Die Stadtteilserie

Winterhude: Zwischen "Little Fifth Avenue" und "Schitti Nord"

| Lesedauer: 6 Minuten
Camilla John

Kennzeichnend für den gesamten Stadtteil sind die kleinen Hinterhöfe der Wohnquartiere, in denen sich der private Teil des Lebens abspielt.

Wer vorgibt, dass er Winterhude liebt, sagt nicht die ganze Wahrheit. Denn meist ist nicht der Stadtteil insgesamt gemeint, sondern eine von drei Regionen, aus denen er sich zusammensetzt. Da ist zum einen im Süden der Mühlenkamp, von Kennern achtungsvoll auch "Little Fifth Avenue" genannt, mit den umliegenden Straßenzügen, die sich hervorragend eignen, den Nachwuchs im Marken-Kinderwagen auszuführen. Westlich gelegen gibt es den gutbürgerlichen Bereich mit Wohnhäusern rund um den Winterhuder Marktplatz. Und schließlich im Norden die City Nord mit ihren gewaltigen Bürokomplexen. Drei mal Winterhude: "Schickihude", "Schluderhude" und die "Schitti Nord".

+++ Töchter & Söhne +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Name & Geschichte +++

Kennzeichnend für den gesamten Stadtteil sind die unzähligen, kleinen Hinterhöfe der Wohnquartiere, in denen sich der private Teil des Lebens der Winterhuder abspielt. Auf der Straße grüßt man sich, hält einen Klönschnack beim Schlachter und tauscht sich auf dem Wochenmarkt gern mit dem Bauern seines Vertrauens über die Ernte und alle anderen wichtigen Lebensfragen aus. Und dann ist da auch noch die Nähe zum Wasser, die den besonderen Charme Winterhudes ausmacht - mit rund acht Kilometern an Kanälen.

Kaffee-Kultur

Café latte, Latte macchiato, Café crème - an jeder Ecke gibt es Kaffeespezialitäten, die ganze Mahlzeiten ersetzen können. Vor allem stehen sie für das Lebensgefühl all jener jungen Menschen, die (noch) keine Familie haben, lieber im Gehen als zu Hause frühstücken und sich nach Feierabend und an Wochenenden gern mit Freunden treffen. Etwa im Café Leinpfad, direkt am Wasser gelegen an der gleichnamigen Straße neben der Winterhuder Brücke. Oder im Landhaus Walter in Hamburgs grüner Lunge, dem Stadtpark.

Geschäfte mit Tradition

Wer gerne gut isst und kocht, der ist in der Schlachterei Striga an der Alsterdorfer Straße richtig. Bei Sascha Striga gibt es nicht nur Fleisch- und Wurstwaren, sondern auch gleich das passende Rezept dazu. Wer's deutsch und deftig mag, dem gefällt der tägliche Mittagstisch mit Kotelett, Hähnchen und Frikadellen. Für frische Fischspezialitäten sollte man den Mühlenkamp besuchen: Fisch Böttcher ist auch solch ein Traditionsgeschäft, das seit 1913 neben Qualität auf individuelle Kundenbetreuung setzt.

Verewigte Prominenz

Etliche Straßennamen dokumentieren, wer die Entwicklung des Stadtteils geprägt hat. Beispiel Sierichstraße. Den meisten ist sie eher bekannt als Europas einziger Fahrweg mit täglichem Richtungswechsel: von vier Uhr nachts bis zwölf Uhr mittags stadteinwärts, dann stadtauswärts. Namensgeber ist der Winterhuder Immobilien-Tycoon und Goldschmied Johann Friedrich Bernhard Sierich, der schon 1838 einen der alten Höfe gekauft hatte und fast das ganze Gelände vom alten Zentrum Winterhudes bis an die Außenalster erwarb und seinen sumpfigen Besitz durch Entwässerungskanäle für Wohnungsbau nutzbar machte.

Auch Julius Gertig (1831-1898), nach dem die Gertigstraße benannt wurde, hat einiges bewegt: Am Mühlenkamp 34 ließ er, der schon an den Großen Bleichen eine Badeanstalt und am Großen Burstah ein Lotteriegeschäft führte, eine Gaststätte zu einem riesigen Ausflugslokal ausbauen. Die Hudtwalckerstraße trägt ihren Namen im Andenken an die im 18. und 19. Jahrhundert einflussreiche Familie Hudtwalcker, die mehrere Senatoren und Ratsherren stellte. An der Grenze nach Barmbek liegt die Jarrestadt mit ihren hochgeschossigen roten Klinkerbauten und der Kulturfabrik Kampnagel. Die ist heute weit über die Grenzen der Stadt hinaus für zeitgenössisches Tanztheater bekannt. Namensgeber dieses Quartiers ist der Hamburger Senator und Bürgermeister Nicolaus Jarre (1603-1678).


Die grüne Lunge

Von zentraler Bedeutung ist der Stadtpark: ideal zum Joggen, Picknicken, Baden oder Grillen, aber auch für Freilichtkonzerte und Sternengucker. Zu verdanken haben die Hamburger diese Oase Kunsthallen-Direktor Alfred Lichtwark. Der stellte 1897 die Frage, ob die Stadt aufgrund des rasanten Baus von Werften, Wohnsiedlungen und Fabriken überhaupt bewohnbar bleiben könne, "wenn nicht ein großer Stadtpark geschaffen wird".

1903 kaufte der Senat zunächst das heute westlich der Hindenburgstraße liegende 37 Hektar große Sierische Gehölz. Acht Jahre später entwickelten Baudirektor Fritz Schumacher und Oberbauingenieur Fritz Sperber einen Plan für den "neuen Volkspark", später kam die Jahnkampfbahn hinzu. 1943 erlitt der Stadtpark schwere Schäden. "Im Krieg war ich Soldat und erinnere mich noch gut daran, wie auf der Stadtparkwiese Lebensmittel ausgegeben wurden", sagt der 83-jährige Günther Stümpel, der seit über vierzig Jahren im Vorstand des Winterhuder Bürgervereins ist. Von den Bomben verschont blieb der 38 Meter hohe Wasserturm, das heutige Planetarium. "Ein Fenster ins All", sagt Sternwartenchef Thomas W. Kraupe.

Vielfältige Architektur

Zwei schmückende Bauwerke sind zum einen Hamburgs älteste höhere Lehranstalt, die Gelehrtenschule des Johanneum, die 1914 vom Domplatz an die Maria-Louisen-Straße zog. Gegründet hatte sie 1529 Reformator Johannes Bugenhagen. Zu den Absolventen gehören Autor Ralph Giordano, Physiker Heinrich Hertz und Lotto King Karl. Zum zweiten ist es das Winterhuder Fährhaus an der Hudtwalckerstraße/Ecke Winterhuder Kai. Seit 1988 werden hier Komödien aus dem Boulevardbereich gegeben. Was nicht immer so war, denn das Fährhaus errichtete 1865 der Kohlenhändler C. F.C. Jacobs als Ausflugslokal. Ganz anders das Aussehen und die Atmosphäre in der City Nord, eine 1961 auf dem Reißbrett geplante Bürostadt mit Waschbeton-Charme. Gegründet wurde sie auf dem Gelände des ehemaligen Kleingartenreviers, um den wachsenden Platzbedarf in Hamburg ansässiger Firmen zu stillen. Entstanden sind architektonische Solitäre mit baulichen Leitbildern der 60er- und 70er-Jahre.

+++ Die Stadtteil-Patin: Camilla John +++

Seinen bürgerlichen Wohlstand zeigt der Stadtteil mit Villen am Rondeel, Leinpfad, an Bebelallee und Bellevue. Bei einer Bootstour auf der Alster kann jeder die rückwertigen Gärten an den inspizieren. Und spätestens dann wird klar: Winterhude ist liebenswert - aus jeder Perspektive.

In der nächsten Folge am 26.3.: Billstedt

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