Stadtteil-Serie

Waltershof - vier Einwohner, zwei Wohnhäuser

Eine Heimat nur noch für Seefahrer aus aller Welt im Seefahrerheim Duckdalben. Wo einst Kinder badeten, türmen sich heute die Container.

"O du mein liebes Waltershof, du Insel des Friedens, bist jetzt in Not. Wo sonst man gesät, geerntet, gehofft, da kam die Flut und mit ihr der Tod. Der Sturm brach die Deiche mit wilder Gewalt und fragt' nicht nach Leben, ob jung oder alt, sie fegte sie weg, ob Mensch, Tier oder Haus, die Hilferufe verklangen im Sturmgebraus. Der Tod hielt reiche Ernte, was sonst geschafft, die Flut hattealles hinweggerafft."

Von der Verfasserin dieses Gedichts ist nur bekannt, dass sie Frau Retke hieß. Aber in diesen wenigen Zeilen liegt das Schicksal von Waltershof: Nach der Sturmflut in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962, bei der 42 Waltershofer umkamen, gab es für die meisten der 4096 Einwohner keine Zukunft mehr. Am 3. Januar 1976 zerstörte ein weiteres schweres Hochwasser einen Großteil der Häuser von 800 Bewohnern der Kleingartensiedlung Dradenau.

+++ Kurz & knapp +++

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

"Die verwunschene Elbinsel Waltershof gibt es nicht mehr, sie verschwand unter dem Baggergut der Elbe, unter Beton und Asphalt, ersetzt durch Containerterminals, Metallwerke und Industriebetriebe", sagt Johannes Tönnies, der über seinen ehemaligen Stadtteil ein Buch verfasst hat, mit ein wenig Pathos. Wo er bis 1972 mit seiner Ehefrau Marion lebte, steht heute die Müllverwertungsanlage Rugenberger Damm. Der größte Teil Waltershofs besteht aus Hafenbecken. Die Erinnerungen an seine Kindheit, sie leben nur noch in seinem Kopf.

Waltershof war immer dünn besiedelt. Schon 1911 wurde westlich des Köhlbrands mit dem Bau von Hafenanlagen begonnen. Trotzdem kamen vor dem Ersten Weltkrieg noch Tausende Hamburger Kinder zum Baden an den feinen Sandstrand des Maakendamms am Köhlbrand, damals organisiert von der Arbeiterwohlfahrt.

Erinnerung an die Flutopfer

Einen starken Zuzug an Einwohnern gab es erst während des Zweiten Weltkriegs, als ausgebombte Hamburger und aus dem Osten vertriebene Menschen Zuflucht in den Lauben und Hütten fanden - wie Tönnies. 1943 war sein Zuhause in Altona bei einem Luftangriff zerstört worden. Mit seiner Frau Marion sitzt er im Duckdalben. Das 1986 eröffnete Seemannsheim liegt nur einige Autokurven entfernt von der Autobahnausfahrt A 7 Waltershof. Tönnies erzählt vom 18. Februar 2012. Im Beisein von Wirtschaftssenator Frank Horch wurde das Flutdenkmal Waltershof feierlich enthüllt, ein drei Tonnen schwerer Findling mit den Namen der 1962 ums Leben gekommenen Menschen auf einer Bronzeplatte. Der traurige Anlass geriet zur Wiedersehensfeier für 150 ehemalige Waltershofer. Ja, früher gab es noch den Fußball-Club Waltershof. Einen ehemaligen Garagenraum als Kirche, in der die Musik anfangs vom Plattenspieler kam, weil es keine Orgel gab. Später entstand die Matthiaskirche, die dann abgebaut und in Langenhorn, schließlich in Winterhude wieder errichtet wurde, bevor sie ausbrannte.

Weltweit bester "seamen's club"

Für viele Seefahrer ist der Duckdalben - Träger ist die Deutsche Seemannsmission Hamburg-Harburg - längst eine zweite Heimat geworden. Seit seiner Eröffnung kamen 743 000 Gäste (davon 622 000 Seeleute) aus 165 Ländern, den größten Besucheranteil haben mit 49 Prozent die Filipinos.

Zwischen 10 und 22.30 Uhr können die Seeleute an 365 Tagen im Jahr hier im Schatten der Eurogate-Containertürme entspannen, Fußball spielen, im Raum der Stille beten, im Internet surfen. 2011 belegte der "international seamen's club" bei einer Wahl als bestes Seeleute-Center der Welt Platz eins.

Nicht der einzige Superlativ, den Waltershof zu bieten hat. Schließlich beherbergt der Stadtteil auch die längste Straßenbrücke Deutschlands. Nein, nicht die 3618 Meter lange Köhlbrandbrücke, sondern die zwischen den Jahren 1971 und 1974 gebaute Hochstraße Elbmarsch, der 4258 Meter lange Teil der Autobahn A 7, der vor dem südlichen Neuen Elbtunnel Stützweiten bis zu 35 Metern hat.

Diese "Brücke" führt direkt zum neben der Köhlbrandbrücke wohl bekanntesten und in jedem Fall am meisten genutzten Ort des Stadtteils: dem 1975 eröffneten Neuen Elbtunnel, der Waltershof und Othmarschen verbindet. Das Bauwerk wird von rund 115 000 Fahrzeugen pro Tag durchquert und gehört mit 3325 Metern (davon 1056 Meter unter dem Flussbett) zu den längsten Unterwassertunneln weltweit. Während der Tunnel modernsten Sicherheitsstandards genügt, ist die Köhlbrandbrücke dem Untergang geweiht. Bürgermeister Olaf Scholz kündigte Planungen für einen Ersatzneubau an, da die Stahlbetonkonstruktion nur noch wenige Jahre ihren Dienst verrichten kann.

Pro Jahr 5000 Schiffe

Heimat ist Waltershof heute vor allem für bunte Stahlboxen. Zwei große Containerterminals finden sich in Waltershof. Die Anlage der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) am Burchardkai ist die größte und älteste Anlage für den Containerumschlag im Hamburger Hafen. Hier, wo man 1968 die erstenBoxen abfertigte, wird heute etwa jeder dritte Container des gesamten Hafens umgeschlagen. An zehn Liegeplätzen mit 25 Containerbrücken löschen Hafenarbeiter jährlich 5000 Schiffsladungen; täglich werden mehrere Hundert Eisenbahnwaggons be- und entladen.

In den kommenden Jahren soll die Kapazität auf 5,2 Millionen TEU (steht für Twenty-foot Equivalent Unit und bezeichnet den Standardcontainer) erweitert und somit fast verdoppelt werden. Am Eurogate-Terminal mit sechs Groß-Schiffsliegeplätzen und 22 Containerbrücken wurden 2011 insgesamt 2,1 Millionen TEU umgeschlagen. Eurogate ist ein Zusammenschluss der Hamburger Eurokai mit der Bremer BLG Logistics Group, Hauptsitz des Konzerns ist Bremen.

Kaum noch Spuren der Vergangenheit

Aber Waltershof hat noch mehr zu bieten: Auf dem Boden der ehemaligen Elbinsel Große Dradenau, die heute vor allem als Lager- und Logistikstandort dient und auf der zwei Windenergieanlagen errichtet wurden, dominiert das Klärwerk der Hamburg Wasser. Schon 1958 wurde damit begonnen, über das Pumpwerk Hafenstraße das innerstädtische Abwasser über einen Elbdüker nach Köhlbrandhöft zu leiten. Im Jahr 1988 wurde das Klärwerk Dradenau eröffnet, das durch einen 90 Meter tiefen Abwasserkanal mit Köhlbrandhöft verbunden ist.

+++ Der Stadtteil-Pate: Alexander Laux +++

Historische Bauten jedoch sucht man heute bei einem Rundgang durch Waltershof fast vergebens. Lediglich vier Gebäude erinnern noch an vergangene Zeiten dieses Stadtteils, nämlich das Lotsenhaus Seemannshöft, früher eine Seemannsschule, die im Jahr 1913 erbaute Rugenberger Schleuse, die heute für Festivitäten buchbare Elbvilla Am Jachthafen sowie das Fabrikgebäude der Firma Brennicke ("Senfmühle"). Bald, so ist zu befürchten, bleiben nur noch die Erinnerungen.