Die Stadtteilserie

Dulsberg: Grün, ungeschminkt und selbstbewusst

| Lesedauer: 7 Minuten
Rainer Grünberg

Das Erbe des Hamburger Baumeisters Fritz Schumacher lebt. Der Stadtteil, grün und ruhig, ist heute weit besser als sein lange lädierter Ruf.

"Mir war immer aufgefallen, dass im Unterschied zu anderen Gebieten, durch die ich mit dem Rad fuhr, Dulsberg ein sehr eindrucksvolles und eigenes Gesicht hat, geprägt durch die Schumacher-Bauten aus den 1920er-Jahren, die vielleicht zu kleine Wohnungen hatten, aber den öffentlichen Räumen einen bedeutungsvollen Rahmen geben. Das Stadtviertel ist einfach schön anzuschauen. Ich glaube, dass solche Architektur den Bewohnern eine bessere Möglichkeit schafft, stolz auf ihr Quartier zu sein."

Die Sätze des ehemaligen Hamburger Senators für Stadtentwicklung (1997-2001) Willfried Maier lesen sich wie eine Liebeserklärung an den Stadtteil Dulsberg und ihre historischen Häuserzeilen aus roten Backsteinbauten. Der Grünen-Politiker hatte sie für eine Denkschrift anlässlich der 200. Sitzung des Stadtteilrats Dulsberg im Jahre 2009 aufgeschrieben. Und seine Zeilen sind nach wie vor aktuell. Sie treffen den Nerv des einstigen Arbeiterquartiers, das immer noch zu den einkommensschwächeren Hamburgs gehört, sie spiegeln die Gefühlslage der meisten Bewohner wider. Die Verweildauer in Dulsberg ist höher als in vielen Stadtteilen Hamburgs; die, die hierhergefunden haben, fühlen sich wohl, Deutsche wie Ausländer und jene mit diesem sogenannten Migrationshintergrund. 39,6 Prozent waren das im Jahr 2011. Und sie leben weitgehend friedlich zusammen, verrät die Kriminalstatistik.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Bürger gestalten ihr Viertel mit

"Wir sind fertig!", sagt Kerstin Zacher und meint, dass es in Dulsberg keine Neubauflächen mehr gibt "und niemand bei uns Angst vor einer Gentrifizierung haben muss". Die parteilose Zacher teilt sich mit Britta Pläschke vom Bündnis 90/Die Grünen den Vorsitz des 1992 gegründeten Stadtteilrats, der in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtteilbüro an der Probsteier Straße bürgernahe Politik im Interesse der Anwohner organisiert. Der Stadtteilrat Dulsberg war einer der ersten in Hamburg, bis heute haben sich mehr als 100 Menschen als Mitglieder engagiert. Jeden ersten Dienstag im Monat trifft man sich, meist im Nachbarschaftstreff an der Elsässer Straße, und es ist beeindruckend, mit welcher Kontinuität sich die Anwohner mit ihrem Stadtteil befassen und sich für ihre Belange einsetzen.

In Dulsberg weiß man sich zu helfen, schnell und unbürokratisch. Ein Netzwerk vielfältiger sozialer Einrichtungen bildet ein tragfähiges Fundament für ein relativ unproblematisches Miteinander. Dass die Sparzwänge der Stadt diese Basis irgendwann aufweichen könnten, es mancherorts zum weiteren Stellenabbau kommen wird, zur Schließung von Jugendeinrichtungen, das Netzwerk zum Flickenteppich verkommt, fürchten derzeit viele.

Das befeuert Ängste wie eben die vor einer Gentrifizierung. Aufgewertet sei der Stadtteil bereits dank abgeschlossener Förderprogramme des Senats, entgegnet Zacher dann den Zweifelnden, hier müsse man keine Immobilienhaie fürchten. Viele Häuser wurden in den vergangenen Jahren grundsaniert, die Mieten sind danach nur maßvoll gestiegen, einige allerdings auf mehr als acht Euro pro Quadratmeter. Die Größe der Wohnungen, im Dulsberger Durchschnitt 52 Quadratmeter, bleiben indes ein Handicap; ideal für Singles, Zweierbeziehungen, Künstler und Studenten, oft zu klein für Familien. "Beim ersten Kind geht das noch, kommt das zweite, ziehen viele nach Rahlstedt um", sagt Maren Wichern, Pastorin der Frohbotschaftskirche an der Straßburger Straße. Dabei hat Dulsberg eine Menge für seine Jüngsten zu bieten, sechs Kitas, ein Spielhaus, ein Haus der Jugend, die Elternschule, die Villa Dulsberg, zahlreiche Spielplätze.

Maßstab für Städtebauer aus aller Welt

Viele der Häuser in Dulsberg sind in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, als die Größe der Wohnungen nicht entscheidend war, sondern vielmehr, dass man eine hatte und dies möglichst nahe am Arbeitsplatz. 1919 hatte der damalige Oberbaudirektor Fritz Schumacher das Quartier als Blaupause für den künftigen Städtebau Hamburgs entworfen. Die denkmalgeschützten Laubenganghäuser der Gebrüder Frank im Bereich Oberschlesische Straße/Schlettstadter Straße/Mülhäuser Straße und Dulsberg-Süd mit ihren Rundbögen an den Stirnseiten sind ein Ausdruck der Architektur-Experimente jener Zeit. Sie galten noch nach dem Zweiten Weltkrieg als richtungweisend. Heute reisen Architekten aus aller Welt an, um die Bauten zu besichtigen. Die meisten der im Krieg zerstörten Häuser wurden daher wieder aufgebaut. Ein großer Teil steht unter Denkmalschutz, rund 20 Prozent; zwei bis fünf Prozent sind es derzeit im Bundesdurchschnitt.

Dulsberg hat sich dennoch gewandelt. Und der Stadtteil, grün und ruhig, ist heute weit besser als sein lange lädierter Ruf, den eine hohe Zahl Hartz-IV-Empfänger prägte. "Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, sehe ich unzählige Leute zur Arbeit gehen", erzählt Britta Pläschke, "und tagsüber hast du in Dulsberg kein Problem, einen Parkplatz zu bekommen." Um sich aus den Klischees zu befreien, gab das Stadtteilbüro Ende der 1990er-Jahre eine Imagekampagne bei der Kommunikationsagentur fischerAppelt in Auftrag. Heraus kam der Slogan: Dulsberg, ungeschminkt und lebenswert. Und noch etwas gibt dem Stadtteil sein unverwechselbares Gesicht: seine Grünzüge, die Spiel- und Freiflächen, die großzügigen Innenhöfe. Diese Vorzüge entdecken immer mehr Menschen, vor allem junge Leute. Das Café May an der Stormarner Straße hat sich zu ihrem Treffpunkt entwickelt. Gut und günstig lauten die Bewertungen im Internet, entsprechend frequentiert ist diese Lokalität, an Wochenenden oft bis tief in die Nacht.

Eliteschule für Sporttalente

Der Kulturhof in der Schule Alter Teichweg hat sich als Veranstaltungszentrum für Kleinkunst etabliert, der Comedy-Cup ist stadtbekannt wie der Dulsberg Poetry Slam, die Dulsberger Herbstlese oder die Jazz-Frühschoppen. Organisiert werden sie von der "Arena Dulsberg", einer Gruppe Ehrenamtlicher, die aus dem Elternrat der Stadtteilschule Alter Teichweg erwuchs.

Auch der 1988 entstandene und danach weiter ausgebaute Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein (OSP) am Dulsbergbad mit seinen Hightech-Einrichtungen wie dem Strömungskanal für die Schwimmer trägt zur Aufwertung des Stadtteils bei. Direkt neben dem OSP lädt die Eliteschule des Sports am Alten Teichweg Talente aus ganz Deutschland ein, Sport und Schule sinnvoll zu kombinieren. "Der Leistungswille der Sportler färbt dabei auf die anderen Schüler positiv ab", hat Rektorin Beate Bergemann festgestellt.

+++ Der Stadtteil-Pate: Rainer Grünberg +++

"Was in Dulsberg jetzt noch fehlt, ist mehr Aufenthaltsgastronomie, die zum Verweilen bei uns einlädt", sagt der Soziologe Jürgen Fiedler, der Leiter des Stadtteilbüros, "das würde dem Stadtteil einen weiteren Schub geben". Mit dem BeachCenter am Alten Teichweg ist ein Anfang gemacht. Dulsberg ist im Kommen - fröhlich und erlebenswert.

In der nächsten Folge am 12.9.: Curslack