Hamburg-Nord

Bezirk lässt in Winterhude höher bauen als erlaubt

Ärger am Grasweg: Markus und Heike Wendler und Clemens und Simone Schenk (von l.) sind entsetzt über die Gebäudehöhe der Nachbarhäuser

Ärger am Grasweg: Markus und Heike Wendler und Clemens und Simone Schenk (von l.) sind entsetzt über die Gebäudehöhe der Nachbarhäuser

Foto: Michael Rauhe

Investor darf Mehrfamilienhäuser in einem Einfamilienhausgebiet in Winterhude errichten. Nicht die erste fragwürdige Erlaubnis für ihn.

Winterhude.  Hat der Bezirk Hamburg-Nord seine eigenen Bauvorschriften nicht befolgt? Im Bauamt wurden jedenfalls zwei Mehrfamilienhäuser am Grasweg abgenickt, die eigentlich nicht genehmigungsfähig waren. Sie werden weitaus größer als im Bebauungsplan vorgesehen und liegen in einem Einfamilienhausgebiet.

Sie dürfen gebaut werden, obwohl eine ablehnende Stellungnahme aus dem Bezirksamt vorliegt. Erst nachdem zwei Nachbarsfamilien wiederholt protestiert hatten, wurden die Verantwortlichen aufmerksam. Jetzt liegt die Angelegenheit bei der Rechtsabteilung des Bezirksamts, das sich zu dem Vorgang nicht äußern möchte. Pikant: Es ist offenbar nicht das erste Mal, dass Bauherr Kai E. und der planende Architekt Roman O. von einer fragwürdigen Entscheidung des Bezirks profitierten. Doch dazu später.

2010 waren Simone und Clemens Schenk sowie Heike und Markus Wendler in ihre hintereinanderliegenden Einfamilienhäuser gezogen. Vier Jahre später, im Januar 2014, bereitete ein Bauschild ihrer Freude über Haus und Garten ein jähes Ende. Es zeigte zwei große Mehrfamilienhäuser, die auf dem Nachbargrundstück errichtet werden sollten. Sie entsprachen so gar nicht der kleinen Reihenhausanlage, mit deren Bau die Familien rechneten.

Sechs Jahre zuvor hatten sie zwar in einer nachbarrechtlichen Vereinbarung ihr Einverständnis für zwei Mehrfamilienhäuser gegeben. Die sollten laut Vertrag aber nur gebaut werden, falls eine – alternativ geplante – Reihenhausanlage nicht genehmigt worden wäre. Für letztere wurden ihnen umfangreiche Planungen vorgelegt. Darüber hinaus wurde vereinbart, dass bei einer Neuplanung, die die festgelegten Baugrenzen überschreitet, erneut ihr Einverständnis erforderlich wäre. Die Vereinbarung trafen sie mit Roman O., der damals für die Voreigentümer von Kai E. tätig war.

„Wir haben unsere Zustimmung gegeben für etwas, das nur realisiert werden sollte, falls etwas anderes nicht genehmigt würde“, sagen die Nachbarn, denen die Absurdität dieses Vertrags erst im Nachhinein bewusst wurde. „Wir fühlen uns in die Irre geführt“, sagt Markus Wendler. Er vermutet, dass der Bau der Reihenhäuser nie beantragt worden ist. Auch danach befragt, schweigt das Bezirksamt.

Mittlerweile sind die Rohbauten fertig – mit vier statt wie in der „Alternativplanung“ vorgesehen drei Geschossen. Zwölf Meter ragen sie empor, fast doppelt so hoch wie die Häuser der Schenks und Wendlers und viel höher als zwei weitere Nachbarvillen, die laut Markus Wendler bereits das Maximum der hier erlaubten Geschossfläche besitzen. Außerdem sollen die Neubauten die Abstandsgrenze zum Nachbargrundstück um mehr als einen Meter überschreiten. „Die Grundflächen sind weitaus größer als erlaubt“, sagt Simone Schenk. „Wurde das denn nie vom Bauamt nachgemessen?“

Offenbar wird man dort oft erst aktiv, wenn sich Nachbarn beschweren. „Dass die Behörde überprüft, ob die genehmigten Baupläne eingehalten werden, ist Theorie. Die Praxis sieht anders aus“, bestätigt ein renommierter Baurechtler dem Abendblatt. „Sie schiebt die Verantwortung von sich – und hätte auch gar nicht das Personal, um ihr gerecht zu werden.“

Ein Sachbearbeiter habe zugegeben, dass die Genehmigung ein Irrtum sei

Als Folge kann passieren, dass Neubauten errichtet werden, deren Höhe die Nachbarn überrascht und ärgert. 1998 etwa entstand an der Schönen Aussicht eine klotzige fünfstöckige Mehrfamilienvilla, obwohl das Baudezernat nur drei Geschosse genehmigt hatte. Weder Kritik noch Klagen der Nachbarn konnten verhindern, dass darauf noch zwei Staffelgeschosse gesetzt wurden – von denen eines fast die Ausmaße eines vollen Stockwerks hat. Der Architekt auch hier: Roman O.

Auf seiner Homepage wirbt er noch heute mit dem Gebäude – und mit vielen anderen, die er insbesondere im Bezirk Hamburg-Nord errichtet hat. Etwa mit der Wohnanlage an der Sierichstraße 150, gegen deren Ausmaße seinerzeit Bezirkspolitiker und Anwohner vehement aber vergebens protestiert hatten. Heute ragt der Neubaukomplex sechs Stockwerke in die Höhe und hinten weiter ins Grün hinein als die angrenzenden Häuser. Möglicherweise wegen des staatlich verordneten Wohnungsbauprogramms und der Angst, von den Bauherren verklagt zu werden, sähen die Behörde bei zu groß geratenen Wohngebäuden so gut wie immer von einem Rückbau ab, sagt der Baurechtler. „Allerdings sind schon Architekten auf der Anklagebank gelandet. Sie begehen durch die Missachtung von Baurichtlinien eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine Straftat.“

Im Fall Grasweg 56 war Architekt Roman O. bekannt, dass mit dem dort geltenden Bebauungsplan Winterhude 12 eine „qualitätsvolle Einfamilienhausbebauung“ verwirklicht werden sollte. Dass er in seinem Bauantrag dennoch für seinen damaligen Auftraggeber „massive Abweichungen vom Planrecht“ begehre, könne nur „wirtschaftlichen Aspekten“ dienen, hieß es 2011 in einer Stellungnahme des Amts für Stadt- und Landschaftsplanung des Bezirks Hamburg-Nord. Sie stammt aus den Bauakten und bezieht sich offenbar auf einen von insgesamt sieben Nachanträgen, in denen immer weitere Abweichungen vom ursprünglichen Bauantrag gefordert wurden.

Der Sachbearbeiter lehnte die Neubauten am Grasweg wegen ihrer Größe ausdrücklich ab. Seine Begründung: In einem Vorbescheid seien zwei zweigeschossige Stadthäuser mit jeweils zwei Wohneinheiten mit „geringfügigen Überschreitungen der Baugrenzen“ für genehmigungsfähig befunden worden. Diese Entscheidung spiegele sich jedoch nicht in der 2010 erteilten Baugenehmigung wider: Genehmigt wurden dort zehn Wohneinheiten, die Überschreitung betrug bis zu 3,50 Meter.

Warum die Baugenehmigung erteilt wurde, konnte bislang niemand erklären. „Ein Sachbearbeiter hat uns gegenüber eingeräumt, dass es ein Irrtum gewesen sein muss. Das wurde offiziell aber nie bestätigt“, sagt Markus Wendler. Auch auf Abendblatt-Anfrage schweigt das Bezirksamt Hamburg-Nord. „Auskünfte zur Sache können nicht erteilt werden, da das Rechtsamt zurzeit mit einem Nachbarschaftswiderspruch gegen die Baugenehmigung befasst ist“, sagt eine Sprecherin.

Geschädigte Familien reichen Widerspruch und eine Petition ein

Den Widerspruch haben die Familien Wendler/Schenk eingereicht, und dazu noch eine Petition, mit der sich der Senat befassen muss. „Wir wissen uns nicht anders zu helfen“, sagt Simone Schenk. „Das Bauamt hat nachweislich einen Fehler gemacht, auf den wir es hingewiesen haben. Warum ist es nicht eingeschritten?“

Bauherr Kai E. streitet ab, dass die Häuser größer sind als im Bauantrag genehmigt. „Sowohl die Grundmaße des Hauses als auch seine Höhe sind gemäß Baugenehmigung ausgeführt.“ Diese habe Architekt Roman O. allerdings für seinen Vorgänger eingeholt. Er habe die Baugenehmigung, inklusive gegebenenfalls hierin enthaltener Abweichungen vom Planrecht, beim Kauf vom Voreigentümer lediglich übernommen. Architekt Roman O. war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Im Internet taucht Kai E. als Geschäftsführer gleich mehrerer Immobilienunternehmen auf, darunter das Planungsbüro PISA und die „Wohnungswerft“, mit der er am Grasweg gebaut hat. Bis 2006 war er Geschäftsführer des Unternehmens PSA, das noch immer vorrangig im Bezirk Nord aktiv ist. Im Zusammenhang mit seinen Projekten hat es schon einige Schlagzeilen gegeben.

So wurde ihm 2002 von Musikern vorgeworfen, sie aus einem Bunker an der Apostelkirche durch die Demontage der Elektroanlage rausgeekelt zu haben, weil er dort Eigentumswohnungen bauen wollte; vorher hatte er zugesichert, sie könnten die Proberäume im Keller behalten.

Kai E. war auch Bauherr der oben erwähnten Wohnanlage an der Sierichstraße, die nicht nur wegen ihrer Dimensionen für Aufregung sorgte. Schon vor Baubeginn hatte es Ärger wegen der Fällung einer 100 Jahre alten Eiche gegeben. Sie habe, so Kai E. damals, „der Verwirklichung des Bauvorhabens im Weg gestanden“. Auch hier hatte er sein Ziel durch eine fragwürdige Entscheidung des Bezirksamts Hamburg-Nord erreicht: Es hatte ihm eine Fällgenehmigung erteilt, obwohl es die Eiche zuvor als „zwingend zu erhalten“ eingestuft hatte.

Die exklusiven Neubauwohnungen am Grasweg sind bereits alle verkauft. Einen Rückbau werde das Bezirksamt dem Eigentümer also nicht verordnen, befürchten die Familien Wendler und Schenk. Sollte dieser den Bezirk verklagen, dürfte die Schadenersatzsumme beträchtlich sein. Allein die Dachgeschosswohnungen sollen jeweils mehr als eine Million Euro gekostet haben.