Integration

Was aus den Lampedusa-Flüchtlingen geworden ist

Abdulrahman Rashid und Andreas Listowell vor der St. Pauli-Kirche, sie kamen ihrer Heimat Ghana nach Hamburg

Abdulrahman Rashid und Andreas Listowell vor der St. Pauli-Kirche, sie kamen ihrer Heimat Ghana nach Hamburg

Foto: Marcelo Hernandez

Andreas Listowell und Abdulrahman Rashid waren die ersten der Gruppe, die eine Aufenthaltsgenehmigung bekamen. Sie nutzten ihre Chance.

St. Pauli.  Die Flucht hat die beiden hierhergetrieben. Sie kamen aus Ghana über Libyen und die italienische Insel Lampedusa eher zufällig nach Hamburg und fanden genau hier vor drei Jahren eine erste Unterkunft. Jetzt stehen ­Andreas Listowell (34) und Abdulrahman Rashid (28) noch einmal vor der St. Pauli Kirche am Pinnasberg. Sie lächeln in die Kamera und erinnern sich daran, dass die Pastoren Sieghard Wilm und Martin Paulekun damals die ersten Menschen in Hamburg gewesen sind, die ihnen die Tür geöffnet haben.

Sie lächeln aber auch, weil ihre Odyssee nun zu Ende ist. Die beiden jungen Männer aus Ghana sind die Ersten aus der sogenannten Lampedusa-Gruppe, die jetzt in Hamburg eine Aufenthaltserlaubnis, zunächst befristet auf ein Jahr, bekommen haben.

Andreas Listowell, der gläubige Christ, und Abdulrahman Rashid, der gläubige Moslem haben vor einigen Tagen erfahren, dass sie jetzt erst einmal in Hamburg bleiben dürfen. Sie können ihre Gefühle nur schwer in Worte fassen. Sie sagen, dass sie von einem Tag auf den anderen ihr Leben wiederbekommen haben. Denn das Vorher, das sei kein richtiges Leben mehr gewesen.

Keine Sicherheit, kein Zuhause, kein Hafen

„Auf der Flucht denkst du nur daran, was wohl morgen passieren wird – und ob die Menschen dich wieder wegschicken“, sagt Listowell. Keine Sicherheit, kein Zuhause, kein Hafen. Immer auf dem Sprung. Von einem Land ins nächste. Irgendwoher kommen, irgendwohin gehen. Irgendwo unterkommen, irgendwo arbeiten. Oder auch nicht. „Jetzt weiß ich das erste Mal, wo ich bleiben kann“, sagt Listowell.

Als Pastor Sieghard Wilm an einem Sonntagnachmittag im Juli 2013 die Kirchentüren für die Lampedusa-Flüchtlinge aufschloss, hatten die etwa 80 Männer, die da plötzlich vor ihm standen, weil sie nirgendwo sonst in der Stadt eine Bleibe gefunden hatten, nicht einmal Decken dabei. „Sie wollten ihre Teppichreste vor der Kirche ausrollen“, sagt er. „Einige waren krank, andere hatten so ein Flimmern in den Augen. Sie sahen aus wie Gejagte.“ Und dann fing es auch noch an zu regnen. Also hat er sie hereingebeten in seine Kirche. Und dann kamen auch schon die ersten Nachbarn und brachten Decken.

Die insgesamt etwa 300 Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg haben die Stadt ein wenig verändert. Sie lösten eine Welle der Hilfsbereitschaft im Stadtteil aus. Sie wurden zum Politikum, als der Senat ein Bleiberecht für die ganze Gruppe aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen ablehnte und auf Einzelfallentscheidungen bestand. Und im Gegenzug zusicherte, dass kein Flüchtling während seines Verfahrens abgeschoben werden würde.

Aus der Gemeinschaft sind wieder verschiedene Schicksale geworden. Mehr als 100 Lampedusa-Flüchtlinge meldeten sich nicht bei der Stadt, blieben aber in Hamburg. Für die Behörden sind sie nun Illegale. Sie sammeln Pfand und schlagen Zeit tot. Oder arbeiten schwarz. „Sie geraten leicht in Abhängigkeit, sind erpressbar“, sagt einer ihrer Helfer. Viele verließen Hamburg, mehrere Dutzend schlagen sich noch auf diese Weise durch. Der Albtraum des Verlorenseins endet für sie nicht.

Einige wurden bereits abgeschoben

Knapp 80 Lampedusa-Flüchtlinge stellten dagegen bis Anfang dieses Jahres einen Asylantrag. 19 wurden zunächst abgelehnt, einige bereits abgeschoben – wie Kofi Prince, der noch bis April in einem Verschlag nahe dem Golden Pudel Club am St.-Pauli-Fischmarkt schlief. Der Großteil erhielt zunächst eine Duldung, zum Teil mit einer Arbeitserlaubnis. Der Ghanaer James Paw arbeitet inzwischen als Küchenhilfe bei der Stadtreinigung, er hat Aussicht auf einen Ausbildungsplatz. Auch Abdulrahman Rashid und Andreas Listowell sind positive Ausnahmen.

„Wir haben diese Gruppe organisiert, um den Menschen eine Stimme zu geben“, sagt Listowell, der so eine Art Sprecher gewesen ist und sich für konstruktive Lösungen eingesetzt hat. Und der von Anfang an offen über seine Flucht und seine Gefühle gesprochen hat. „Wir sind keine Kriminellen und keine Soldaten. Wir sind talentierte und verantwortungsbewusste junge Menschen“, hat er immer wieder betont.

Andreas Listowell hat Ghana 2005 verlassen, als dort Stammeskonflikte ausbrachen. Er hatte nach einem vierjährigen Studium sein Diplom als Marketing-Kaufmann gemacht und fand in Tripolis Arbeit als Assistent der Geschäftsleitung einer italienischen Baufirma. „Als in Libyen der Krieg ausbrach, wurde ich bedroht, ausgeraubt, in ein Auto geworfen und gezwungen, das Land per Schiff zu verlassen.“ Die Rebellen hielten ihn wegen seiner Hautfarbe für einen Unterstützer des Diktators Gaddafi. Er hat die drei Tage lange Überfahrt mit 1250 anderen Passagieren überlebt. Drei Tage vorher war ein Schiff mit 600 Menschen, auf dem er hätte mitfahren können, wenn es nicht überfüllt gewesen wäre, gekentert.

In Italien erhielt Andreas Listowell einen Aufenthaltstitel, fand aber keine Arbeit. Er verbrachte den Winter auf der Straße und machte sich im Februar 2013 mit einem Touristenvisum auf den Weg nach Hamburg. Im November 2013 beantragte Listowell eine Duldung. Unterstützt wurde er in seinem Verfahren, wie 100 weitere Lampedusa-Flüchtlinge, von der kirchlichen Hilfsstelle Fluchtpunkt. Die Duldung wurde nun in eine befristete Aufenthaltserlaubnis umgewandelt.

Sie lernen unablässig Deutsch

Andreas Listowell ist bei der Agaplesion Bethanien Diakonie im Bereich Service & Wohnen angestellt. „Die Arbeit macht mir großen Spaß, die Kollegen sind sehr nett.“ Er hat nach langer Suche über eine Bekannte auch eine kleine Wohnung gefunden und kann sich vorstellen, wieder in seinem Beruf als Marketing-Kaufmann zu arbeiten.

Abdulrahman Rashid hat den gleichen Fluchtweg hinter sich. Er war der Erste aus der Lampedusa-Gruppe, der im Februar 2015 eine Vollzeitbeschäftigung bei der Vartan Aviation Group erhielt. Im Februar 2016 hat ihm das Unternehmen, das Flugzeugkabinen für Airbus und Boeing ausrüstet, einen unbefristete Stelle als Dekorateur gegeben.

„Der Schlüssel zur Integration ist die Sprache“, sagen beide. Sie haben unablässig gelernt. Rashid hat Kurs-Stufe A2 (elementare Kenntnisse) erreicht, Listowell mit B1 eine Stufe mehr. Was bedeutet, dass er auch seine „Träume, Hoffnungen und Ziele“ beschreiben kann, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Damit hält sich Listowell, der schon in dem Stück „Die Schutzbefohlenen“ auf der Bühne des Thalia Theaters stand, noch zurück. Ja, er habe Träume und auch einen Plan im Kopf. „Da sollen sie aber auch erst mal bleiben“, sagt er. Er hatte zu lange keine Zukunft, um sie gleich wieder preiszugeben.