Die Stadtteilserie

Hammerbrook

| Lesedauer: 7 Minuten
Christian-A. Thiel

Ein bisschen Venedig, ein bisschen New York - und für Autofahrer ein Pflichtstopp.

Am 28. Juli 1943 war die Geschichte von Hammerbrook zu Ende. 787 britische Bomber legten den Stadtteil in der Nacht in Schutt und Asche, 11 981 Menschen kamen im Feuersturm ums Leben, fast alle Gebäude wurden zerstört, auch die St.-Annen-Kirche fiel den Angriffen zum Opfer. Ein Arbeiterstadtteil, in dem einmal 60 000 Hamburger lebten, war ausgelöscht.

In seinem neuen Leben ist Hammerbrook ein wirtschaftliches Kraftzentrum geworden, in dem mehr Menschen arbeiten als hier gemeldet sind. Banken, Versicherungen und Technikunternehmen werden hier geführt, aber auch Sportverbände und die Saubermänner von der Stadtreinigung. Gerade mal 1700 Einwohner haben hier eine Anschrift mit der Postleitzahl 20097 oder 20537. Dabei ist Hammerbrook am 1. März 2008 über Nacht um die Hälfte größer geworden, als der Stadtteil Klostertor verschwand. Hammerbrook erbte die Markthalle, den ADAC und den Großmarkt - das größte Gewusel der Stadt, bei dem jedes Jahr 1,5 Millionen Tonnen Obst und Gemüse umgeschlagen werden.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Bekannte Söhne +++

Heute dreht sich in Hammerbrook alles um den S-Bahnhof, der so heißt wie der Stadtteil. 1983 setzte das Gebäude mit der Silhouette eines fahrenden Zuges architektonische Maßstäbe, inzwischen ist es von mächtigen Bürohäusern eingekeilt. Die S-Bahn rumpelt hier auf fetten, grauen Betonsäulen vorbei, bevor sie morgens die Menschen ausspuckt, die sie abends wieder einsammelt. In Richtung Norden begrenzt die Fernbahntrasse das Gebiet, alle paar Minuten schleicht ein ICE vorbei, Richtung Hauptbahnhof.


Am Wasser und auf dem Wasser

Hammerbrook kann seine Vergangenheit als feuchte Marschniederung nicht verleugnen. Kanäle ziehen sich geradlinig an den Glas- und Betonklötzen vorbei, im Süden erinnert das Geschlängel der Bille an die nahe Elbe. Hammerbrook, ein Stadtteil der Brücken, hieß in Vorkriegszeiten "Klein Venedig". Laue Sommernächte unter den Kastanien lassen das Flair am Kanalufer trotz der hässlichen Betonwände erahnen. "An der Alster ist es heiß, was ein jeder Hammerbrooker Dietlein weiß", heißt es in einem Lied. Die Nordkanalstraße ist auch nur ein nach dem Krieg zugeschütteter Kanal.

Am besten erschließt sich das ursprüngliche Hammerbrook vom Wasser aus. Michael Braun vom Stadtteilarchiv Hamm sagt während einer Rundfahrt mit "Barkassen-Meyer": "Am Wasser ist es hier überall schön grün, im Gegensatz zu den Straßen ..." Wer mit dem Boot Mittelkanal, Südkanal und das Hochwasserbassin entlanggleitet, entdeckt so manches Kleinod. Etwa die ehemalige Schokoladenfabrik an der Wendenstraße, die heute mit Wohnungen, Ateliers und einem Ponton zur besten Adresse geworden ist. Oder die Schattenfiguren der Künstlerin Anja Kleinhans, die von der Geschichte des Arbeiterstadtteils erzählen. Michael Braun verrät: "Wo sich heute die Einsatzzentrale der Feuerwehr befindet, roch es früher nach gerösteten Erdnüssen." Hier stand nämlich eine Bahlsen-Fabrik.

Neben Venedig gibt es noch einen weiteren Vergleich, den Sybill Petermann, Sprecherin der IG City Süd, gern für Hammerbrook benutzt: New York. "Das Schachbrettmuster der Straßen erinnert an Manhattan", sagt sie. Die City Süd, so genannt 1995 als Gegenpol zur drögen City Nord, ist nahezu deckungsgleich mit Hammerbrook, franst aber im Norden nach St. Georg aus. "City Süd steht für lebendiges Miteinander", sagt Petermann. Und dieses neue Leben wächst wie eine zarte Pflanze, die potente Unternehmen reichlich düngen. Wenn die Deutsche Bahn Ende 2012 ihren Riesenbau hinter dem Bahnhof bezieht, entstehen nicht nur 1100 neue Jobs, sondern direkt am Mittelkanal eine öffentliche Terrasse. Nebenan kommen Wohnungen für 200 Studenten auf den Markt, ein Stückchen weiter am Sonninkanal 250 Wohnungen. Montags und mittwochs trifft man sich auf dem Wochenmarkt auf dem Schwabenplatz am Sachsenfeld. Natürlich in Sichtweite der S-Bahn.

Hamburgs einzige Innenstadt-Fabrik

Am Nordende des Heidenkampswegs stehen sich die Gegensätze von Alt und Neu gegenüber: Auf der linken Seite das Kontorhaus Leder-Schüler von 1927, eines der wenigen erhaltenen Baudenkmäler. Gegenüber der Berliner Bogen von der Jahrtausendwende, ein gläserner Fingerabdruck des Stararchitekten Hadi Teherani. Ein Spaziergang durch Hammerbrook ist auch ein Streifzug durch Hamburgs Wirtschaftsgeschichte. Zum Beispiel die Helm AG an der Nordkanalstraße 28, ein Familienunternehmen, das vor gut 110 Jahren als Im- und Exportunternehmen begann und sich später auf Chemikalien verlegte. Oder die Körber AG am Nagelsweg 33-35, die seit 66 Jahren Spezialmaschinen und Verpackungssysteme herstellt. Oder das Grone-Bildungsinstitut im Schatten des Bahnhofs, das Heinrich Grone 1895 als "Schreib- und Handels-Lehrinstitut" gründete und das heute in zwölf Bundesländern präsent ist. Ein Denkmal auf der Promenade am Mittelkanal erinnert an H. C. Meyer, einen der ersten Großindustriellen Hamburgs. Der Stockfabrikant, den seine Zeitgenossen "Stockmeyer" nannten und der die Wasserversorgung modernisierte, erschloss das brachliegende Hammerbrook.

Je weiter es nach Süden Richtung Bille geht, desto kräftiger wird der süßliche Geruch, den die Stärkefabrik National Starch vom Grünen Deich hinüberschickt. Die einzige innenstädtische Fabrik Hamburgs, 1941 von Dr. Oetker gebaut, soll Hammerbrook in naher Zukunft ein neues Wahrzeichen bescheren - einen 50 Meter hohen Industrieturm aus Ziegel, Glas und Stahl.

Vier Räder sind es, die viele Hamburger zwangsläufig nach Hammerbrook bringen. Entweder füllen sie die Blechlawinen in den Durchgangsstraßen oder sie müssen beim Landesbetrieb Verkehr ihre Fahrzeuge zulassen oder Führerscheine ausstellen lassen. Erkennungsmerkmal bei der PS-Verwaltung an der Ecke Ausschläger Weg und Süderstraße: stundenlanges Warten mit Kennzeichen unter dem Arm.

Irgendwann kommen die Hausboote

Hammerbrook lebt. Rund um den Bahnhof entsteht der neue soziale Mittelpunkt. Knapp sieben Jahrzehnte nach der Zerstörung von St. Annen soll das Dialogzentrum "Bei Anna" entstehen, ein Ort für Begegnungen, den die nahe St.-Katharinen-Kirche betreut. Auf dem Mittelkanal dümpelt das schwimmende Eventcenter Kai 10. Und irgendwann kommen die Hausboote. Es müssen nicht immer nur Büros sein.

+++ Der Stadtteil-Pate: Christian-A. Thiel +++

Dass sich das weltweit größte Hostel (A&O) an der Spaldingstraße angesiedelt hat, spricht nicht gegen Hammerbrook. Im Mikrokosmos gibt es pfiffige Läden: die Feinbeißer Lounge an der Süderstraße (gutes Öko-Essen), die Superbude an der Spaldingstraße (Budgethotel mit skurriler Einrichtung) oder Coffee Unlimited an der Hammerbrookstraße (bio-zertifizierte Rösterei). Deren Hausmarke heißt selbstbewusst: "Hammerbrooklyn blend".

In der nächsten Folge am 13.6.: Moorfleet

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