Wut in Rübke: Sind Vögel wichtiger als wir?

A 26: Nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichtes. In dem 540-Einwohner-Dorf herrscht "blankes Entsetzen" darüber, daß die Trasse dichter an ihre Häuser herangeführt werden soll.

Rübke. Martina Schulz muß lachen: "Wo bitte schön lebt denn der Wachtelkönig? Dieses Urteil ist unverständlich." Die 43jährige hat wie fast alle der 540 Rübker am Donnerstag gebannt auf Nachrichten aus Lüneburg gewartet. Dort tagte der 7. Senat des Oberverwaltungsgerichts. Die Richter haben eine Entscheidung (7 MS 91/05) gefällt, die keiner im Dorf verstehen kann: Die Planung der Autobahn 26 östlich der Este muß neu aufgerollt werden. Die Richter fordern, daß die Autobahntrasse um 400 Meter in Richtung Norden, also in Richtung Rübke, verschoben werden muß.

Der Grund: Die geplante Trasse durchschneide unzulässig das europäische Vogelschutzgebiet "Moore bei Buxtehude". Um das Vogelschutzgebiet zu schonen, lasse sich die Autobahn näher an die Ortschaft heranlegen. Auch ohne zusätzliche Schutzanlagen würden dabei die Verkehrslärm-Grenzwerte eingehalten - die Richter gaben damit einer Klage des Naturschutzverbandes Niedersachsen statt.

Martina Schulz ist nicht gegen die Autobahn. "Bei dem Verkehr durch das Alte Land zu fahren, ist auch nicht der Kracher." Sie ist sogar optimistisch, das "etwas für den Lärmschutz" getan werde. Trotzdem hat sie sich entschieden, aus Rübke fortzuziehen. "Aber das machen wir nicht wegen der Autobahn, sondern wegen unser Kinder. Die haben hier in der Straße zuwenig Spielkameraden."

Entsetzt über das Urteil ist Hermann Steinmetz (64), der seit 1970 in Rübke lebt. "Naturschutz muß sein, aber daß er über allem steht, ist nicht in Ordnung. Jetzt soll die Autobahn ja ganz dicht an den Häusern an der Buxtehuder Straße im Süden Rübkes vorbeilaufen. Dieses Urteil war leider vorauszusehen. Auch auf den Versammlungen zur A 26 galt der angebliche Wachtelkönig ja mehr als die Rechte der Menschen. Wenn die Autobahn kommt, werden Häuser in Rübke weniger wert werden."

"Es ist nicht nachvollziehbar, daß Tiere wichtiger als Menschen sind", sagt auch Nachbarin Regina Wiegers (59), gebürtige Rübkerin. "Unsere Lebens- und Wohnqualität wird sinken. Keine Frage, die Autobahn muß dringend kommen. Ich bin in dieser Woche zweimal auf dem Obstmarschenweg und auf der Bundestraße 73 gefahren - der Verkehr war mal wieder katastrophal."

"Es ist schon mehr als ärgerlich, daß die Natur- und Vogelschützer sich so viele Rechte herausnehmen, und die Richter geben dem auch noch recht", sagt Karl Meyer (82), der seit 1945 in Rübke lebt. "Dem Vogel ist die Trassenführung doch egal, der fliegt sowieso über die Autobahn. Den Wachtelkönig hat hier ohnehin noch niemand gesehen."

Die gebürtige Rübkerin Helene Beckedorf (79) ist "enttäuscht" über das Lüneburger Urteil. "Ich hatte gehofft, daß es anders kommen würde. Warum soll man den Tieren Vorrecht geben gegenüber den Menschen?" Der "komische Vogel" sei ohnehin schon vertrieben worden. "Zwischen Buxtehude und Rübke ist ohnehin viel landwirtschaftlicher Verkehr im Moor. Da hält es kein scheuer Vogel aus."

Peter (70) und Anneliese Jungclaus (63) wollen auch nicht, "daß die Autobahn so dicht an unser Dorf herankommt." "Der Mensch sollte vor Natur gehen, in jeder Beziehung", sagt Peter Jungclaus, der vor 34 Jahren in Rübke gebaut hat. "Was ist denn das für ein komischer Naturschutzverein, der nur den Vogel im Auge hat?""Dem Menschen kann man also alles zumuten, obwohl noch niemand den Wachtelkönig gesehen und gehört hat?" wundert sich auch Eckhard Bludau (66).

Rübkes Ortsvorsteher Helmut Ellmers spricht von einem "blanken Entsetzen" in der zu Neu Wulmstorf zählenden Ortschaft. Die Aussage der Richter, es gebe für eine Abwägung mit den Interessen der Anwohner keinen Raum, sei eine Ohrfeige für die Menschen in Rübke, schimpft Ellmers. Mindestens zehn Betriebe würden von Nutzungsein-schränkungen betroffen sein.

Bereits seit drei Jahren leidet Rübke unter starkem Lkw-Durchgangsverkehr. Die Hauptstraße (L 235) ist offizielle Zufahrt zum Airbus-Werk, seit Hamburg das Dorf Neuenfelde für Laster sperrte - sehr zum Ärger des Nachbarn Neu Wulmstorf, dessen Straßen Schaden nehmen.

Die Gemeinde will nun im Planfestellungsverfahren zur A 26 auf aktive Lärmschutzmaßnahmen für die geplagten Rübker Bürger pochen, kündigte Ortsentwicklungsamtsleiter Thomas Saunus an. Jeder Meter Autobahn an Rübke heran sei zuviel.

Nur einen Rübker, der nicht genannt werden will, interessiert "diese Autobahn überhaupt nicht. Wenn die ersten Autos fahren, bin ich ja schon tot."