Winterhude

Famelab: Die Welt wird nicht untergehen

Beim "Speed-Dating der Wissenschaft", Hamburgs ungewöhnlichstem Slam, werden schwergewichtige Themen in drei Minuten verständlich.

Wenn die grüne Lampe leuchtet, beginnt die Redezeit. Genau drei Minuten für jeden Teilnehmer. Das sind 180 Sekunden. In diesen sollen Wissenschaftler beim zweiten Hamburger Regionalentscheid des Famelabs im Planetarium verständlich und unterhaltsam zugleich Sachverhalte darstellen, die sie in mehreren Jahren Studium gepaukt und vielleicht noch in buchfüllenden Doktorarbeiten vertieft haben. Für Dr. Timo Sieber und Masterstudent Jesper Dramsch kein Problem. Sie überzeugten die Jury beim Wissenschafts-Slam am Sonnabend mit ihren Beiträgen aus Zellforschung und Geophysik.

Jesper Dramsch betritt die Bühne mit einer waghalsigen These: "Dieses Jahr ist Weltuntergang. Und zwar am 21. Dezember." Katastrophen kommen gut an, das weiß der Masterstudent aus Barmbek. Seit Roland Emmerichs Endzeit-Film "2012" werde er als Geophysiker in seinem Bekanntenkreis immer wieder gefragt: "Ist es nicht wirklich so, dass Erdbeben zum Beispiel immer mehr werden?", erzählt Dramsch dem Publikum. "Aber nein, so ist es nicht!“, ruft der 22-Jährige, klopft dazu mit einem Hammer auf dem Boden herum und unterstützt so seine hoffnungsvolle Botschaft: Anhand der entstehenden Schallwellen könnten Geophysiker mit Seismografen oder Geophonen messen, "wie es da unten aussieht“. "Und da wir das wissen, können wir behaupten: 'Die Welt geht nicht unter, wir können das sehen'“. Geschafft, pünktlich zum Gongschlag, Applaus. So einfach und überzeugend kann Wissenschaft sein.

Für Dramsch folgt ein kurzes Feedback der vierköpfigen Jury (Cathy Molohan von English Business, Carsten Klein von der Forschungs- und Wissenschaftsstiftung Hamburg, John Whitehead vom British Council Berlin, Peter-Matthias Gaede von Geo) und schon startet der nächste Kandidat in die Drei-Minuten-Runde. Unter der launigen und aufmunternden Moderation von NDR-Talk-Show-Gastgeber Hubertus Meyer Burckhardt reihen sich die Slam-Teilnehmer mit ihren schwergewichtigen Themen dicht an dicht.

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In gut zwei Stunden entlarvt Psychologin Christine Blohme den "Dramapatienten" mit Hilfe der Statistik, zaubert Biomediziner Dr. Siddiqul Haque mit seinem Stab neue Stammzellen für Amputationspatienten aus einem Ei hervor, begeistert Biologin Wencke Krings sich und das Publikum für die Kaulquappe und erklärt Mathematikerin Graciana Petersen die Probleme der Windenergieforschung mit einer dynamischen Perücken-Performance. Insgesamt neun Teilnehmer sind am Sonnabend zum Hamburger Regionalentscheid gekommen, fünf von ihnen erreichen an diesem Nachmittag die zweite Runde. Zum Schluss gibt es zwei Jurysieger und einen Publikumspreis.

Die Idee für den Famelab stammt ursprünglich aus England. Dort wird der ultrakurze Wissenschafts-Slam seit 2005 beim Cheltenham Science Festival ausgetragen. Bewerben können sich Forscher aus den Natur- und Technikwissenschaften. "Raus aus dem Labor, rauf auf die Bühne, das soll der Name vermitteln", erklärt Frauke Kegel vom British Council, das den Famelab europaweit veranstaltet. In Deutschland findet das "Speed-Dating der Wissenschaft“ (Moderator Hubertus-Meyer-Burckhardt) neben Hamburg noch in Bielefeld, Karlsruhe, Leipzig, München, Lübeck und Potsdam statt.

In Hamburg kann am Ende Timo Sieber den ersten Platz für sich behaupten. Der 33-Jährige ist Zellforscher am UKE und verdreht in seinem Beitrag die Rollen von Gut und Böse im Märchen. Bei ihm ist Schneewittchen eine Krebszelle im Reich der Königin. Es kommt ja bekanntlich auf die Perspektive an. Diese Krebszelle soll nun ein Gen fressen, welches in einen viralen Vektor (= der Giftapfel aus dem Märchen), verpackt ist.

Publikumsliebling wird Molekularbiologin Mila Leuthold. Sie erklärt die Andockung des Noro-Virus an Zuckermoleküle im Darm und wirft währenddessen ziemlich gemein "Zuckerkamellen" in die Zuschauerreihen.

Um die Preise geht es den Teilnehmern am Famelab nicht wirklich. "Spaß machen soll es", sagt Jesper Dramsch, "und Wissenschaft den Menschen näher bringen". Und auch die Wissenschaftler weiterbringen, zum Beispiel in der zweitägigen Famelab-Masterclass. Im März geht es für Geophysiker Dramsch und den Zellbiologen Sieber zum Deutschland-Finale nach Bielefeld. Der Sieger dort wird zum internationalen Endausscheid nach Cheltenham weiterreisen. Dann "Slammen“ Teilnehmer aus 16 europäischen Ländern auf der Bühne. Mit solchen Wissenschaftlern haben die Welt und der Famelab gute Aussichten auf Fortbestand, auch über das vermeintliche Katastrophenjahr 2012 hinaus.

Famelab-Bundesfinale in Bielefeld : 31. März 2012, 19 Uhr, Ringlokschuppen, Stadtheider Straße 11, 33609 Bielefeld, Eintritt: 5 Euro, ermäßigt: 4 Euro, Kartenvorverkauf unter: www.bielefeld.de/de/ti/tourist_information