Hamburg

Anfeindungen: Gestörtes Miteinander in Ohlstedt

Lars Römer ist für die Betreuung von Kindern aus der Flüchtlingsunterkunft Ohlstedter Platz verantwortlich

Lars Römer ist für die Betreuung von Kindern aus der Flüchtlingsunterkunft Ohlstedter Platz verantwortlich

Foto: Roland Magunia

Auf einer Internetplattform kursieren Verschwörungstheorien und Diffamierungen gegen Mitbürger und Verein "Ohlstedt hilft".

Ohlstedt.  Schmuck, wohlhabend und engagiert – der Stadtteil Ohlstedt im Norden Hamburgs galt zunächst als Paradebeispiel für eine vorbildliche Willkommenskultur. Nach­dem auf dem Ohlstedter Platz im August letzten Jahres eine Zeltunterkunft für Flüchtlinge errichtet wurde, setzte sich fast der ganze Stadtteil für die neuen Mitbewohner ein. Doch nach ein paar Wochen kursierten unter vielen Ohlstedtern plötzlich Gerüchte, Verschwörungstheorien und anonyme Anfeindungen. Im Fokus stand unter anderem der Verein „Ohlstedt hilft“, der für die Campbewohner den Deutschunterricht, die Kinderbetreuung und Sportkurse ausrichtet.

Verstärkt und oft erst ausgelöst wurde vieles davon durch eine Internetplattform, die sich eigentlich dem Motto „Mehr Informationen aus erster Hand für ein besseres Miteinander“ verschrieben hatte. Am Anfang hätten alle gedacht: „Toll, dass es jetzt so eine Plattform gibt“, sagt Hans-Detlef Schulze vom Bürgerverein Wohldorf-Ohlstedt. „Doch dann haben sie zuerst die Flüchtlingsinitiative ,Ohlstedt hilft‘ auseinandergenommen und dann uns.“ Mittlerweile arbeite man nicht mehr mit dem Blog zusammen. „Es handelt sich zwar nur um wenige Personen, aber das sind richtige Störenfriede.“

Das finden auch Politiker, die mit der Flüchtlingsunterbringung in Ohlstedt zu tun haben. Sie möchten für die Bewohner des Zeltcamps feste Häuser errichten – auf einem Grundstück, auf das sie bislang aus Naturschutzgründen keinen Zugriff hatten. Im Internetforum wittert man Verrat – und dass sich einige Beteiligte an dem Deal bereichern könnten. „Leider kommt es immer wieder zu Verschwörungstheorien“, so die Politiker, die ihren Namen nicht mehr in Verbindung mit dem Blog nennen wollen. Dabei hätte man in Ohlstedt die Möglichkeit, einen wirklich guten Kompromiss im Sinne des Stadtteils zu finden. Tatsächlich ist Ohlstedt einer der wenigen Orte in Hamburg, an denen Nachbarn nicht gegen eine Flüchtlingsunterkunft vorgegangen sind.

Jetzt wurde auch Lars Römer, Leiter der Schule am Walde, Opfer von Lügen und Beleidigungen. Versehen mit der Überschrift „Frühjahrsputz – alles Alte muss weg“ wurde in dem Weblog der „Rücktritt“ des Schulleiters bekannt gegeben. Dieser hatte den Eltern seiner Schüler Ende März in einem Schreiben mitgeteilt, dass er die Grundschule im Sommer nach acht Jahren verlasse. Grund für diese Entscheidung sei das Angebot, an einer deutschen Schule in Stockholm die Grundschulleitung zu übernehmen, heißt es in dem Brief.

"Was der Blogger schreibt, ist Unsinn"

Auf der Internetplattform wurde das anders dargestellt. Römer habe sich in dem Forum „immer wieder nicht sehr wohlwollenden Meinungen gegenüber“ gesehen. Nun ziehe er die Konsequenzen und trete zurück. Erwähnt wird seine „immer wieder kritisierte Separationspolitik“ den Flüchtlingskindern gegenüber. Mit einer „Handvoll Pegida-Eltern“ habe er den Plan der Schulbehörde verhindert, an der Schule am Walde (SAW) ein Modellprojekt zur Beschulung von Flüchtlingskindern zu etablieren.

„Was der Blogger schreibt, ist schlicht Unsinn“, so Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Tatsächlich hatte sich eine Handvoll Eltern im vergangenen Herbst dagegen gewehrt, dass ihre Kinder gemeinsam mit den Flüchtlingskindern aus der nahen Unterkunft am Ohlstedter Platz beschult werden, und getrennte Toiletten und Pausenzeiten gefordert. Den Vorwurf, er habe Flüchtlingskinder nicht beschulen wollen, weist Römer empört von sich. „Ich habe mich sogar dafür eingesetzt, dass sie nicht in der Unterkunft, sondern in unseren schönen Räumen unterrichtet werden“, sagt er. „Die Boshaftigkeit, die sich hier an meiner Person entlädt, trifft mich sehr.“

Tatsächlich wird der Schulleiter in einer Weise beleidigt, die so gar nicht zu dem Motto der Plattform passt. Als „kleiner Eisbär“, der die Schule „heruntergewirtschaftet“ und „Apartheid-Politik“ betrieben habe, bezeichnet ihn jemand unter dem Pseudonym Gebrüder Grimm. Auch die stellvertretende Schulleiterin bekommt ihr Fett weg. Sie verfolge ein „mittelalterliches Konzept von Zucht und Ordnung“ und sei eine „antipädagogische Margaret Thatcher“.

Trotz der verbalen Attacken steht Römer noch immer zu den Worten in seinem Elternbrief: „Mit der Schule, dem Stadtteil oder den Arbeitsbedingungen hat mein Abschied nichts zu tun. Im Gegenteil. All dies macht ihn mir eher schwer.“

Was ihn fast am meisten empört, sind die Angriffe auf seinen Schulverein. Dieser hatte auf der Internetplattform das „Verdrehen von Aussagen, die falsche Darstellung von Vorgängen und das Aufstellen von unbewiesenen Behauptungen“ kritisiert.

Außerdem wies der Vorstand des Schulvereins die Behauptung zurück, der Schulleiter sei verantwortlich dafür, dass sich die Schülerzahl halbiert habe: Die Schule am Walde habe zuletzt im Schuljahr 2010/11 mehr als 300 Schüler gehabt – damals sei sie aber noch gar keine reine Grundschule gewesen, sondern eine Grund-Haupt-Realschule.

Auch Ohlstedter, die der Blog noch nicht auf dem Kieker hatte, wollen sich nicht weiter zu ihm äußern. „Ich möchte nicht durch Kommentare meinerseits dazu beitragen, dass auf dem Blog die Konflikte noch weiter hochgespielt werden“, sagt Karsten Schumacher, Pastor der Kirche Wohldorf-Ohlstedt.