Harburg

Der etwas andere Elbvorort

Foto: Andreas Schmidt

Auch wenn das Image noch nicht so gut ist: Die meisten Rothenburgsorter mögen ihren Stadtteil

Rothenburgsort. Den Stadtteil im Südosten der Hamburger Innenstadt zwischen der Bille und der Norderelbe kennen die meisten Hamburger nur vom Vorbeifahren: Wenn sie über die Billhorner Brückenstraße (B 4/75) und die Neue Elbbrücke fahren - oder dort im Stau stehen -, passieren sie den Stadtteil Rothenburgsort. Oder sie fahren schnell durch den Stadtteil - zum Beispiel, wenn sie an der B 4/75 in den Billhorner Röhrendamm abbiegen und dann über den Vierländer Damm und die Ausschläger Allee in Richtung Ikea an der Autobahnauffahrt Hamburg-Moorfleet fahren. Dann sehen sie Klinkerbauten aus den 1950er- und 1960er-Jahren, einen KiK-Textilienmarkt und die Sankt-Thomas-Kirche aus dem Jahr 1875.

9000 Menschen leben im Stadtteil - vor dem Krieg waren es 40 000

Wer sich in Rothenburgsort noch kurz die Beine vertreten möchte, der läuft an einem Aldi, einem Lidl, einem Penny und einem Budnikowski vorbei. Damit ist in puncto Einkaufen dann auch schon fast Schluss mit lustig. Mitten im Stadtteil fällt eine große Baustelle auf: der Rothenburgsorter Marktplatz. Hier baut der Buxtehuder Investor AVW Immobilien AG bis Ende 2011 das neue "Stadtteilzentrum", nach dem der Platz zwölf Jahre lang und unter vielen Investoren, die kamen und gingen, vor sich hin gammelte. Nun entsteht hier ein Komplex in U-Form mit einem Hochhaus. Eine stationäre Pflege der Caritas, Wohnungen, Büros, Praxen, betreutes Wohnen und ein Kindergarten sollen hier her. Penny, Budnikowsky, die Hamburger Sparkasse, eine Apotheke und ein Friseur werden hier bald ihre Waren und Dienstleistungen anbieten.

Knapp 9000 Menschen wohnen in Rothenburgsort - vor dem Zweiten Weltkrieg waren es 40 000 - der Stadtteil wurde im Juli 1943 weitgehend durch alliierte Bomben zerstört. Mehr als ein Viertel der Menschen kommen heute aus anderen Ländern. 22 Prozent aller Rothenburgsorter beziehen Sozialleistungen. Wie lebt es sich in dem Stadtteil mit der Postleitzahl 20539, in dem statistisch gesehen nur 1208 Menschen pro Quadratkilometer wohnen? Wie lebt es sich in einem Gebiet, das nur zwei Stationen und vier S-Bahnminuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt liegt? In einem Stadtteil, der nur durch den Oberhafenkanal von der östlichsten Spitze der Hafencity getrennt ist?

Wer durch die Straßen Rothenburgsort geht und mit den Menschen spricht, der stellt schnell fest: Die meisten Rothenburgsorter fühlen sich wohl in ihrem Stadtteil. Vor allem die City-Nähe schätzen die Bewohner: "Ich kann zu Fuß in die Hamburger Innenstadt gehen", sagt der Ruheständler Jürgen Bruhn, 70, der seit 1963 in Rothenburgsort lebt. Und einen zweiten Vorteil nennt das Bewohner: "In Rothenburgsort ist viel Grün, und ich bin mit dem Fahrrad schnell in den Vier- und Marschlanden." "Rothenburgsort", sagt der Leiter des Hauses der Jugend, Hermann Teiner, 51, "ist der etwas andere Elbvorort"

Die Rothenburgsorter spazieren gerne durch den Elbpark Entenwerder und über die Elbinsel Kaltehofe - beide gehören zum Stadtteil. Auf der Billerhuder Insel liegen verschiedene Kleingärten mit einer Fläche von 38 Hektar. "Ich treffe mich gerne mit Freunden im Elbpark Entenwerder", sagt Dana Plagens, 21, gebürtige Rothenburgsorterin. Die Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau freut sich auch darüber, dass Hunde auf Entenwerder eine sehr große Auslauffläche ohne Leinenzwang haben. "Aber auch wenn ich hier durch die Straßen gehe, treffe ich immer jemand, den ich kenne"

Einer, der Rothenburgsort wie seine Westentasche kennt, ist der Wirt des Speiselokals "Chaplin" am Rothenburgsorte Marktplatz, Ercan Celebi, 39. Der kurdischstämmige Deutsche lebt seit 1976 in Rothenburgsort. Seit 17 Jahren führt er das "Chaplin". Hier gibt es das Pils vom Fass (0,4 Liter) für 2,90 Euro, Kartoffelsuppe mit Würstchen für 4,90 Euro und zwei Rinderhacksteaks mit Feta gefüllt, Zaziki, Tomatenreis und Hirtensalat für 6,20 Euro.

Rothenburgsort ist grün, ruhig und stadtnah

"Rothenburgsort ist grün, ruhig und stadtnah", sagt der Wirt. "Wenn man hier als Kind aufgewachsen ist, kennt man fast jeden." Die Bevölkerung in Rothenburgsort sei "eher älter", sagt der Wirt, "aber im Moment ist auffällig, dass hier etwas mehr jüngere Familien, Auszubildende und Studenten herziehen." Und da ist der Mann, der auf dem Lohmühlen-Gymnasium in St. Georg sein Abitur machte, auch gleich beim Punkt: "Rothenburgsort bietet für die jungen Leute einfach zu wenig. Das Nachtleben fehlt komplett. Wer jung ist, der fährt auf den Kiez nach St. Pauli, wenn er sich amüsieren möchte." Auch die Auszubildende Dana Plagens sagt: "Für junge Leute ist hier tote Hose. Was fehlt, sind Freizeitangebote für Jugendliche, wo keiner den anderen vergrault."

Und wo Ercan Celebi bei der "Mängelliste" ist: "Es gibt kein Kino, kein Schwimmbad und keine weiterführende Schule im Stadtteil." Zwei Kindergärten hat Rothenburgsort - und nur eine Ganztagsgrundschule mit Vorschule: die Fritz-Köhne-Schule in der Marckmannstraße, die 250 Schüler zählt. Seine beiden Jungen, zwei und fünf Jahre alt, "sollen wahrscheinlich nicht in Rothenburgsort zur Schule gehen", sondern auf die Katharinenschule in der Hafencity oder auf eine Privatschule.

Der Deutsche mit kurdischen Wurzeln spricht offen aus, was nicht wenige in Rothenburgsort denken: "Der Ausländeranteil ist einen Tick zu hoch in diesem Stadtteil."

Die Jusos Veddel/Rothenburgsort haben indes einen Wettbewerb auf die Beine gestellt: "Rothenburgsort wird bunter: Mit Deiner Idee!" Neun Beiträge haben die Jugendlichen abgegeben. So wünscht sich Ismet Karacaoglan, 16, ein Musikstudio für die Jugendlichen im Stadtteil (3. Platz). Samantha Pusch, 11, baute ein Modell für einen Hochseilgarten mit Seilbahn und Trampolin auf Entenwerder (2. Platz). Und Ahmet Asma, 21, entwickelte eine Powerpoint-Präsentation zur Umgestaltung von Spiel- und Sportplätzen und des Hauses der Jugend (1. Platz). Der Maschinenbaustudent möchte "auch nach dem Studium in Rothenburgsort leben".

"Der Ruf Rothenburgsorts ist leider noch schlechter, als es sich hier tatsächlich lebt", resümiert die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Carola Veit, 37, die am Vierländer Damm 4 ihr Abgeordnetenbüro hat. "Wir brauchen hier mehr familiengerechte Wohnungen und eine weiterführende Schule."