Eppendorf

Streit um die richtige Höhe am Isebekkanal

Eppendorfer Charme in Gefahr: Bei der Aufstockung der alten Ofenfabrik (rosa) darf die Höhe des Neubaus am Eppendorfer Baum (r.) aufgegriffen werden. Auch für das Vorhaben auf dem Nachbargrundstück gibt es einen positiven Bauvorbescheid. Dahinter die Brotfabrik, die 1911 als Solitär bereits höher gebaut wurde

Eppendorfer Charme in Gefahr: Bei der Aufstockung der alten Ofenfabrik (rosa) darf die Höhe des Neubaus am Eppendorfer Baum (r.) aufgegriffen werden. Auch für das Vorhaben auf dem Nachbargrundstück gibt es einen positiven Bauvorbescheid. Dahinter die Brotfabrik, die 1911 als Solitär bereits höher gebaut wurde

Foto: Andreas Laible

Eppendorfer Charme in Gefahr: Am Isebekkanal wurde trotz Protest der Stadtplaner die massive Aufstockung eines Kanalgebäudes genehmigt.

Eppendorf. Wieder einmal hat das Bezirksamt Hamburg-Nord ungeachtet des Protests von Experten aus dem eigenen Hause eine Entscheidung von städtebaulicher Brisanz getroffen. In jüngster Vergangenheit hatte es bereits dem Abriss des alten Brauhauses Tre Castagne am Eppendorfer Marktplatz und dem Bau von zwei großen Mehrfamilienhäusern in einem Einzelhauswohngebiet am Stadtpark zugestimmt (wir berichteten). Nun wurde auch die massive Aufstockung eines Gebäudes am Isebekkanal genehmigt. Damit setzte sich Bezirksamtsleiter Harald Rösler (SPD) über den Protest seiner Stadtplaner und einen Beschluss des Bauausschusses hinweg.

Jahrzehntelang galten für die Bebauung entlang des Kanals die vorhandenen First- und Traufhöhen der überwiegend viergeschossigen Gebäude als Richtlinien. Jetzt darf der entsprechende Gewerberiegel, eine ehemalige Ofenfabrik in einem Hinterhof an der Hegestraße, um zwei Vollgeschosse sowie ein (zurückspringendes) Staffelgeschoss aufgestockt werden. Beim Nachbarhaus ist Ähnliches geplant.

In einem Schreiben bescheinigte Rösler dem siebenstöckigen Bauvorhaben, es füge sich in die nähere Umgebung ein, überschreite weder die Höhe der dort vorhandenen Häuser noch beeinträchtige es das Ortsbild. Seine Fachleute hatten sich jedoch schon während des Bauvorbescheidsverfahrens 2011 vehement gegen die Planungen ausgesprochen: Die „Monumentalität“ des Erweiterungsbaus lasse sich nicht mit dem Bestandsschutz der vorhandenen Bebauung vereinbaren.

Auch Architekt und Anwohner Peter Römmer widerspricht der Einschätzung des Bezirksamtsleiters. „Herr Rösler hat sich an der Straßenbebauung des Eppendorfer Baums orientiert. Die Häuser am Isebekkanal sind grundsätzlich niedriger“, sagt er. In der Reihe der Kanalgebäude sei lediglich eine ehemalige Brotfabrik höher. „Sie wurde als städtebaulicher Solitär errichtet und darf nicht Maßstab für die künftige Bebauung sein“, so Römmer. Er habe jedoch den Eindruck, dass das Wohnungsbauprogramm des Senats immer häufiger eine Umgehung der Bebauungspläne oder Baurichtlinien nach sich ziehe und legitimiere.

Das viergeschossige Kanalgebäude mit der Adresse Eppendorfer Baum 23 gehört wie das Vorderhaus seit Generationen der Hamburger Theater- und Konzertveranstalterfamilie Collien. Thomas Collien, Betreiber des St. Pauli Theaters, ist als Geschäftsführer der Kommanditgesellschaft auch der Bauherr. „Das Gebäude war dringend sanierungsbedürftig“, sagt er. 60 Pfähle habe man bereits in den Untergrund eingebracht, um es vor einem Absacken in die Isebek zu bewahren. Die Vorwürfe kann er nicht verstehen. Das Haus werde so originalgetreu wie möglich saniert. Zudem sei keiner der Gewerbemieter vertrieben worden – entweder wären ihre Mietverträge ausgelaufen oder sie kehrten nach der Fertigstellung zurück. In den vier Bestands­etagen sei auch künftig Gewerbe vor­gesehen, im Neubau darüber würden fünf Mietwohnungen errichtet.

Das Problem: Für die Grundstücke entlang des Kanals gibt es keinen gültigen Bebauungsplan, daher wird der Paragraf 34 aus dem Baugesetzbuch herangezogen. Ihm zufolge ist ein Vorhaben zulässig, wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die nähere Umgebung einfügt.

Ungereimtheiten gibt es auch wegen der Planungen für das Nachbarhaus

„Das ist ein Gummiparagraf, den die Entscheider so auslegen können, wie sie wollen“, schimpft Karin Haas, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bezirk Hamburg-Nord. Selbstverständlich müsste als „Umgebung“ die Kanalbebauung angesehen werden – nicht die hohen Gebäude entlang der Straße. „Ich weiß nicht, warum der Bezirksamtsleiter die massive Aufstockung genehmigt hat. Befürchtet er Klagen der Investoren, wenn er es nicht tut?“ Die Genehmigung wird Auswirkungen auf die Nachbarbebauung haben, befrüchten die Gegner.

Für das Kanalgebäude auf dem angrenzenden Grundstück Hegestraße 46a-f wurde die Aufstockung bereits beantragt. Allerdings machten die Architekten im Bauantrag falsche Höhenangaben zur Ofenfabrik: Sie erklärten deren leicht schräges Flachdach kurzerhand zu einem Vollgeschoss. „So haben sie sich für ihr Vorhaben bereits ein Geschoss erschummelt und werden nun, nachdem das Nachbargebäude aufgestockt werden darf, sicher noch mal nachfordern“, vermutet Architekt Römmer.

Auch hier hat man im Bezirksamt offenbar alle Augen zugedrückt. „Es ist richtig und bekannt, dass in den genehmigten Unterlagen für die Hegestraße 46 das Bestandsgebäude Eppendorfer Baum 23 falsch dargestellt ist. Dies hatte aber keinerlei Auswirkungen auf die Genehmigungserteilung“, so der stellvertretende Bezirksamtsleiter Tom Oelrichs. Auch sonst verteidigt er die Haltung des Bezirks. Die Ofenfabrik – er nennt sie „künftige kleine Isebekphilharmonie“ – stehe „unter keinerlei formalem Schutz“. Die ablehnende Stellungnahme gebe nur „die persönliche Meinung eines Mitarbeiters der Stadtplanungsabteilung“ wieder. Tatsächlich lehnen in den Akten, die dem Abendblatt vorliegen, gleich drei Verfasser das Aufstocken des Gebäudes ab.

Bernd Vetter, Gründer des Vereins „Mieter helfen Mieter“, hat Anfang des Jahres eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Rösler wegen „investorenfreundlichem und mieterfeindlichem Handeln und der Zustimmung zu dem Abriss des Tre Castagne“ eingereicht. „Man hat das Verfahren eingestellt, ohne sich mit den Vorwürfen zu beschäftigen“, so der Rechtsanwalt.