Harburg
Einzelhandel: Harburger "Ethnomarkt"

Der Supermarkt der 36 Länder

Der Adese Markt in der Rieckhoffstraße verkauft zurzeit sogar unter Einkaufspreis - die Konkurrenz ist wenig begeistert.

Harburg. An der Kasse sitzen junge Türkinnen mit Kopftüchern und scannen die Preise von Lebensmitteln ein, die aus vieler Herren Länder kommen: Eingelegte Pilze aus Russland, Weizengrütze aus der Türkei, Tomatenmark aus Tunesien und Basmatireis aus Pakistan - und, und, und . . . Auch in der Schlange vor der Kasse stehen Menschen, die meist nicht in Deutschland zur Welt gekommen sind. Dieses Multi-Kulti-Setting ist nicht in London oder New York zu besichtigen, sondern mitten in Harburg: im Adese Markt in der Rieckhoffstraße 8-10, Ecke Seevepassage. Hier verkauft Inhaber Erol Aslan (36) seit drei Jahren Lebensmittel - zur Zeit aus 36 Ländern. Die Waren sind säuberlich getrennt in Sektionen, die durch Länderfahnen oder Regionenschilder wie "Arabisch" oder "Latino" gekennzeichnet sind. Die meisten Waren - und Kunden - kommen aus dem Land, aus dem auch der Inhaber kommt: der Türkei. Gerade viele Türken nutzen den "Ethnomarkt", um sich mit Waren einzudecken, die sie in der Woche nach dem Einkauf - oder in den Wochen nach dem Einkauf - daheim in der Familie zubereiten und verzehren werden.

Der Harburger Mohamed Kapaklikaya (47) ist so ein Großeinkäufer im Adese Markt. Er kauft mit seiner Ehefrau an diesem Tag: zehn Kilo Tomatenmark, zehn Kilo Mehl, zehn Kilo Kartoffeln, fünf Kilo Paprikamark, fünf Kilo Kornreis, fünf Kilo Reis, drei Kilo Joghurt, zwei Kilo Schafskäse, zwei Liter Kohlrübenfruchtsaftgetränk und zwei Kilo Oliven. "Wir kaufen jede Woche am Freitag oder Sonnabend hier ein", sagt Herr Kapaklikaya, "und zwischendurch komme ich zum Brotkaufen her. Bei drei Kindern muss man auf den Preis achten."

Auch Deutsche kommen in den Laden, so das Ehepaar Renate (50) und Uwe (66) Harbst aus Harburg. Frau Harbst sucht heute einen schwarzen Tee, der für 4,99 Euro im Angebot ist. "Wir kommen einmal in der Woche in den Markt", sagt Herr Harbst, "und kaufen vor allem frischen Schafskäse, Gemüse und Obst." Seine Frau ergänzt: "Was soll ich teuren Tee kaufen, wenn ich ihn hier billig im Kilopaket bekomme?"

8200 Artikel bietet der Adese Markt auf 1000 Quadratmetern Einkaufsfläche an. Der Inhaber, Erol Aslan, hat einen beachtlichen Karrieresprung hingelegt: Bis vor drei Jahren arbeitete er als Packer beim türkischen Großhändler Onkel-Sahingöz GmbH & Co. KG in der Umschlaghalle Süd-Ost am Hamburger Großmarkt. Seine Schwester Türkan Durmaz (38), die ihm im Laden hilft, hatte von 2002 bis 2006 einen rund 100 Quadratmeter großen Laden an der Bremer Straße 67.

Bis zum 7. September lockt der Multi-Kulti-Supermarkt mit einem "Jubiläumsangebot", das bei vielen türkischen Lebensmittelhändlern in ganz Hamburg derzeit für Unmut sorgt: Erol Aslan verkauft viele Lebensmittel unter den Preisen, die der Großhändler Onkel-Sahingöz anderen türkischen Lebensmittelhändlern gewährt: So kostet ein Kilo Weichkäse von Gazi 3,99 Euro - der Einkaufspreis liegt bei 4,49 Euro plus sieben Prozent Mehrwertsteuer. Ein Kilo Weizenmehl von Özdivar kostet 29 Cent, der Einkaufspreis liegt bei 35 Cent plus Mehrwertsteuer. Fünf Kilo türkische Weizengrütze von Duru kosten 4,99 Euro, der Einkaufspreis liegt bei 5,80 Euro plus Mehrwertsteuer. "Das ist nur ein Jubiläumsangebot", sagt Erol Aslan, "die Preise kann ich nicht auf Dauer halten."

Auf dem Hamburger Großmarkt erzählen die türkischen Händler sich derweil, dass Erol Aslan deswegen bei vielen Produkten mit Preisen unter dem Einkaufspreis locke, weil er die Konkurrenz eines neuen türkischen Supermarktes in Harburg fürchtet: Onur, im ehemaligen Haus von Karstadt Sport am Kleinen Schippsee. Wer indes genau auf die Preise bei Adese guckt, der wird feststellen, dass manche Preise auch recht gesalzen sind: So kostet ein Glas der Palmfrucht Chontaduro aus Kolumbien 7,99 Euro. "Bei mir in der Heimat", sagt die kolumbianische Kundin Natalie Cortes (22), "gibt es so ein Glas für weniger als einen Euro."