Serie: Teil 1

Im Stadtteil Langenhorn küsst Fluglärm das Naturidyll

Grün aber nicht ländlich, das schätzt der Langenhorner Thomas Kegat, hier vor der Schumacher Siedlung, an seinem Stadtteil

Grün aber nicht ländlich, das schätzt der Langenhorner Thomas Kegat, hier vor der Schumacher Siedlung, an seinem Stadtteil

Foto: Marcelo Hernandez

Großstadt oder Umland? Wir vergleichen Hamburger Stadtteile mit angrenzenden Kommunen. Heute: Langenhorn und Norderstedt.

Helmut Schmidt? Kennt jeder. Wohnt in Langenhorn? Weiß jeder. Merke: Wer Schmidt sagt, muss auch Langenhorn sagen. Darauf sind die Einwohner tatsächlich stolz, es klingt fast identitätsstiftend. Aber sonst? Von Ochsenzoll und Heidberg, den beiden Landeskrankenhäusern, hat man möglicherweise schon gehört. Vielleicht auch vom eventuell ehrlichsten Freibad der Stadt (Brunnenwasser, Abrisskärtchen, Kiwittsmoor!).

Doch typisch Langenhorn? „Das gibt es gar nicht“, sagt Thomas Kegat, 41, hier aufgewachsen, hier lebend. Das Naturschutzgebiet Raakmoor trifft die Einflugschneise, 21 Kleingartensiedlungen treffen auf eines der ältesten Einkaufszentren der Stadt (Langenhorner Markt) und das Bächlein Tarpenbek trifft auf den viel befahrenen Krohnstiegtunnel. Wer böse ist, mag dem Stadtteil seltsame Gesichtslosigkeit unterstellen. Optimisten sagen: Langenhorn ist tierisch abwechslungsreich. Denn echte Fauna gibt es im Norden Hamburgs auch noch, mindestens aber Rehe und Reiher.

„Der Stadtteil hat eben sehr viele Facetten“, erklärt der gelernte Bankkaufmann Kegat, der mit Frau und Sohn nach einem kurzen Gastspiel in Rotherbaum wieder an den Ort seiner Kindheit gezogen ist. Weil es hier erstens so schön grün und zweitens so schön unprätentiös sei: „Langenhorn hält sich nicht für den Nabel der Welt. Aber wir sind ein Teil von Hamburg“, sagt Kegat. Nach Schleswig-Holstein ziehe es im Alltag jedenfalls niemanden. Gleichwohl sei der Stadtteil für viele auch „Sprungschanze“ ins Umland, gleich hinter der Stadtteilgrenze beginne auf der B 432 Richtung Ostsee der Urlaub. „Urbane Randlage“, würden Immobilienmakler flöten.

40 Prozent Ein- und Zweifamilienhäuser

In dem relativ großen Stadtteil kenne zwar nicht jeder jeden, aber es sei vergleichsweise familiär. „Wer noch einigermaßen günstig Eigentum bilden möchte, findet in Langenhorn die Möglichkeiten“, sagt Kegat, der für die SPD in der Bezirksversammlung Nord sitzt. Die aufgelockerte Wohnbebauung (40 Prozent Ein- oder Zweifamilienhäuser) macht Langenhorn „gartengrün“, aber eben nicht ländlich. Mitgeprägt wird dieser Eindruck von Wohnsiedlungen wie der Fritz-Schumacher-Siedlung, die in den 20er-Jahren mit dem Ziel, ihren Bewohnern Selbstversorgung zu ermöglichen, gegründet wurde oder der unter Denkmalschutz stehenden Schwarzwaldsiedlung an der Essener Straße.

Das seit 1913 zu Hamburg gehörende, langgezogene Dorf verlor im vergangenen Jahrhundert nahezu alle landwirtschaftlichen Flächen. An deren Stelle traten aber nicht nur Wohnsiedlungen oder zahlreiche Gewerbebetriebe, auch Parks, das wirtschaftliche Zentrum Langenhorn Markt, das Gymnasium Heidberg, 24 Kindertagesstätten, zwei Bauspielplätze, eine große Sportplatzanlage im Zentrum, zwei Stadtteilkulturhäuser und ein Bürgerhaus sowie die U1 kamen. Kurzum: „Für Familien ideal“, sagt Thomas Kegat. Zumal halb Langenhorn beim SC Alstertal/Langenhorn angemeldet sei. Gut angebunden und trotz Fluglärms im südlichen Teil eher ruhig ist es auch. „Wir haben hier keine Großstadthektik, aber das gute Gefühl, zur Großstadt zu gehören.“ Was fehlt, wird demnach nicht in Norderstedt kompensiert, sondern „in der Stadt“ wie Langenhorner ihr Mutterschiff Hamburg nennen.

Leonid Iljitsch Breschnew besuchte einst den Stadtteil

Die exzellente Anbindung zum Flughafen ist dabei Fluch und Segen zugleich. Der 292er-Bus, der von der U-Bahn-Station Ochsenzoll bis direkt vor die Terminals fährt, macht die weite Welt zum Katzensprung. In der Einflugschneise wünschten sich die Bewohner eher etwas Distanz, wenn sie in ihren Gärten die Schrauben der herandonnernden Flugzeuge zählen können. Terror, der beim Wochenmarkt, immer dienstags und sonnabends, thematisiert wird, wenngleich er dort, in Langenhorn Mitte, nicht mehr so nervt.

Am Ende biete Langenhorn vor allem „Chancen“, wie Thomas Kegat sagt. Die „Kleine“ Tangstedter Landstraße wurde gerade aufgehübscht, nebenan entsteht eine Seniorenwohnanlage mit Drogeriemarkt und Jim Block-Filiale. „Langenhorn lag lange im Dornröschenschlaf, nun wacht es gerade auf.“ Wem das Umlandkennzeichen zu piefig sei, dem biete dieser Teil der Großstadt eine echte Alternative. Und dort zu wohnen, wo einst Leonid Iljitsch Breschnew abstieg, kann nun wirklich nicht jeder von sich behaupten. Wer Langenhorn sagt, muss eben auch Schmidt sagen.

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