Die Stadtteilserie

Eppendorf

| Lesedauer: 7 Minuten
Anika Riegert

Heilen und teilen, angeben und ausgeben, sich trauen und sich treiben lassen – hier liegt alles nahe beieinander.

Wer Eppendorf verstehen will, sollte hier einmal gelebt haben. Es wäre ungerecht, Eppendorf nur oberflächlich zu betrachten. Klar gibt es sie hier: die Yuppies im Polo-Sport-Sylt-Look und mittelgescheitelte Kinder, die auf Namen wie Lara-Louisa oder Franz-Friedrich hören. Das Schöne aber ist: Hier wohnen nicht nur Neureiche, sondern auch Alteingesessene. Menschen, die Eppendorf noch aus der Zeit kennen, als Begriffe wie Latte macchiato und Mietwucher unbekannt waren.

Wie der gelernte Tierpfleger Claus Kröplin, der noch heute in seinem Geburtshaus an der Martinistraße wohnt und als Drehorgelspieler in Eppendorf Kultstaus hat. An die Schulspeisung an der Löwenstraße erinnert er sich, als die Engländer hier nach dem Krieg Erbsensuppe verteilten. Erst kürzlich entdeckte Kröplin dort ein Schlagloch im Asphalt, aus dem das Kopfsteinpflaster seiner Kindheit hervorschaute. "Damals fuhren hier Pferdegespanne, und wir spielten Fußball mit aus Lumpen gewickelten Bällen", sagt er. In Eppendorf muss man manchmal etwas tiefer graben, um das vollständige Bild sehen zu können.

Viel Park, wenig Parkplatz

Vermutlich gibt es nicht viele Stadtteile, die gefühlt so voller Bäume und zugleich so voller Autos sind wie Eppendorf. Ersteres bezogen auf die vielen Grünanlagen. Zu nennen sind der Seelemannpark zur Alster hin aus der Zeit, als vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert Eppendorf einer der hamburgischen Landhausvororte war. Oder der Hayns Park, der Kellinghusenpark und der Eppendorfer Park vor dem UKE. Das Missverhältnis zwischen Autos und Parkplätzen rührt daher, dass viele Eppendorfer sich zwei Autos leisten. Den Strafzettel fürs Falschparken obendrauf. Jugendstilambiente hat seinen Preis. Wer hier wohnt, gehört in der Regel zu den Besserverdienern, hat geerbt oder Glück gehabt.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

In dem seit 1895 zu Hamburg zählenden Stadtteil lebten von jeher allerdings nicht nur jene, die gerne zeigen, was sie haben. Sondern auch jene, die geben, was sie haben. Nur so konnte bis in die 20er-Jahre eines der größten Stiftungsquartiere der Stadt entstehen. Für Menschen, die kein Geld für Unterkunft hatten und sozial benachteiligt waren. Die sogenannten Gotteswohnungen an der Frickestraße gehen auf den wohlhabenden Hamburger Kaufmann und Stifter Johann Koop zurück, der vor seinem Tod 1611 in seinem Testament verfügte, dass "arme, unbescholtene Frauenzimmer" dort eine bescheidene, indes sichere Unterkunft finden sollen. Weitere Stifte sind die Daniel-Schutte-Stiftung an der Tarpenbekstraße, das Kloster St. Johannis an der Heilwigstraße und das Stift Anscharhöhe im Park zwischen Tarpenbekstraße und Nedderfeld. Mit dem St.-Joseph-Stift endet das Viertel zur Martinistraße beim Diakonissen-Krankenhaus Bethanien.


Standesamt in der Badeanstalt

Wer bei der Martinistraße an Spirituosen denkt, ist auf dem falschen Weg. Denn die 1887 angelegte Straße wurde nicht nach James Bonds Lieblingsgetränk benannt, sondern nach dem einstigen Oberarzt am Krankenhaus St. Georg, Erich Martini. An der Straße befindet sich heute das Universitätskrankenhaus Eppendorf, das 1889 eröffnet wurde, um das Krankenhaus St. Georg zu entlasten. Mittlerweile zählt das UKE circa 9100 Beschäftigte. 2241 davon sind Ärzte und Naturwissenschaftler. Als weitere architektonische Prachtbauten gelten das Holthusenbad von Fritz Schumacher an der Goernestraße und die Pfarrkirche St. Johannis. Im Obergeschoss der 1912-14 errichteten Badeanstalt war lange das Standesamt untergebracht. Ein paar Meter weiter geben sich Paare aus der ganzen Stadt das Jawort auch vor Gott: in der im 12. Jahrhundert gegründeten, sogenannten Hochzeitskirche St. Johannis. Auch Uwe und Ilka Seeler heirateten dort.

Politisches Wirken und Gedenken

Nicht so geistlich, aber oft sehr geistreich ging es im 1927 erbauten Theater an der Ludolfstraße zu. Hier traten Wolfgang Borchert, Inge Meysel und Georg Thomalla auf. Seit 1994 zeigen Jan-Peter Petersen und Nils Loenicker in dem Lustspielhaus politisch-satirisches Kabarett unter dem Namen Alma Hoppe. Ganz in der Nähe, an der Tarpenbekstraße 66, ist die Gedenkstätte Ernst Thälmann. Im ehemaligen Wohnhaus des 1944 im KZ Buchenwald ermordeten KPD-Vorsitzenden und Widerstandskämpfers zeigt ein Museum die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Hamburger Widerstands.

Nachts gehen die Lichter früher aus

Eppendorf als Kultkiez prägte vor allem die legendäre Musikkneipe Onkel Pö. Und das, obwohl die Räume am Lehmweg, die heute das Restaurant Schweinske beherbergen, streng genommen zu Hoheluft-Ost gehören. Trotzdem: "Das Pö hat Eppendorf beeinflusst", sagt Heinz Körschner. Der ehemalige, langjährige Vorsitzende des Bürgervereins wohnt an der Nissenstraße und hat den Wandel Eppendorfs hautnah erlebt. Im Pö spielten Jazz-Größen wie Al Jarreau, Chet Baker oder Dizzy Gillespie. Udo Lindenberg verewigte das Lokal in seinem Album "Alles klar auf der Andrea Doria". Viele Künstler zog es damals nach Eppendorf. "Heute wohnen hier vor allem Familien, es ist nicht mehr so wild wie vor 30 Jahren", so Körschner. Kein Wunder, dass Restaurants und auch Eppendorfs 1906 entstandenes Kultlokal Borchers an der Geschwister-Scholl-Straße meist um 23 Uhr schließen. Borchers-Chef Jan Kleinert: "Eppendorf ist ruhiger geworden. Paare und Familien bleiben am späten Abend zu Hause."

Frühstücken mit "Dittsche"

Tagsüber ist das anders. Da trifft man sich auf der Eppendorfer Landstraße. Morgens wird beim Hansebäcker Junge gefrühstückt, häufig sitzt man dabei neben Prominenten wie Olli Dittrich und Harry Rowohlt. Nach dem Wochenend-Einkauf im Schlemmermarkt gibt es wahlweise Kaffee von Starbucks oder Kuchen in der Konditorei Lindtner. Anschließend Schaufenstergucken bei Anita Hass oder Spielzeugkaufen bei Koch. Wenn die Sonne scheint, schmeckt es entweder bei Cornelia Poletto am Stehtisch oder am Ende der Straße bei ihrem Ex-Mann, in Remigio Polettos Winebar. Nachtisch: ein großes Eis im Eiszeit. Mit Blick auf die prächtigen Fassaden der Etagenhäuser an der Eppendorfer Landstraße. Diese setzten sich mit ihren Vorgärten 1880 als neuer Maßstab durch. Das backsteinige Postamt von 1929 wirkt dazwischen wie ein liebevoll gestapelter Kontrast. Es ist die Vielfalt, die das Stück Straße zwischen Eppendorfer Markt und Eppendorfer Baum so reizvoll macht. Trotz hoher Fluktuation und neuer Geschäfte verliert Eppendorf eines schon seit Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten nicht: den Charme, ein besonderes Dorf innerhalb einer Metropole zu sein.

+++ Die Stadtteil-Patin: Anika Riegert +++

In der nächsten Folge am 16.7.: Eilbek

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Eppendorf