Harburg
Randnotiz

Kulturarbeit vor dem Spiegel

Im Drogerie-Markt habe ich mir eine neue Kulturtasche gekauft. Wie allgemein bekannt, ist sie unverzichtbarer Bestandteil des Reisegepäcks, um darin Zahncreme, Zahnbürste, Rasierzeug, Seife und so weiter zu verstauen.

Oft habe ich mich schon gefragt: Warum heißt die Kulturtasche eigentlich Kulturtasche? Was haben Reinlichkeits- und Hygiene-Utensilien mit Kultur zu tun? Laut "Wahrig Deutsches Wörterbuch" wird Kultur wie folgt definiert: "Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Ausdrucksformen eines Volkes." Ist eine Zahnbürste ein Teil der Gesamtheit geistiger und künstlerischer Ausdrucksformen? Oder sogar das Zähneputzen an sich? Der Gegenstand und die Handlung weisen bestenfalls auf normale zivilisierte Lebensgewohnheiten unserer Zeit hin. Auch zur Zivilisation gibt uns "Wahrig Deutsches Wörterbuch" per Definition eine sprachliche Orientierungshilfe: "Zivilisation, die technisch fortgeschrittenen, verfeinerten äußeren Formen des Lebens und der Lebensgewohnheiten eines Volkes im Unterschied zur Kultur". Ist damit nicht eigentlich klar, dass die Kulturtasche Zivilisationstasche heißen müsste? Wie dem auch sei: Bringe ich also zum Beispiel morgens so gut es geht die verfeinerten äußeren Formen meines Lebens wieder ins zivilisierte Lot, wenn ich mich rasiere? Oder gehört die Rasur schon zur Kultur, als Teil der Gesamtheit geistiger und künstlerischer Ausdrucksformen? Das bezweifle ich. Selbst wenn mir diese Randnotiz morgens beim Rasieren eingefallen ist, um den Tag heiter zu beginnen.