Helmut Schmidt

Das Ende der Langenhorner „Freitagsgesellschaft“

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Helmut und Loki Schmidt waren 27 Jahre lang in ihrem Haus in Langenhorn Gastgeber der „Freitagsgesellschaft“, die nun aufgelöst wurde

Helmut und Loki Schmidt waren 27 Jahre lang in ihrem Haus in Langenhorn Gastgeber der „Freitagsgesellschaft“, die nun aufgelöst wurde

Foto: Andreas Laible / HA

Drei Jahrzehnte lang trafen sich Geistes-, Wirtschafts- und Politikgrößen im Hause Schmidt – jetzt ist aus Altersgründen Schluss.

Hamburg.  Abschied von einer der namhaftesten Institutionen der Hansestadt: Die „Freitagsgesellschaft“, 1985 von Helmut Schmidt daheim in Langenhorn etabliert, ist aufgelöst. „Die Runde wurde zum Ende des Wintersemesters 2014/15 eingestellt“, bestätigte das Sekretariat des ehemaligen Bundeskanzlers dem Abendblatt. Gäste waren renommierte Staatsmänner, Wissenschaftler, Künstler und Koryphäen anderer Disziplinen. Hinter den Kulissen ist bekannt, dass kein geeigneter Nachfolger als Gastgeber und Ausrichter gefunden werden konnte.

Vor genau 30 Jahren lud das Ehepaar Schmidt erstmals Denker verschiedener Berufsgruppen in sein Doppelhaus am Neubergerweg zum Vortrags- und Diskussionsabend. Erklärtes Ziel war ein gehaltvoller Gedankenaustausch über den Zustand und die Zukunft des Staates und der Gesellschaft. Zu den Gründervätern des illustren Kreises gehörte auch der mittlerweile verstorbene Bürgermeister und Schmidt-Freund Peter Schulz. Getagt wurde grundsätzlich am zweiten Freitag im Monat, ausschließlich während des Winterhalbjahres.

Diese Freitagsgesellschaft verlief nach einem festgelegten Ritual. Obwohl es sich keineswegs um einen geheimen Club handelte, wurde Diskretion großgeschrieben – gemäß der „Lex Langenhorn“, dem ungeschriebenen Gesetz im Hause Schmidt. In drei Jahrzehnten wurde diese Verschwiegenheit nie gebrochen – es sei denn bewusst geplant, zum Beispiel im Falle der beiden 1999 und 2010 von Helmut Schmidt veröffentlichten Bücher zum Thema. „Erkundungen – Beiträge zum Verständnis unserer Welt“, hieß das erste Werk, „Vertiefungen – Neue Beiträge zum Verständnis unserer Welt“ das zweite.

Zu den Mitgliedern des illustren Zirkels, der stets 25 Persönlichkeiten umfasste, zählten renommierte Köpfe der Hansestadt wie der verstorbene Schriftsteller Siegfried Lenz, der Jurist und frühere Bürgermeister Henning Voscherau, der ehemalige Bundesfinanzminister Manfred Lahnstein, Unternehmer Michael Otto, der Bankier Max Warburg oder der einstige Hamburger Finanzsenator Wolfgang Peiner. Als Christdemokrat dokumentierte Letzterer den Anspruch Helmut Schmidts: Es sollte sich keinesfalls ein Parteiklüngel versammeln, sondern ein Forum wahrhaftiger Freigeister und kompetenter Profis.

Gemeinsames Credo dieses hochkarätigen Informations- und Meinungsaustausches, der seit 1985 mehr als 175-mal abgehalten wurde, war die Erweiterung des Horizontes aller Teilnehmer. Der jeweilige Referent wurde von einem Ausschuss bestimmt und geladen. Schwerpunkte waren die Außen- und Sicherheitspolitik; die Innenpolitik kam nur in Ausnahmefällen zur Sprache. Vor allem galt es, das Themenspektrum weit zu fassen.

Folglich bat Helmut Schmidt auch Repräsentanten anderer Berufsgruppen fest in die Gesellschaft. Beispiele sind der Pianist Justus Frantz, der Mediziner Heiner Greten, die französische Fernsehjournalistin Hélène Vida-Liebermann, Hamburgs Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der Physiker Volker Soergel oder die Filmproduzentin Katharina Trebitsch.

„Unter dem Strich hatte Helmut diese Runde ins Leben gerufen, um schlauer zu werden“, brachte Peter Schulz einst den Sinn der Sache auf den Punkt. „Sein Ziel war es schlicht und ergreifend, aus profundem Munde Wissen aufzusaugen.“ Mitbegründer Schulz, von Haus aus Rechtsanwalt, nachdenklicher Sozialdemokrat und Ex-Bürgermeister, verstarb 2013. Er persönlich war mehr als hundertmal dabei und schätzte den Kreis als Fundus kreativer Individualisten.

Der Fahrplan dieser Freitage verlief nach bewährtem Muster. Gegen 20 Uhr trafen sich die Mitglieder bei den Schmidts in Langenhorn an der Bar, die vom Hausherrn „Kneipe“ genannt wird. Derweil sich die Gesellschaft „warm machte“, bereitete Loki Schmidt in der Küche das Essen vor. Manchmal hatte sie Helfer zur Seite oder holte sich Unterstützung vom Koch eines Restaurants in der Nähe. Nach ihrem Tod im Oktober 2010 wurde das Catering delegiert.

Etwa um 20.30 Uhr pflegte Hannelore Schmidt mit einem Glöckchen zu läuten. Es war das Signal zum Aufbruch aus der „Kneipe“ in das Esszimmer nebenan. Teilnehmer berichten genüsslich von schmackhafter Hausmannskost ohne Schnörkel: Schnittchen, Grünkohl, Bratkartoffeln oder Eintöpfe. Rund einer Stunde unkomplizierter Unterhaltung schloss sich das gut halbstündige Referat an. Die anschließende, laut übereinstimmender Teilnehmeraussagen stets rege Debatte, wurde von einem „Notar“ geleitet. Eine feste Sitzordnung gab es nicht.

Die Vorträge wurden von den Hamburger Mitgliedern gehalten, oft aber auch von auswärtigen Gästen. So sprach Siegfried Lenz über die soziale Wirklichkeit in der Literatur, Max Warburg über Risiken internationaler Finanzmärkte, der Maler und Grafiker Klaus Fußmann über Kunst der DDR, der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler über die Lage der Weltwirtschaft oder Weihbischof Jaschke über „Die Keuschheit der Engel“.

Loki Schmidt sprach – natürlich – über die Entwicklung der Pflanzenwelt in Europa von der Eiszeit bis heute. Und Helmut Schmidt referierte über „Das ganz andere 21. Jahrhundert“. Die Abende wurden protokolliert und den Teilnehmern anschließend zugeschickt. Alles war professionell organisiert. Typisch Schmidt.

Der Hausherr selbst, wissen Eingeweihte, habe der Runde Charakter und Spiritus verliehen. Mit 96 Jahren jedoch, befand Helmut Schmidt, könne und wolle er nicht länger als Gastgeber und Mentor fungieren. Intern wurde ein würdiger Nachfolger gesucht – letztlich jedoch nicht gefunden. Ihr Privathaus hätten auch andere zur Verfügung stellen können, doch die Rolle des Initiators traute sich offensichtlich niemand zu. Denn drei Jahrzehnte galt: Wenn Helmut Schmidt einlädt, kommt jeder. Doch damit ist es nun vorbei.

( jmo )