Hohenfelde

Brandgilden: Sammler brennen für ihre Schilder

Symbole einer brennenden Leidenschaft: Klaus Karius mit einem Teil einer Sammlung

Symbole einer brennenden Leidenschaft: Klaus Karius mit einem Teil einer Sammlung

Foto: Klaus Bodig

Die Embleme der Feuerversicherungen zeugen von der wichtigen Rolle der Brandgilden. Tauschbörsen haben einen großen Zulauf.

Hamburg.  Osterfeuer kamen 1559 in Mode. Doch auch im Geschäftsleben unserer Vorfahren konnte es heiß hergehen. Wer die Gebäude seines Rivalen, seinerzeit in der Regel aus Holz gezimmert, mithilfe eines Feuerteufels in Schutt und Asche legen ließ, konnte fortan unbeschwerter wirken – und verdienen. Auch reichten Funkenflug oder Blitzeinschlag, um Privatgebäude oder Kontorhäuser dem Erdboden gleichzumachen.

Kein Wunder, dass schon im 15. Jahrhundert Brandgilden organisiert wurden. Später machten Feuerversicherungen richtig Sinn. Ihre Schilder an den Hauswänden waren Werbung und Wegweiser für angeschlossene Wehren. Außerdem wurde Widersachern signalisiert: Abfackeln bringt wenig, wenn der Schaden ersetzt wird.

Diese Feuerversicherungsschilder, heutzutage weitgehend unbekannt, sind wertvolle Dokumente Hamburger, deutscher und europäischer Geschichte. Sammler wie Klaus Karius sind Feuer und Flamme für ihr Hobby. Das 31. Jahrestreffen des hiesigen Vereins findet am letzten April-Wochenende in den Räumen der Hanse-Merkur statt – Tauschbörse, Schilder-Auktion und Geselligkeit inklusive. Interessenten sind nach Anmeldung willkommen.

„Feuerversicherungsschilder sind Wegweiser der Geschichte“, sagt Klaus Karius bei einem Hausbesuch in Hohenfelde. Historische Plaketten aus geprägtem Messing, bemaltem Blech oder schwerem Blei an den Wänden seiner Wohnung machen neugierig auf mehr. Was hat das zu bedeuten?

Zwar sind die ersten mitteleuropäischen Brandgilden aus dem Herzogtum Schleswig bereits 1446 (Süderstapel) urkundlich notiert, doch erst nach dem großen Brand von London anno 1666 kam das Geschäft in Gang. Als Pionier gründete der britische Arzt und Spekulant Nicholas Barbon 1680 das „Fire Office“. Weitere Gebäudeversicherungen folgten rasch. Die Unternehmen minimierten ihr Risiko bei meist dicht beieinander stehenden Gebäuden durch eigene Feuerwehren. Die Schilder an den Fassaden wiesen den Weg. Erst löschte jede für ihr Klientel, doch rückte man im allgemeinen Interesse nach und nach unter ein Dach.

Der gebürtige Gummersbacher Karius, der seit gut zwei Jahren fest in Hamburg ansässig ist, war als Sachverständiger der Münchener Rückversicherungsgesellschaft Jahrzehnte in der Welt unterwegs, besonders in Südafrika, Japan und in der Türkei. In einem Istanbuler Trödelladen entdeckte er sein erstes Schild. Es war der Beginn einer lodernden Leidenschaft. Kaufpreis: umgerechnet 50 Cent. „Seitdem gehe ich mit anderen Augen durch die Welt“, sagt der gelernte Bauingenieur.

Es fiel ihm schwer, nach seinem Umzug vom Bosporus nach Hamburg einen Großteil seiner Sammlung als Kulturgut in der türkischen Hauptstadt zurücklassen zu müssen. Gut 50 besondere Exemplare, vor allem aus dem Osmanischen Reich und Zentralasien, nahm er mit. Auf Flohmärkten, in Antiquitätenläden, bei Auktionen oder Sammlertreffen und gelegentlich auch bei Ebay sucht Karius nach Raritäten. Dabei gilt der Grundsatz, jeweils nicht mehr als 150 Euro auszugeben. Besonders rare Exemplare können bis 3000 Euro kosten. Quasi die „Blaue Mauritius“ der Sammlerzunft sind Police und Schild des „Fire Office“ mit der Nummer 39898, beide fast drei Jahrhunderte alt.

Dass viele uralte Schilder verblüffend gut erhalten sind, hat einen simplen Grund: Gesellschaften verwahrten die geprägten oder bemalten Plaketten oft in ihren Kellerräumen. So überstanden manche sogar Kriege. Mit kommunalen Feuerwehren in den Großstädten starb eine Tradition aus. Kein Mensch interessierte sich mehr für die Erinnerungsstücke einer vergangenen Zeit.

Als Erster kamen William Evenden, ein Nasa-Ingenieur aus Florida, und seine deutsche Ehefrau Lore 1969 auf die Idee dieses Sammelns. Der Virus verbreitete sich im Nu. Vereine gibt es zum Beispiel in den USA, in Russland, Portugal, Italien und Deutschland. Hierzulande sind rund 125 Mitglieder registriert. William Evenden ist auch Herausgeber eines wegweisenden Nachschlagwerks. Das kiloschwere, rot gebundene Buch umfasst 364 Seiten und beinhaltet 164 Kurzchroniken namhafter Versicherungsgesellschaften. Zwei von ihnen sind die Hamburg-Bremer Feuer-Versicherungs-Gesellschaft von 1854 und die 22 Jahre später gegründete Hamburg-Magdeburger.

Es existieren noch Unterlagen des Feuer-Assekuranz-Vereins Altona. Die Organisation mobilisierte Rettungscorps, die einen Kommandeur und 20 Helfer stellten. Alle trugen schmucke Uniformen. Voraussetzung der in der Öffentlichkeit angesehenen Beschäftigung waren ein „Sittenattest“ sowie erstklassige Zeugnisse. Die Herren, so ist überliefert, hatten alle Hände voll zu tun.

„1817 wurden alle Gebäudeeigentümer in unserer Stadt verpflichtet, ihre Häuser ausschließlich bei uns zu versichern“, weiß Christoph Prang, Sprecher der Hamburger Feuerkasse von 1676. Damit hatte sich ein Zweck der langjährigen Tradition erledigt. Die älteste noch bestehende Versicherung der Welt mit aktuellem Hauptsitz am Kleinen Burstah verwendete ihre Schilder noch bis in die 1960erJahre – als ansehnliche, attraktive Werbebotschafter.

Denn längst war die Feuerwehr für alle da.