Harburg

Und plötzlich ist der Radweg weg

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Jochen Gipp

Eine Novelle der Straßenverkehrsordnung erlaubt den Rückbau an der Heimfelder Straße. Der Schulweg wird dadurch gefährlicher.

Harburg. Auf zwei Rädern bleibt man jung, lautete ein früherer Werbespruch des Fahrradhandels. Anders herum ließe sich sagen, dass man auf zwei Rädern nicht alt wird. Die Gefahr, als Radfahrer im Straßenverkehr zu verunglücken, könnte in Zukunft noch größer werden. Im Bezirk Harburg wird derzeit eine Entwicklung vorangetrieben, deren Ursprung im Jahr 1998 in einer Änderung der Straßenverkehrsordnung liegt. Die Novelle der StVO sieht vor, dass Fahrzeuge - dazu zählen auch Fahrräder - auf die Fahrbahn, also auf die Straße, gehören und nicht unbedingt auf häufig viel zu schmale Radwege und schon gar nicht auf Fußwege.

Das sieht in der Praxis folgendermaßen aus: Im Bezirk Harburg läuft zurzeit der Rückbau eines Radwegs an der Heimfelder Straße. Eigentlich müsste der rot gepflasterte Weg repariert werden. Doch die geänderte StVO sieht für Radfahrer keine Benutzungspflicht für den Weg vor, weshalb auf den Radweg auch ganz verzichtet werden kann. Der Rückbau löst nun heftigen Protest bei Radfahrern aus. Sie wollen zu ihrer eigenen Sicherheit lieber ihren Fahrweg mit Fußgängern teilen, als sich auf der Straße von Bussen überholen zu lassen. Die meisten meiden deshalb die Straße und nutzen die bereits zum Fußweg umgebaute Strecke.

"Ich mache mir große Sorgen", sagt die Ärztin Christine Tinschert, "ich benutze mein Fahrrad täglich auf dem Weg von zu Hause in die Praxis. Ich habe ganz einfach Angst, auf der Straße neben den vielen Autos zu fahren. Die Heimfelder Straße ist auch sehr eng, und es fahren hier viele Busse. Die Leute hier haben schon Schilder aufgehängt und wollen, dass der Radweg bleibt. Es geht doch auch um die Sicherheit der Schulkinder, die hier täglich unterwegs sind."

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Auch der Kaufmann Michael Krämer aus Heimfeld steigt für den Weg zur Arbeit täglich auf sein Fahrrad. "Ich sehe den Rückbau des Radwegs als einen Rückschritt an", sagt er, "es geht doch um die Sicherheit. Und ich bin überzeugt, dass das Fahren auf der Straße für Radfahrer gefährlicher ist als auf einem Radweg. Ich jedenfalls habe ein ungutes Gefühl, wenn ich auf der Straße fahren muss. Es ist doch für Radfahrer auch gefährlich, wenn Autofahrer am Straßenrand parken und zum Aussteigen ihre Türen öffnen. Dadurch hat es schon viele schwere Verkehrsunfälle gegeben." Als Anwohner macht auch Klaus Braun seinem Ärger Luft. "Jetzt sind statt des Radwegs neben dem Gehweg größere Pflanzbeete angelegt. Die alten Pflanzbeete waren schon ungepflegt. Jetzt kommt nur noch mehr Müll. Der Rückbau des Radwegs macht für mich überhaupt keinen Sinn."

In der verkehrsbehördlichen Abteilung des Harburger Polizeikommissariats 46 ist Armin Lehnhoff für das Thema Radwege-Rückbau zuständig. Und er kündigt an, dass noch in diesem Jahr die Benutzungsverpflichtung für weitere Radwege im Bezirk Harburg aufgehoben wird - beispielsweise für den Harburger Ring. Ab Mitte dieses Jahres sollen Menschen im Alter von mehr als zehn Jahren mit dem Fahrrad auf der Straße fahren. Die alten Radwege am Harburger Ring würden allerdings bestehen bleiben und nicht zurückgebaut werden. Die Radwegschilder werden aber Mitte des Jahres entfernt. Bereits vergangenes Jahr wurde seinen Angaben nach der Radweg am Hainholzweg aufgehoben. Geplant sei auch, die Benutzungsverpflichtung für die Radwege an der Hannoverschen Straße aufzuheben. Die Aufhebung der Benutzungsverpflichtung gehe einher mit Änderungen der Ampelschaltungen an den großen Kreuzungen. Weil Radfahrer die Kreuzungen weniger schnell als die motorisierten Verkehrsteilnehmer passieren können, müssen die Grünphasen der Ampeln um mehrere Sekunden verlängert werden, bevor der Querverkehr freie Fahrt bekommt. Die Ampelumstellungen erfolgen zumeist mit der Umrüstung auf LED-Licht. Lehnhoff sagt: "Es ist nicht geplant, die Benutzungspflicht für Radwege an den Bundesstraßen 73 und 75 aufzuheben."

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Lehnhoff betont, dass nach der Straßenverkehrsordnung Kinder bis acht Jahre grundsätzlich mit dem Rad auf Gehwegen fahren müssen und Kinder bis zehn Jahre auf dem Gehweg fahren dürfen. Alle anderen sollen auf der Straße fahren. Lediglich, wo eine Gefährdung das normale Maß überschreite, würden noch Radwege mit dem blauweißen Radwegeschild ausgewiesen, was Benutzungsverpflichtung bedeutet.

Lehnhoff: "Gehwege sind den schwächsten Verkehrsteilnehmern vorbehalten, den Fußgängern. Es vollzieht sich eine Änderung der gesellschaftlichen Sichtweise. Nach dem Krieg kam der Aufschwung mit wachsender Mobilität insbesondere durch den Autoverkehr. Zur Sicherheit der Radfahrer war nebenbei auch an Radwegebau gedacht worden. Die Radwege waren meisten mit 60 Zentimeter sehr schmal und schränkten Fußwege ein. Erst jetzt hat sich die Sichtweise gewandelt."

Bezirksamtssprecherin Beatrice Göhring sagt, dass der Radweg an der Heimfelder Straße bis Juni zwischen Nobleestraße und Eißendorfer Pferdeweg auf politischen Beschluss vom vergangenen Jahr für rund 80 000 Euro zurückgebaut werde.

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