Harburg
Randnotiz

Goethes Kampf ums Komma

Religion und Interpunktion, die zwei Dogmen unterschiedlicher Herkunft, haben mehr miteinander gemein als der (un)bedarfte Gläubige und Schreiber denken mag - das fand zumindest kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe.

Religion und Interpunktion, die zwei Dogmen unterschiedlicher Herkunft, haben mehr miteinander gemein als der (un)bedarfte Gläubige und Schreiber denken mag - das fand zumindest kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe.

Religion ist Glaubenssache. Evangelist, Muslim, Katholik, Jude oder Buddhist: Das sollte jeder mit sich selber ausmachen. Für die Interpunktion gilt das eigentlich nicht. Die festen Regeln der Rechtschreibreform zwingen jeden, der schreibt, gewisse Vorgaben zu beachten. So findet sich beispielsweise auf jedem gut sortierten Schreibtisch neben der dicken Adressenkartei der mahnende Duden in Strahlendgelb. Und bestenfalls auch ein Leitfaden zur Komma- und Punktsetzung, übrigens ebenfalls in gelb. Soweit so gut. Mit der korrekten Interpunktion klappt es dennoch nicht immer.

Aber wer hätte das gedacht? Die vielen Kniffe und Verschmitztheiten der deutschen Rechtschreibung waren schon sehr lange vor der 1998 in Kraft getretenen Rechtschreibreform ein Reizthema. Und somit kommen wir wieder zurück auf Johann Wolfgang von Goethe.

An einem Sommerabend im Jahr 1822, soll sich im Hause Goethes folgender Monolog zugetragen haben: Über seinen Umgang mit der Rechtschreibung erklärte der Dichterfürst: "Ich halte sie - die Rechtschreibung - mir nach Möglichkeit vom Halse. Und mache, wenn man streng sein will in jeden Brief Schreibfehler und vermeide vor allem die Kommata!"

Seine Gäste sollen angesichts dieses Bekenntnisses furchtbar erschrocken sein. Dann fuhr Goethe fort: "Mein Gewissen beruhige ich in dieser Angelegenheit mit einer Erkenntnis des verehrten Christoph Martin Wieland (Zeitgenosse Goethes, Dichter der Aufklärung): 'Religion und Interpunktion sind Privatsache'".

Wohin das zu führen vermag: Lesen sie einfach unsere Zeitungsartikel gründlich nach, achten Sie auf die Interpunktion. Und sollten Sie Fehler finden, dann denken Sie an die Worte Goethes - und verzeihen Sie uns fehlerhafte Interpunktion, die ja immerhin höchst privater Natur ist und nach eigener Aussage selbst dem großen Goethe hätte unterlaufen können.