Verkehr in Hamburg

Friedhof Ohlsdorf: Sonntags wieder freie Fahrt?

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Edgar S. Hasse
Das Schrankensystem vor dem Friedhof Ohlsdorf.

Das Schrankensystem vor dem Friedhof Ohlsdorf.

Foto: dpa

Zwei Schranken verhindern den Durchfahrtverkehr. Die CDU fordert nun eine teilweise Öffnung der Anlage.

Hamburg. Hier geht nichts mehr: Seit Mitte Oktober 2020 verhindern zwei Schranken mitten auf dem Ohlsdorfer Friedhof die Weiterfahrt für alle, die keine besondere Zugangskarte haben. Seitdem ist nach Friedhofsangaben der Durchfahrtsverkehr zum Erliegen kommen – „ein voller Erfolg des neuen Systems“, wie Lutz Rehkopf, Sprecher der Hamburger Friedhöfe AöR, sagt. Doch die Beschwerden vieler Menschen sind geblieben, weil sie nun Umwege für den Besuch der Gräber ihrer Angehörigen auf sich nehmen müssen.

Jetzt drängt die CDU-Bürgerschaftsfraktion nach Abendblatt-Informationen auf eine teilweise Öffnung der Schrankenanlage. In der kommenden Bürgerschaftssitzung will die CDU den Antrag stellen, die beiden Schranken an den Sonn- und Feiertagen offen zu halten.

„An den Feiertagen und am Sonntag ist der Anteil der Grabbesucher am Verkehrsaufkommen höher als an normalen Tagen. Dabei wird der Friedhof in erheblichem Umfang besucht, sodass eine Sonderöffnung sinnvoll ist“, heißt es im Antrag. Viele Grabnutzer hätten sich beschwert, dass sie trotz des Grabes auf dem Friedhof die Schranke nicht passieren dürften. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof gibt es rund 64.000 sogenannte Nutzungsberechtigte.

Forderung nach Öffnung der Schranken für Sonn- und Feiertage

Als erste Reaktion auf die Kritik der Besucher hatte die Friedhofsleitung kürzlich entschieden, dass die Schranke an den Feiertagen geöffnet bleibt. Dazu zählen Ostern, Pfingsten, Allerheiligen, Volkstrauertag, Totensonntag und die Weihnachtstage. „An diesen Tagen sollen Grabstätten Angehöriger im Rahmen von familiären Treffen ohne Hindernis besucht werden können, insbesondere von Gästen, die von auswärts kommen und über die Schranke nicht orientiert sind“, sagt Friedhofssprecher Rehkopf.

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Allerdings werde, so sagte er dem Abendblatt, die Sonderöffnung nicht auf die übrigen Wochenenden ausgedehnt. Der Grund: Es hatte in der Vergangenheit auch an den Wochenenden zahlreiche Durchfahrten über den Friedhof gegeben. Mit der Ablehnung einer Sonderöffnung an den Wochenenden sollen die Friedhofsbesucher auch an den Sonnabenden und Sonntagen in Ruhe den Friedhof genießen können. Eine Prüfung der Wochenend-Öffnung plant der Friedhof erst Mitte des Jahres mit einer „differenzierten Verkehrszählung“.

Vor Schrankeneinführung: 5000 von 8600 nutzten Friedhof nur für Durchfahrt

Wie stark Autofahrer vor dem Bau der Schrankenanlage den Friedhof für die bloße Durchfahrt nutzten, illustriert eine Senatsantwort auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der CDU-Abgeordneten Sandro Kappe und Richard Seelmaecker. So sei bei einer Verkehrszählung im Jahr 2017 an einem Wochenende der Durchgangsverkehr als „dominante Nutzergruppe“ festgestellt worden. Bei einer Zählung am 8. Juli 2015 wurden in der Zeit von acht bis 21 Uhr sogar 10.300 Ein- und Ausfahrten gezählt.

Untersuchungen hatten ergeben, dass gut 5000 der täglich 8600 Fahrzeuge den Friedhof ausschließlich für die Durchfahrt nutzen „Ohne Schranke gäbe es weiterhin diesen Durchgangsverkehr, auch an Wochenenden würde der Friedhof als Durchfahrtsstrecke genutzt, was dem Friedhofszweck widerspricht“, heißt es in der Senatsantwort. Stichproben hätten ergeben, dass der Durchgangsverkehr an den Wochenenden 27 Prozent des gesamten Fahrzeugverkehrs auf dem Ohlsdorfer Friedhof umfasst. Dabei handele es sich allerdings um eine Hochrechnung.

Wissenswertes zum Ohlsdorfer Friedhof

  • Der Ohlsdorfer Friedhof ist der größte Parkfriedhof der Welt
  • Mit 389 Hektar ist der Ohlsdorfer Friedhof zudem Hamburgs größte Grünanlage
  • Hier gedeihen 450 Laub- und Nadelgehölzarten
  • Rehe gibt es auf dem Ohlsdorfer Friedhof, Feldhasen, Waschbären, Füchse und vieles mehr.
  • Allein 284 Arten von Schmetterlingen wurden auf dem Ohlsdorfer Friedhof erfasst.
  • 57 Vogelarten werden hier nachgewiesen, 50 davon brüten auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof.
  • Auf dem Ohlsdorfer fanden zahlreiche Prominente ihre letzte Ruhe, darunter der Schriftsteller Wolfgang Borchers und der Physiker Heinrich Hertz
  • Auch der am 30. Dezember 2019 verstorbene Hamburger Schauspieler Jan Fedder wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt

Die CDU-Fraktion kritisiert, dass keine genaueren Informationen zu den Wochenenden vorliegen, und drängt auf eine Öffnung nicht nur an den Feiertagen, sondern auch an den Sonntagen. Sandro Kappe, umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, sagte: „Die Schließung der Schranke an Sonn- und Feiertagen ist nicht sinnvoll.“ Richard Seelmaecker, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, begrüßt, dass es grundsätzlich gelungen sei, den Durchgangsverkehr zu unterbinden. „Nach den Erfahrungen der ersten Monate macht es jedoch Sinn, einige Details noch nachzusteuern. Besucher müssen an Sonn- und Feiertagen, an denen sowieso kein Berufsverkehr stattfindet, den Friedhof ohne Schranke erreichen können.“

1600 Durchfahrtskarten wurden bisher ausgegeben

Die CDU-Fraktion schlägt außerdem vor, dass jeder Nutzungsberechtigte auf dem Ohlsdorfer Friedhof bei Bedarf einen Zugangs-Chip zum Selbstkostenpreis erhalten kann. Nach Senatsangaben belaufen sich die Gesamtkosten für eine Chipkarte auf 8,86 Euro. Sie umfassen Materialkosten in Höhe von 3,48 Euro, Programmierkosten mit Dokumentation (2,31 Euro) und Kartenausgabe (2,89 Euro). Bislang wurden 1600 Durchfahrtskarten ausgegeben.

Die Polizei hat acht und die Friedhofsverwaltung 50 Karten erhalten. An Gewerbetreibende wurden 250 und an Nutzungsberechtigte 252 Karten ausgegeben. Sie alle haben die Chipkarte kostenlos erhalten, müssen aber bei Verlust die entstehenden Kosten selbst tragen. Nach Friedhofsangaben wurden an Grabinhaber bislang rund 800 Karten herausgegeben. Weitere Anträge lägen vor und würden derzeit bearbeitet. „Die Durchfahrt wird nur denjenigen gestattet, die zwei Gräber auf dem Friedhof haben, deren Nutzungsberechtigte sie sind, bzw. die Aufträge der Nutzungsberechtigten zur Grabpflege nachweisen können“, sagt der Friedhofssprecher.

Eine missbräuchliche Nutzung der Karten überprüft der Ohlsdorfer Friedhof nicht. Weil nun praktisch kein Durchgangsverkehr mehr besteht, sei das Ziel der Ruhe erreicht worden. „Daher dürfte sich eine missbräuchliche Nutzung auf seltene Einzelfälle beschränken.“

Friedhof Ohlsdorf: Die Schranken befinden sich an der Kreuzung Mittelallee und Ida-Ehre-Allee

Die beiden Schranken befinden sich an der Kreuzung Mittelallee und Ida-Ehre-Allee und stoppen seit Mitte Oktober vergangenen Jahres den Durchgangsverkehr auf dem größten Parkfriedhof der Welt. Mit der knapp 450.000 teuren, videoüberwachten Anlage sollen jene Autofahrer an der Weiterfahrt gehindert werden, die den Friedhof nur zur Querung nutzen. Der Ohlsdorfer Friedhof wurde 1877 als erster kommunaler Friedhofs Hamburgs eingeweiht und gehört zu den „Hamburger Friedhöfen – Anstalt des öffentlichen Rechts“. Mehr als 1,4 Millionen Menschen wurden dort bestattet.

Mit seinen historischen Grabstätten und den 800 Skulpturen, 36.000 Bäumen, den Sonderanlagen wie dem „Althamburgischen Gedächtnisfriedhof“, den Baumgräbern und dem „Garten der Frauen“ sowie dem 17 Kilometer langen Straßennetz ist er ein herausragender Ort der Erinnerungskultur und für viele auch der Erholung. Weil die Zahl der Urnenbeisetzungen ohne eigenen Grabstein stark gestiegen ist, werden mehr Grabflächen frei. Der Friedhof soll jedoch als Beisetzungsstätte erhalten und als Naturraum und Park weiter-
entwickelt werden.