Harburg
Stade

Der Kriegsreporter Lutz Kleveman kehrt heim

Lutz Kleveman hat etwa 100 Länder bereist und berichtete aus den gefährlichsten Krisengebieten der Welt. Ein Leben am Limit.

Stade. Lutz Kleveman ist 38 Jahre alt. Eigentlich zu jung, um seine Memoiren aufzuschreiben. Doch das, was er zu erzählen hat, reicht schon heute für mehr als nur ein Buch. Der Historiker und Literaturwissenschaftler bereiste als Kriegsreporter 100 Länder in acht Jahren, berichtete aus den gefährlichsten Krisengebieten der Welt und riskierte dabei nicht nur einmal Kopf und Kragen. Die Faszination für Krieg und Gewalt ist Teil seiner deutschen Familiengeschichte, der er ebenfalls einen Platz in seinem Buch "Kriegsgefangen" einräumt.

Lutz Kleveman ist wieder zu Hause, dort, wo alles begann. Seine Wanderjahre sind vorbei, sein Leben am Limit gehört der Vergangenheit an. 2008 kehrte er endgültig nach Deutschland zurück, um sein Erbe als Nachfolger auf dem Gutshof in Ankelohe bei Bad Bederkesa anzutreten, wie er es seiner Mutter versprochen hatte. Heute kümmert er sich mit seiner Frau Laila um die Organisation von Haus und Hof, von Hochzeiten und Tagungen, von Kuchenlieferungen und Getränkebestellungen.

Das neue Leben als Herbergsvater, wie er sich selbstironisch nennt, gefalle ihm, sagt Klevemann. In den vergangenen drei Jahren habe er sich einer "Kur der Langeweile" unterzogen, um wieder klarzukommen, den Stress, den er als freiberuflicher Journalist hatte, abzuschütteln, den Blick wieder auf das Wesentliche, den Menschen hinter einer Geschichte, zu richten. Aber ob das auf Dauer reicht?

Bei seiner Lebensgeschichte ist das schwer vorstellbar. Und auch Lutz Kleveman räumt ein, dass er ohne die familiäre Verpflichtung wahrscheinlich nicht wieder in Deutschland gelandet wäre. "Ich habe viele Probleme mit diesem Land. Schon als 16-Jähriger wollte ich nur weg. Tradition und Geschichte haben mich erdrückt. Als Student in London habe ich hart daran gearbeitet, mich perfekt zu assimilieren. Ich wurde ein überzeugender self-denying German." Selbstverleugnung als Fluchtweg.

Nach abgeschlossenem Studium brachte er immer mehr Raum zwischen sich und seine alte Heimat. Kleveman wollte Journalist werden, aber die Aussicht auf ein geregeltes Leben am Schreibtisch schreckte ihn ab. In Budapest lernte er in einer Bar den Balkan-Korrespondenten des "Daily Telegraph" kennen, der ihm einen Job als "Stringer", als freier Mitarbeiter, verschaffte. Kurzerhand kündigte Lutz Kleveman seinen Job als Englisch-Lehrer, löste die Wohnung in Budapest auf und brach gen Kosovo auf, der ersten Station als angehender Auslandsreporter. In allen Kriegsgebieten, die er fortan besuchte, galt eines seiner Hauptinteressen stets jungen Männern in seinem Alter, deren Leben so ganz anders als seines verlief. "Ich wollte herausfinden, was sie antrieb und wie sie ihr Leben lebten, welche Träume sie hatten", sagt Kleveman. "Ich habe mich nie in den Kugelhagel geworfen, sondern ich wollte ein Reporter sein, der die Hintergründe untersucht."

Nach dem Ende seiner Lehrzeit auf dem Balkan reiste er nach Afrika in das vom Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und Rebellen der Revolutionary United Front (RUF) völlig zerstörte Sierra Leone. Die RUF war dafür bekannt, dass sie Gegnern und Zivilisten gleichermaßen Arme, Beine und andere Gliedmaßen abhackte. Lutz Kleveman begab sich direkt in die Höhle des Löwen und rang Gibril Massaquoi, dem damaligen inoffiziellen Sprecher der RUF, die Erlaubnis ab, die Diamantminen von Koidu zu besuchen. Damit wurde dem jungen Reporter die Chance auf einen sogenannten Scoop, eine journalistische Exklusiv-Geschichte, quasi auf dem Silbertablett präsentiert. "Ich sollte der erste ausländische Reporter in vier Jahren sein, der die Minen betreten durfte. Das Ding wollte ich zu meinem großen Durchbruch machen. In welche Gefahr ich mich dabei begab, war mir nicht klar. Ich war unbekümmert und sorglos und fühlte mich unverwundbar. Mein Job war für mich ein einziges großes Abenteuer", sagt Lutz Kleveman. Dass keine Situation in seinem Reporterleben völlig aus dem Ruder lief und er unversehrt von einem Krisengebiet ins nächste kam, verdankt er einigen glücklichen Zufällen. In Liberia war es das unverhoffte Zusammentreffen mit dem Historiker Peter Scholl-Latour: Lutz Kleveman war damals auf seinem Weg an die Nordfront in ein Flüchtlingslager gekommen und machte auf dem Rückweg nach Monrovia an einem Polizei-Checkpoint Bekanntschaft mit der Polizei, die den Auftrag hatte, den jungen Journalisten zu verhaften.

+++ "Kriegsreporter sind wichtig, um die Wahrheit zusammenzukriegen" +++

Scholl-Latour informierte den EU-Botschafter und bewahrte Kleveman vermutlich nicht nur vor Folter beim Verhör, sondern auch vor einer großen Dummheit: Als er im Polizeihauptquartier das gerahmte Foto des diensthabenden Polizisten in die Hand nahm, wies Scholl-Latour ihn an, das Bild sofort zurückzustellen. Später habe der TV-Reporter und Buchautor den Berufsneuling darüber aufgeklärt, dass er mit seinem Leben gespielt habe. Afrikaner seien abergläubische Menschen, die meinten, dass man jemandes Seele verhexen könne, indem man nur sein Foto ansehe. "Im Kongo hätte mich das vielleicht meinen Kopf gekostet."

Von Westafrika hatte Kleveman nach der Teilnahme an einer Vodoo-Sitzung und einem Techtelmechtel mit einer afrikanischen Hure endgültig genug und reiste zurück nach Europa. Eine Wette verschlug ihn 2001 nach Tschetschenien und eine Reise nach Afghanistan habe sein "Leben als Schreiber und als junger Mann, der erwachsen wird", verändert, sagt Kleveman. "Ich fing an, mich zu wichtig zu nehmen. Ich war der Chef und die Dinge hatten so zu laufen, wie ich mir das vorstellte."

Eine unbequeme Wahrheit, mit der sich viele Auslands-Journalisten früher oder später konfrontiert sähen, sei die Tatsache, dass sie auf der Suche nach einer guten Geschichte die Menschen, ihre Gefühle, ihre intimen Erfahrungen einfach absaugten und sie dann wie eine heiße Kartoffeln fallen ließen. "Ich habe oft Menschen interviewt, und am nächsten Tag dachte ich bereits an etwas anderes", räumt Kleveman ein.

Doch das, was er sah, forderte irgendwann seinen Tribut: Je länger der Journalist unterwegs war und je mehr Erfolg er hatte, desto größer seien die Mengen an Alkohol und Drogen geworden, die er konsumierte. "Ich brauchte die Action", erklärt der 38-Jährige seine Exzesse. "Und wenn nichts los war, habe ich eben nachgeholfen."

In Rio de Janeiro habe es ihm nicht gereicht, mit den Drogengangs in der Favela zu sein. Er setzte noch einen drauf und dröhnte sich mit Kokain zu. Und in New York habe er nach der Veröffentlichung seines Buches "New Great Game" die Langeweile mit Alkohol bekämpft.

Sein neues Buch "Kriegsgefangen" zeigt viele Einblicke in die Reporterseele von damals. Es sei zwar kein Therapiebuch, betont Lutz Kleveman, aber es habe ihm geholfen, die Erlebnisse der vergangenen zehn Jahre zu verarbeiten. Darüber hinaus verbindet es seine Auslandserfahrungen mit einer typisch deutschen Spurensuche: In dem 480-seitigen Buch geht er der Frage nach, warum es ihn als junger Mann, ebenso wie seinen Großvater und Armeeoffizier Hans-Heinrich während des Ersten und Zweiten Weltkriegs, immer wieder in Krisengebiete verschlagen hat.

Um eine Antwort darauf zu finden, reiste er fast 10 000 Kilometer mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau quer durch Sibirien bis nach Wladiwostok, entlang der Route, die sein Großvater als Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg zurücklegte. "Die Antwort ist, dass das eine wohl nichts mit dem anderen zu tun hat", sagt Kleveman. Doch er habe endlich Frieden mit seiner Familiengeschichte geschlossen, in der sein Großvater unter dem Nazi-Regime dafür verantwortlich war, junge Männer "unabkömmlich" zu stellen oder aber ihr Schicksal mit einem Marschbefehl an die Front zu besiegeln.

Den Journalismus hat Lutz Kleveman mittlerweile zwar an den Nagel gehängt, aber Augen und Ohren will er auch bei seinen privaten Reisen als Tourist weiterhin offen halten. "Das ist wohl eine Berufskrankheit, die ich nie wieder los werde", sagt er. Der Rückzug sei letztendlich nur logisch gewesen: "Ich war voll wie ein Schwamm, konnte nichts mehr aufnehmen. Hätte ich weitergemacht, wäre ich den Menschen nicht mehr gerecht geworden."

Jetzt, nach fast vier Jahren Arbeit auf dem Gutshof, käme sie langsam wieder, die Neugier, Empathie und Leidenschaft, mit der er einst als junger Reporter aufgebrochen sei. "Und die kann ich als Schriftsteller gut gebrauchen."