Interview

Krogsgaard: „Der Strom aus Wind muss billiger werden“

Lars Bondo Krogsgaard, Vorstandsvorsitzender des Windenergieanlagen-Bauers Nordex.

Lars Bondo Krogsgaard, Vorstandsvorsitzender des Windenergieanlagen-Bauers Nordex.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Chef des Hamburger Anlagenherstellers Nordex blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück und sieht noch viel Marktpotenzial an Land.

Hamburg.  Die Windenergie-Branche blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Noch nie wurde so viel Windstrom produziert, die Auftrags­bücher der Anlagenhersteller sind gut gefüllt. Das gilt besonders für die börsennotierte Hamburger Nordex SE. Das Abendblatt sprach mit Vorstandschef Lars Bondo Krogsgaard.

Abendblatt: Nordex hat im Oktober seine Umsatzprognose für das zu Ende gehende Jahr um rund 200 Millionen auf 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro erhöht. Was macht Nordex so stark?

Krogsgaard: Wir sind nur in rund 20 Ländern aktiv. Das mag wenig klingen, aber es konzentriert sich ein hohes Geschäftsvolumen auf einige wenige Märkte. Es kommt darauf an, die richtigen auszuwählen. Wir sind in Deutschland sehr stark, erleben aber auch eine richtig gute Zeit in der Türkei. Auch in Frankreich entwickelte sich der Markt positiv. Basierend auf dem Kerngeschäft in Europa, das etwa drei Viertel unserer Umsätze ausmacht, erschließen wir uns zudem neue Märkte.

Welche neuen Märkte sind das?

Krogsgaard: Wir haben in Südafrika, Uruguay und Pakistan jeweils eine starke Position aufgebaut. In diesen Ländern haben wir früh erkannt, dass sie ein Markt für uns sein könnten, und haben dort investiert. Dadurch waren wir früher dran als andere.

Ist Pakistan mit seiner starken Talibanbewegung nicht viel zu gefährlich?

Krogsgaard : Pakistan ist ein großes Land. Es hat 170 Millionen Einwohner und damit einen riesigen Energiebedarf. Das Verbrauchsmuster passt sehr gut zur Windenergie: Dort weht der Wind am stärksten, wenn es am wärmsten ist und die Stromnachfrage steigt – das ist eher untypisch. Der Windstrom deckt den großen Verbrauch der Klimaanlagen ab. Natürlich müssen wir die Sicherheitsfragen ernst nehmen. Aber man kann dort gut arbeiten, wenn man vorbereitet ist.

Sie machen keine Meeresprojekte. Wo hat sich der deutsche Markt für Nordex gut entwickelt?

Krogsgaard: Das Volumen an Land ist immer noch höher als im Meer. Im Jahr 2014 lagen die Neuinstallationen bei 4,7 Gigawatt. In diesem Jahr werden es an Land knapp vier Gigawatt sein und auf See gut zwei Gigawatt.

Wo sollen die vielen zusätzlichen Rotoren an Land noch stehen? Die guten Standorte sind allmählich vergeben.

Krogsgaard : Ein Teil der frühen Anlagen wird langsam alt. Das wird dazu führen, dass attraktive Standorte irgendwann wieder frei werden. In den vergangenen Jahren haben wir einen deutlichen Zuwachs im Repowering, dem Ersatz alter Rotoren durch leistungsfähigere neue Anlagen. Er lag zuletzt bei 1,1 Gigawatt. Hier erwarten wir ein weiter steigendes Geschäft. Zudem sollen Standorte, an denen der Wind schwächer weht, weiter erschlossen werden – nicht zuletzt, um einen bundesweiten Ausbau zu ermöglichen.

Aber gegen Windparks in Wäldern oder an anderen Schwachwind-Standorten gibt es viel Widerstand von Naturschützern ...

Krogsgaard : Wir können vieles machen, um die Umweltwirkungen zu reduzieren, etwa was den Lärm oder Schattenschlag angeht. Aber wir können keine 150, 200 Meter hohe Anlage im Wald verstecken. Letztendlich ist es eine Abwägung zwischen dem ökologischen Nutzen dieser regenerativen Energie auf der einen und den Umweltrisiken auf der anderen Seite. Das gilt aber für alle Energieformen. Ich bin überzeugt davon, dass wir etwas Gutes für die Welt tun.

In Hamburg haben Sie 900 Mitarbeiter, in Rostock gut 2000 Mitarbeiter. Wo schlägt das Herz der Nordex?

Krogsgaard : Hamburg ist unser Hauptsitz. Rostock spielt aber auch eine wichtige Rolle. Wir werden dort weiterhin fertigen, und unsere Ingenieure werden dort weiter neue Anlagen entwickeln.

Ist Hamburg tatsächlich eine Windenergiehauptstadt?

Krogsgaard : 2009 habe ich für Siemens hier in Hamburg die Europazentrale für die Windenergiesparte eröffnet. Damals gab es praktisch nur die Unternehmen Nordex und Repower in der Stadt und Umland. Es ist unglaublich, was in den vergangenen Jahren hier passiert ist. Meines Erachtens ist Hamburg zum Windenergiezentrum der gesamten Welt geworden. Siemens Wind Power hat hier jetzt den globalen Hauptsitz, Senvion ist hier, Vestas, wir und alle anderen.

Was macht Hamburg so attraktiv für die Branche?

Krogsgaard : Die Hamburger Politik hat die Entwicklung unterstützt. Auch für den Neubau unserer größeren Nordex-Zentrale hat die Stadt „Brücken gebaut“; deshalb sind wir von Norderstedt nach Langenhorn gezogen. Alle zwei Jahre haben wir jetzt eine große globale Messe in der Stadt, die nächste im September 2016. Es ist leicht, hier gute Leute zu finden – und gleichzeitig schwierig, weil die Konkurrenz so groß ist. Wir haben Finanzierer und Ver­sicherer hier, dazu die Forschungs­einrichtungen der Technischen Universität und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Das alles ist eine richtig gute Entwicklung.

Welche technischen Entwicklungen streben Sie an?

Krogsgaard : Wir sehen noch riesige Potenziale, die Kosten zu senken. Es geht weniger darum, die Spitzenleistung der Anlagen zu steigern, sondern das Verhältnis zwischen Rotorgröße und Generator zu optimieren. Ziel ist es, Strom aus Wind preiswerter zu machen. Dabei ist es ganz wichtig, dass unsere Turbinen auch schon bei wenig Wind eine möglichst hohe Leistung bringen. Die Anlagen sollen nicht nur, wenn der Wind stark weht, riesige Mengen Strom produzieren, sondern weitgehend gleichmäßig durchlaufen. Das Einzige, was zählt, sind die Kosten je produzierter Kilowattstunde.

Anfang des kommenden Jahres beginnt das gemeinsame operative Geschäft mit dem neuen spanischen Partner Acciona Windpower (AWP). Was versprechen Sie sich davon?

Krogsgaard : Nach der Genehmigung durch die Wettbewerbsbehörden können wir uns zusammen mit der AWP deutlich breiter aufstellen. Geografisch bekommen wir Zugang zu interessanten Schwellenmärkten, in denen wir bislang nicht vertreten sind, zum Beispiel Indien, Brasilien oder Mexiko. Wir verbessern die Position im US-amerikanischen Markt. Auch bei den Produkten ergänzen wir uns gut. Die Maschinen der Acciona sind sehr auf die neuen Märkte orientiert. Zudem ist die AWP darin erfahren, Großprojekte zu realisieren, während unser Hauptaugenmerk auf den kleinen und mittelgroßen Kunden liegt.

Werden Sie auch kommendes Jahr zusätzliches Personal einstellen?

Krogsgaard : Nordex wird auch 2016 weiter wachsen. In welchem Umfang wir neue Stellen schaffen, können wir erst dann genauer bestimmen, wenn wir im Prozess der Zusammenführung unserer Aktivitäten mit denen der AWP ein Stück weiter sind. Noch müssen wir auf die behördliche Genehmigung warten, die im ersten Quartal 2016 kommen sollte.

In diesem Jahr hat das Unternehmen Nordex sein 30-jähriges Bestehen gefeiert. Was waren die Höhen und Tiefen der Firmengeschichte?

Krogsgaard : Als ich vor fünf Jahren zu Nordex kam, waren wir richtig in der Krise, mussten eineinhalb Jahre hart an der Neuausrichtung arbeiten. Das ist uns gut gelungen. Im Jahr 2003 gab es eine noch größere Krise, die nur mithilfe unserer Noch-Großaktionäre Susanne und Jan Klatten überwunden werden konnte (Anm. d. Red.: Die Klattens verkaufen jetzt einen Großteil ihrer Aktien an Acciona). In Anfangszeiten waren die Ausschläge nach oben und unten deutlich größer. Inzwischen sind die Branche und unser Unternehmen reifer geworden, und die Lage hat sich stabilisiert. Aber wir sind noch nicht so profitabel, wie wir sein sollten.