei braucht der Dompteur in diesem Zirkus, Chefjuror Dieter Bohlen, gar nichts dazu tun. "Die Jury ist gar nicht schlimm", sagt Nadine Hagen, "sondern das Publikum. Das ist eine Hinrichtung, die dort inszeniert wird."

Mehr als 1000 Zuschauer wohnen dem Casting bei - hämisch und lautstark bringen sie so manche Kandidaten an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Die Fernsehmacher würden gezielt völlig talentfreie Menschen aussuchen zum kollektiven Ausbuhen im Fernsehen, sagt Frideborg Meyn, im normalen Leben eine Rechtsanwältin.

Die Voice 'n' Girls passen nicht in dieses Schema. Die Frauen können singen - und sie haben Berufe. Sie sind so anders wie die vielen Verzweifelten, die sich ohne Ausbildung auf diesem Weg eine Stück Aufmerksamkeit versprechen. Grundschullehrerein, Musikerin, Rechtsanwältin, Schauspielerin, Schifffahrtskauffrau - das Casting-Publikum liebt die fünf Frauen aus dem Landkreis Harburg. Sie scheinen ein Stück heile Welt im Kosmos des Wahnsinns zu versprechen. "Die Leute haben gejubelt, als wir bloß unsere Berufe nannten", erinnert sich Nina Pantel. "Ich dachte, die verarschen uns." Und auch Dieter Bohlen scheint irritiert und fragt: "Was wollt ihr denn hier?" In der nächsten Runde, diesmal nicht vor Publikum, dürfen die Voice 'n' Girls dann gehen. Bei den Zusammenschnitten, die RTL von seinen "Supertalent"-Castings sendet, taucht das Quintett aus dem Landkreis Harburg nicht auf. Die Sängerinnen liefern eben nicht die erwarteten Kreisch- und Tränenauftritt. Sie haben, was sie wollten: Stoff für ihr Programm. Wer wissen will, wie RTL trickst, um den Stylingberater Bruce Darnell zu inszenieren, sollte ein Konzert der "100-Prozent"-Tour besuchen.

Das neue Programm lässt sich nur auf eine Abrechnung mit dem perfide kalkulierten Casting-Zirkus im deutschen Privatfernsehen reduzieren - das wäre auch nicht wirklich neu. Die "Voice 'n' Girls bedeuten vor allem einen unverwechselbaren Mix aus Konzert und komödiantischen Einlagen. Letztere inszeniert von der Profischauspielerin Suzanne Andres, die am Schauspielhaus in Zürich und Hamburg gespielt hat. Die Sängerinnen sind Chor, Orchester, Beat-Box und Kabarett zugleich.

Zum ersten Mal singt das Quintett überwiegend selbst komponierte Songs mit deutschen Texten. Geblieben sind aber auch Coverversionen mit Überraschungseffekt: Profisängerin Joana Toader interpretiert den Hit "Männer" so gefühlvoll, dass Herbert Grönemeyer wohl vor Rührung weinen würde, sollte er das je zu hören bekommen. Und langjährige Fans, die nicht auf die HipHop-Version von "Oh Tannenbaum" verzichten möchten, sollten einfach nach Zugaben schreien.

Voice 'n' Girls: "100-Prozent-Tour", Sonnabend, 23. Oktober, 20 Uhr, "Rieckhof" in Harburg, Rieckhoffstraße 12. Eintritt: 13 Euro.