Die Stadtteilserie

Neuwerk: Hamburgs Außenposten im Watt

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Sarbach

3000 Gäste je Einwohner und ein Turm, der bis Afrika leuchtet. Bis zum zuständigen Bezirksamt am Klosterwall sind es 108 Kilometer.

Neuwerk ist Hamburgs untypischster Stadtteil. Er liegt mitten im Wattenmeer. Neben der gleichnamigen 3,5 Quadratkilometer großen Hauptinsel gehören noch die - bis auf einen Vogelwart - unbewohnten Nachbarinseln Scharhörn und Nigehörn zu dem Stadtteil im Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer. Verwaltet wird Neuwerk seit 1969 vom Bezirk Hamburg-Mitte. Bis zum zuständigen Bezirksamt am Klosterwall sind es 108 Kilometer. Ein Behördengang würde für die 41 Neuwerker deshalb leicht zur Tagesreise. Da macht es Sinn, dass sie einen Ansprechpartner für Verwaltungsangelegenheiten vor Ort haben: Volker Griebel regelt als Inselobmann all die behördlichen Dinge.

Seinen Lebensunterhalt verdient er als Gastronom und Wattwagen-Fahrer. Den Umgang mit den Pferden hat der ausgebildete Gestütswärter einst bei Hein Bollow, einem der erfolgreichsten deutschen Jockeys und Trainer im deutschen Galoppsport, erlernt. Manchen Sieg hat Griebel direkt vor der Haustür in Cuxhaven beim jährlichen Duhner Wattrennen geholt. Heute schätzen Gestütsbesitzer wie Kaffee-König Albert "Addi" Darboven seinen Pferdeverstand. Er schickt schon mal einen Rekonvaleszenten zur Kur zu Griebel auf die Insel.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Auch Griebels Ehefrau Afra hilft mit, Pferde für die Rennbahn im Watt wieder flottzumachen. Dafür steigt sie in einen Trainingssulky und steuert die Traber über den weichen Meeresboden an der Spülkante der Außenelbe entlang. Dabei hat sie immer den Wattboden im Blick. Denn hin und wieder wird im Wechselspiel der Gezeiten ein größerer Brocken Bernstein frei gespült.

Auch der ehemalige Insellehrer Hans-Gerd Backhaus hat das "Gold des Nordens" für seine in ganz Europa bekannte Bernstein-Sammlung dort gesucht. An die 70 000 Kilometer soll er für seine Fundstücke im Watt vor Neuwerk in 35 Jahren zurückgelegt haben. Seit seiner Erkrankung kümmert sich Ehefrau Christel um die Schmucksteinsammlung im "Haus Bernstein" unweit der Inselschule.


Der Schule gehen die Kinder aus

In der Inselschule, die 2012 ihr 100-jähriges Bestehen feiert, ist es gegenüber früher ruhig geworden: Lehrerin Meike Müller-Toledo hat momentan nur eine Schülerin: Griebels Enkeltochter Kaya. Wenn sie ihre Grundschulzeit beendet hat, wird sie wie ihre Schwester Jana und alle anderen Insel-Kinder vor ihr an das Niedersächsische Internatsgymnasium (NIG) in Bad Bederkesa wechseln. Was dann mit der Schule passiert, ist derzeit ungeklärt. Denn bis das nächste Kind auf der Insel schulpflichtig wird, dauert es noch einige Jahre. Karlotta, nächste potenzielle Inselschülerin und Tochter von Nationalparkhaus-Leiterin Imme Schrey, ist noch ein Kleinkind.

Dass jemand mit schulpflichtigen Kindern auf die Insel zieht, ist unwahrscheinlich: Es gibt keine Mietwohnungen, und in der Nationalpark-Schutzzone darf privat nicht gebaut werden. Arbeitsplätze sind Mangelware.

In der Gastronomie werden nur Saisonkräfte beschäftigt. Wer nicht selbstständig ist, arbeitet für die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) - wie etwa Nationalpark-Ranger Thorsten Köster - oder für die Hamburg Port Authority (HPA). Die frühere Stackmeisterei, eine Art Bauhof der Hafenverwaltung, kümmert sich als größter Arbeitgeber um alle öffentlichen Aufgaben. Dazu zählen die Trinkwasserversorgung, die Kläranlage sowie Deich- und Wegepflege. Die meisten HPA-Mitarbeiter haben ihre Familien auf dem Festland. Sie kommen mit dem HPA-Schiff "Nige Wark" im Zehn-Tage-Rhythmus zum Arbeiten auf die Insel, leben in einer Unterkunft auf dem HPA-Betriebshof.

Gezeiten regeln den Postverkehr

Selbst der Postbote kommt vom Festland, seit es keine eigene Poststelle mehr auf Neuwerk gibt. Von April bis Ende Oktober reist Zusteller Joachim Wichmann mit dem Schiff MS "Flipper" der Reederei Cassen Eils von der Alten Liebe in Cuxhaven an. Wichmann bringt nicht nur die Post: Als mobiles Postamt nimmt er auch Sendungen mit aufs Festland. Zudem leert er die beiden Briefkästen. Die Leerungszeiten sind "gezeitenabhängig". Ist die Liegezeit des Schiffs wegen der Tide für die Tour Wichmanns über die Insel zu kurz, fährt er mit den Tagesgästen auf dem Wattwagen nach Duhnen zurück.

Einer der ersten prominenten Gäste war im August 1901 der Dichter Rainer Maria Rilke, der hier mit seiner schwangeren Ehefrau Clara verspätete Flitterwochen verbrachte. Vier Jahre später wurde das Hotel Zur Meereswoge eröffnet und die Insel zum Seeheilbad erklärt. Seit 1912 verkehren die Wattwagen zwischen Neuwerk und den Cuxhavener Badeorten Sahlenburg und Duhnen. Hin- und Rückfahrt kosten pro Person 34 Euro, eine einfache Überfahrt 17 Euro.

Badefreuden nebensächlich

Etwa 120 000 Gäste kommen jedes Jahr auf die Insel. Dabei hat sie nicht einmal einen Strand beziehungsweise nur bei Ebbe. Ausgelassene Badefreuden zählen also nicht zu den Attraktionen. Spaziergänge schon eher! Knapp eine Stunde braucht man für eine Umrundung der Insel. Bei Niedrigwasser geht es mit sachkundiger Führung durchs Watt bis zum Nachbar-Eiland Scharhörn.

Der Insel-Rundweg streift die wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Vom Nationalpark-Haus geht es zum Friedhof der Namenlosen. Anno 1319 gegründet, gaben die Neuwerker angespülten Wasserleichen hier eine letzte Ruhestätte. Heutzutage werden Tote nur noch auf dem Festland bestattet.

Über den Sommerdeich führt der Spaziergang zur früheren Ostschleuse und weiter zur Ostbake. Sie wurde im Januar 2007 vom Sturm "Kyrill" zerstört. Gemeinsam haben HPA und BSU, das Technische Hilfswerk sowie der Neuwerk-Förderverein das hölzerne Seezeichen wieder errichtet. Allerdings hat es heute keinen nautischen Nutzen mehr. Den hat jedoch der Radarturm am Schiffsanleger. Er ist der Beginn der Radarkette, die bis in den Hamburger Hafen hinein die Unterelbe entlang installiert ist.

Deutschlands ältestes Leuchtfeuer

Auch der Leuchtturm verrichtet noch immer seinen Dienst als Quermarkenfeuer, das in dieser Form seit 1814 in Betrieb ist. Heute ist das älteste noch betriebene Leuchtfeuer Deutschlands voll automatisiert. Alle 20 Sekunden blinkt es in drei Sektoren weiß, rot und grün auf und ist bis zu 16 Seemeilen weit sichtbar. Der 38 Meter hohe Wehrturm wurde nach zehnjähriger Bauzeit im Jahre 1310 eingeweiht. Zur 700-Jahr-Feier gab die Deutsche Post eine 45-Cent-Briefmarke mit Neuwerks Wahrzeichen heraus. Es ist nicht die erste Marke mit dem Turm-Konterfei: Schon 2003 legte die Post der westafrikanischen Republik Benin eine Serie mit Leuchttürmen aus aller Welt auf. Der Neuwerker Turm schmückt die 200-Franc-Marke.

+++ Der Stadtteil-Pate: Volker Sarbach +++

In der nächsten Folge am 4.7.: Neuenfelde

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