Die Stadtteilserie

Barmbek-Nord: Ehemaliges Arbeiterquartier mausert sich

| Lesedauer: 7 Minuten
Daniela Stürmlinger

Der Stadtteil macht sich hübsch - und gehört in Sachen Wohnungsbaupolitik für den Hamburger Senat mittlerweile zu den wichtigsten Regionen.

Rotklinkerbauten, soweit das Auge reicht. Hier, in Barmbek-Nord fanden Tausende Arbeiterfamilien, die nach dem Ausbau des Freihafens und der Speicherstadt Ende des 19. Jahrhunderts umgesiedelt werden mussten, eine Bleibe. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden unter anderen von Fritz Schumacher, einem der in der damaligen Zeit erfolgreichsten Architekten des Landes, zahlreiche Rotklinkerbauten mit vielen kleinen Wohnungen errichtet, die für die Mieter auch bezahlbar waren. So wurde aus dem ehemaligen Dorf Bernebeke ein Arbeiterstadtteil.

Doch das ist längst Geschichte. Barmbek-Nord macht sich hübsch - und gehört in Sachen Wohnungsbaupolitik für den Hamburger Senat zu den wichtigsten Regionen. Da ist zum Beispiel das neue Quartier 21 mit knapp 600 Wohnungen auf dem Gelände des ehemaligen Allgemeinen Krankenhauses Barmbek. Die heutige Asklepios-Klinik Barmbek ist in die Nähe an den Rübenkamp 220 umgezogen ist.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Bekannte Söhne +++

Günstige Mieten

Immer mehr Studenten und junge gut verdienende Menschen wohnen inzwischen in dem Viertel - oft auch, weil die Mieten auf der Uhlenhorst, in Eppendorf, Eimsbüttel, in St. Georg oder Winterhude in jüngster Vergangenheit stark gestiegen sind. Zwar klettern auch in Barmbek-Nord mit dem Bau hochwertiger Wohnungen die Preise, aber sie sind noch immer vergleichsweise niedrig.

Neben dem Quartier 21 entstehen weitere 1400 Wohnungen im geplanten Hebebrandquartier, rund 670 werden an der Dieselstraße gebaut. Hinzu kommen zahlreiche Projekte von Wohnungsbaugenossenschaften wie der Saga, die kleine, leer stehende Apartments zusammenlegen und energetisch sanieren, damit sie den modernen Ansprüchen der künftigen Bewohner genügen.

Barmbek-Nord verbindet Historisches mit Neuem, ist authentisch und lebendig.

"Der Stadtteil hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, aber ein In-Viertel wie etwa St. Georg, wird er nie", sagt Ulli Smandek, Sprecher vom Bürgerhaus Barmbek. Das Quartier bleibt bodenständig und will nicht zum Präsentierteller für die urbane Latte-macchiato-Fraktion werden.

Es kommen immer mehr Familien mit Kindern in das Viertel. Wohl auch wegen des schulischen Umfelds. Selbst Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) lobte in jüngster Vergangenheit die Stadtteilschule Barmbek für ihr vorbildliches Nachhilfe-Angebot sowie den Mittagstisch für die Schüler. Tatsächlich bildet die Stadtteilschule mit ihren drei Standorten an der Fraenkelstraße, am Tieloh sowie in dem ehemaligen Emil-Krause-Gymnasium an der Krausestraße ein Bildungsdreieck, in dem vom Haupt- über den Realschulabschluss bis zum Abitur für die Schüler alles machbar ist.


Kultur von unten

Vor allem kulturell kann sich der Stadtteil sehen lassen. So werden im Barmbeker Bürgerhaus an der Lorichsstraße Theaterstücke aufgeführt oder Kurse etwa für Englisch oder Spanisch angeboten. In den Räumen der alten Zinnschmelze, Maurienstraße 19, Teil der ehemaligen New York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie, lädt das Kulturzentrum Zinnschmelze mit Café ebenfalls zu Theater, Musik, Partys, Literatur, Ausstellungen, Kleinkunst und Kinderprogramm. Das Museum der Arbeit am Wiesendamm präsentiert die historische sowie die heutige Wirtschaft. Das Gebäude der 1910 errichteten Margarinefabrik Voss an der Bramfelder Straße, das heute zur Techniker Krankenkasse gehört, ist ein Blickfang. Es steht unter Denkmalschutz und ist Zeugnis der industriellen Vergangenheit. Smandek und seine Mitstreiter sorgen für eine Kultur von unten, die möglichst viele Bürger des Stadtteils ansprechen soll. Der Bezirk honoriert dieses Engagement: Bürgerhaus und Zinnschmelze sollen beide einen Anbau erhalten.

Die Zahl derjenigen, die sich für ihren Stadtteil engagieren, ist groß. So haben Anwohner 1984 einen Verein gegründet, um den vom Abriss bedrohten S-Bahnhof Rübenkamp zu retten. Die Bahn wollte das Gebäude verkaufen. Es wurde Geld gesammelt, saniert und in der Freizeit gearbeitet. Mit Erfolg: Das imposante Bauwerk gibt es immer noch, das Schach-Café in der ehemaligen Schalterhalle zieht inzwischen Gäste aus ganz Hamburg an.

Barmbek-Nord ist zwar ein relativ dicht bebauter Stadtteil, trotzdem gibt es zahlreiche grüne Fluchten. Der Freizeitwert ist hoch. Der Stadtpark grenzt an das Viertel und auf dem Osterbekkanal kann man vom Bootsanleger beim Museum der Arbeit sogar während der Saison an den Wochenende und an Feiertagen bequem und problemlos mit Alsterschiffen bis zum Jungfernstieg fahren. Hinzu kommt, dass Barmbek-Nord traditionell eine Sporthochburg ist. Viele Vereine existieren bereits seit Anfang der 20er-Jahre, so beispielsweise der Sport-Club Urania oder die Barmbeker Kraftsportvereinigung Goliath von 1903.

Natürlich gibt es in dem Viertel noch vieles, was zu verbessern ist. Als Schandfleck gilt vielen beispielsweise das leer stehende Hertie-Kaufhaus am Bahnhof Barmbek.

Problemfall "Fuhle"

Und auch auch die Fuhlsbüttler Straße, die Hauptverkehrsader des Stadtteils, die teilweise vierspurig verläuft, soll attraktiver werden. Sie schmückt sich mit Hamburgs höchster Hausnummer 792 und trennt den Stadtteil in zwei Hälften. Vor allem die Seite mit den geraden Nummern zeugt vielerorts noch von der Barmbeker Kleine-Leute-Gegend. Billigläden oder weiter unten leer stehende Geschäfte prägen das Bild. Sowohl Ladenbesitzer als auch die Anwohner setzen nun auf die neuen Wohnungen auf dem ehemaligen Krankenhausgelände Quartier 21. Mit den Bewohnern, so allgemein ihre Hoffnung, soll auch die Kaufkraft steigen.

Mit Ideen gegen Tristesse

Die Händler ringen um jeden Kunden. Im Südteil der Magistrale bietet die Interessengemeinschaft Fuhle, in der sich die ansässigen Geschäfte zusammengeschlossen haben, deshalb am Wochenende von 10 bis 14 Uhr auf dem Spielplatz Schwalbenplatz eine kostenlose Kinderbetreuung an, damit die Eltern Ruhe und Zeit zum Shoppen haben. "Wir brauchen mehr Ruhe-Inseln an der Straße", sagt Smandek. Das hat auch die Stadt erkannt. An der "Fuhle" soll deshalb eine Piazetta entstehen, ein Platz zum Ausruhen, Kaffeetrinken und Leutebeobachten. Dies könnte ein erster Schritt sein, um auch die Hauptverkehrsader des Stadtteils attraktiver und damit auch menschenfreundlicher zu gestalten.

+++ Die Stadtteil-Patin: Daniela Stürmlinger +++

Generell gilt: Das ehemalige Arbeiterquartier mausert sich zu einem attraktiven Wohnstandort, und das vor allem für junge Leute und Familien mit Kindern. Sie alle schätzen an dem Stadtteil in erster Linie genau das, was Barmbek-Nord immer war: sympathisch und authentisch mit viel Grün - und nicht nur in jüngster Vergangenheit auch mit immer mehr kulturellen Angeboten.

In der nächsten Folge am 4.6.: Harburg