Winterhude

Brutplätze oder 120 Wohnungen – der große Streit

Gespräch um Nachverdichtung am Mühlenkampkanal mit Lars Hansen (l.)  vom Investor Robert Vogel KG und Anwohnervertreter Karl-Lorenz Ottensmeyer

Gespräch um Nachverdichtung am Mühlenkampkanal mit Lars Hansen (l.) vom Investor Robert Vogel KG und Anwohnervertreter Karl-Lorenz Ottensmeyer

Foto: Roland Magunia

Neubau soll neben den drei Hochhäusern an der Dorotheenstraße entstehen. Treffen zwischen dem Investor und dem Sprecher der Gegner.

Hamburg.  Die Robert Vogel KG plant auf einem Grundstück an der Dorotheenstraße, auf dem bereits drei Hochhäuser stehen, eine Nachverdichtung mit bis zu 120 Wohnungen am Mühlenkampkanal. Der Mietpreis soll bei unter neun Euro kalt pro Quadratmeter liegen – laut Mietenspiegel beträgt die Nettokaltmiete an der Dorotheenstraße bis zu 13 Euro pro Qua­dratmeter.

Die Initiative SOS-Mühlenkamp­kanal will das Bauvorhaben verhindern. Jetzt trafen sich Robert-Vogel-Geschäftsführer Lars Hansen und Karl-Lorenz Ottensmeyer, Sprecher der Initiative, zu einem Streitgespräch.

Warum hat sich die Robert Vogel KG für eine Nachverdichtung mit bis zu 120 Wohnungen auf dem Grundstück an der Dorotheenstraße entschieden?

Lars Hansen: In Hamburg wird dringend bezahlbarer Wohnraum benötigt, und wir wollen unseren Anteil dazu beitragen. Wir haben hier ein passendes Grundstück in attraktiver Lage in einem beliebten Stadtteil und wollen Wohnungen für unter 9 Euro pro Quadratmeter anbieten. Außerdem nehmen wir dafür keine öffentliche Förderung in Anspruch.

Die Initiative SOS-Mühlenkampkanal lehnt das Bauvorhaben ab. Warum?

Karl-Lorenz Ottensmeyer: Eine Nachverdichtung an diesem Standort wäre eine große Belastung für den Stadtteil. Die Natur müsste einer Betonwüste weichen. Hier würde viel Grün vernichtet, das in einem schon dicht bebauten Quartier dringend benötigt wird. Auch die Graugänse, die hier ihre Brutplätze haben, würden vertrieben.

Können Sie als Investor diese Argumentation nachvollziehen?

Hansen: Natürlich wird es durch eine Nachverdichtung auch Einschränkungen geben. Allerdings überwiegt aus unserer Sicht deutlich der Aspekt, dass hier dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum für mehrere Hundert Menschen geschaffen werden könnte.

Außerdem planen wir hier keine Be­tonwüste, sondern ein architektonisch ansprechendes Gebäudeensemble mit zwei- bis siebengeschossigen Häusern. Die Grünfläche war nie öffentlich zugänglich­, deshalb wird diese den Menschen­ aus dem Quartier auch nicht weggenommen. Im Zuge der Neubebauung würden wir erstmals einen öffentlichen Zugang zum Kanal schaffen, das wäre also ein Gewinn für die Nachbarschaft.

Ottensmeyer: Die Zerstörung der Natur ist nur ein Aspekt. Die neuen Gebäude würden viel zu dicht an die bestehenden Hochhäuser gebaut. Das bedeutet für die Bewohner massive Einschränkungen in ihrer Lebensqualität.

Hansen: Die drei Hochhäuser auf unserem Areal haben 195 Wohnungen, etwa zehn Prozent unserer Mieter würden durch die Bebauung in ihrem Ausblick eingeschränkt. Mit diesen suchen wir nach individuellen Lösungen und bieten ihnen zum Beispiel andere Wohnungen an.

Ottensmeyer: Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das zusätzliche Verkehrsaufkommen, das der Stadtteil nicht mehr verkraften kann. Das gilt auch für den Parkdruck. Wenn hier mehrere Hundert Menschen einziehen, dann brauchen die auch Parkplätze, aber es werden keine neuen geschaffen.

Hansen: Es wird 20 neue öffentliche Parkplätze geben, die wir auf unserem Grundstück bauen, mehr Parkraum werden wir nicht schaffen. Aber in einer Großstadt wie Hamburg wird es auf lange Sicht immer weniger Menschen geben, die Wert auf ein eigenes Auto legen, sondern auf Angebote wie Car2go setzen. Zudem ist die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel in Winterhude ideal.

Sieht die Initiative SOS-Mühlenkampkanal auch den Aspekt, dass bezahlbarer Wohnraum in Hamburg dringend benötigt wird?

Ottensmeyer: Ja, aber nicht an diesem Standort. Es kann leider nicht jeder in Winterhude wohnen, denn der Stadtteil ist schon jetzt dicht bebaut. Die Robert Vogel KG sollte sich mithilfe ihres erprobten Netzwerks ein anderes geeignetes Grundstück suchen und dort mit einem verträglicheren Konzept bauen.

Hansen: Diese Einstellung ist für mich nicht nachvollziehbar. Es kann doch nicht sein, dass einige wenige Anwohner nur an ihren eigenen Vorteil denken und deshalb zusätzlichen Wohnraum in ihrem Quartier verhindern wollen. Wer viel Platz und Grün braucht, kann nicht mitten in einer Metropole wie Hamburg leben, sondern sollte auf das Land ziehen.

Könnte sich die Initiative SOS-Mühlenkampkanal einen Kompromiss vorstellen?

Ottensmeyer: Nein, wir wollen auf diesem Areal keinerlei zusätzliche Bebauung, weil sämtliche Grenzwerte, die zum Schutz der Menschen vor einer Überbauung festgelegt wurden, hier überschritten werden, und deshalb gibt es für uns leider keine Kompromisse. Zudem sollte man mal bedenken, dass die Robert Vogel KG die unter 9 Euro pro Quadratmeter nur für fünf Jahre garantiert. Danach werden die Mieten sicherlich deutlich erhöht.

Hansen: Wir müssen auch Geld verdienen. Aber zunächst einmal investieren wir mehr als 30 Millionen Euro und werden auch nach Ablauf der fünf Jahre keine horrenden Mieten verlangen. Im Übrigen gelten die gesetzlichen Regelungen wie die Mietpreisbremse in Hamburg.

Was sind die nächsten Schritte?

Ottensmeyer: Wir haben das Ziel, einen Bürgerentscheid gegen das Bauvorhaben zu erzielen. Dafür sind 6000 Unterschriften notwendig. Außerdem werden wir alle juristischen Möglichkeiten in Betracht ziehen, um das Projekt zu verhindern.

Hansen: Meine Erfahrungen aus zahlreichen Gesprächen vor Ort haben mir gezeigt, dass es sehr viel positive Rück­meldungen aus dem Stadtteil gibt. Die Initiative „SOS-Mühlenkampkanal“ re-präsentiert also nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Es soll sich bereits eine Initiative in Gründung befinden, die sich für die Realisierung von Wohnungen auf dem Areal starkmacht.

Wir halten an diesem Bauvorhaben fest und werden hoffentlich am Ende die Mehrheit der Bürger und der Politik von unserem Projekt überzeugen können.