Die Stadtteilserie

Hamm

Ballettschule, Fabrik der Künste, Bunkermuseum: Das Viertel bietet überraschend viel

In Hamm verliebt man sich erst auf den zweiten Blick. Die Einfallstraßen, die den Stadtteil durchschneiden - Sievekingsallee, Eiffestraße und Hammer Landstraße - punkten weder durch architektonische Raffinesse noch besonderes Flair. Doch abseits dieser Verkehrsachsen findet man überraschend viel Liebenswürdiges. Rund um das kleine Elisabethgehölz etwa liegt ein idyllisches Wohngebiet mit rot geklinkerten Häuserblöcken und vielen Bäumen. An der Sievekingsallee gibt's den von Kaufmann Jacques de Chapeaurouge angelegten Hammer Park, im Süden an der Bille einen spannenden Mix aus Wohnen und Gewerbe sowie im Norden viele kleine Geschäfte. Außerdem leben hier eine Menge netter, teils sehr engagierter Bewohner, die das kulturelle und gesellschaftliche Leben in Hamm nach vorn bringen.

+++ Zahlen und Fakten +++

+++ Name und Geschichte +++

+++ Töchter und Söhne +++

+++ Kurz und knapp +++

Der Stadtteil hat eine wechselvolle Geschichte. Erst Wald- und Sumpflandschaft, dann Viehweide, wurde Hamm im 17. Jahrhundert Sommerresidenz für vermögende Kaufleute. Im Belagerungswinter 1813/1814 brannten die Franzosen große Teile nieder, um freies Schussfeld auf die anrückenden Russen zu haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs Hamm dann zum bevölkerungsreichsten Stadtteil Hamburgs an. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Hamm mehr als 90 000 Menschen, nach der Operation Gomorrha waren es nur noch 7500. 96 Prozent der Gebäude waren zerstört.

Teilung in oben und unten

An das Bürgertum von einst erinnern nur noch ein paar Stadtvillen und Mehrfamilienhäuser aus der Gründerzeit oder der Fritz-Schumacher-Ära - und die Schulen. Sie wurden dank der Hausmeister gerettet, die die Brandbomben vom Dach warfen. Eines der Gebäude, die Schule an der Caspar-Voght-Straße, beherbergt heute die berühmte Ballettschule von John Neumeier. In den 1950er-Jahren waren es hauptsächlich die Baugenossenschaften, die Hamm wiederaufbauten - ihre typische Block- und Zeilenbebauung prägen den Stadtteil bis heute.

Hamm, bis Anfang 2011 in Nord, Mitte und Süd unterteilt, galt lange als benachteiligt. Besonders Hamm-Mitte und Hamm-Süd waren noch Mitte der 1990er-Jahre geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit. Es war nicht nur die geografische Lage auf dem Geesthang, die Hamm-Nord den Namen "Oben-Hamm" einbrachte, während die beiden anderen Stadtteile als "Unten-Hamm" bezeichnet wurden. "Oben" lebten vor allem Lehrer, Angestellte und Unternehmer, "unten" überwiegend Arbeiter und diejenigen, die keine Arbeit hatten.

Ein bisschen so ist es immer noch. Bis heute spielt sich der größte Teil des öffentlichen Lebens im Norden Hamms ab. Hier haben sich unterschiedliche Geschäfte angesiedelt. Unweit des S-Bahnhofs Hasselbrook, am Ende der Marienthaler Straße, hat Justyna Kitowski im Sommer 2011 das Café Klassenraum eröffnet. Mit dem Café Keks schräg gegenüber und dem Café May am Hammer Park besitzt Hamm mittlerweile drei solcher Trendläden, die Kaffee, selbst gebackenen Kuchen und kleine Speisen anbieten. Auf der Ecke rund um den "Klassenraum" gibt es alles, was für den täglichen Bedarf wichtig ist. Lediglich die Fleischerei Goltz, eine von bislang vier (!) Schlachtereien im Stadtteil, musste nach einem Vierteljahrhundert schließen. Als der Inhaber verstarb, konnte dessen Familie den Laden nicht weiterführen, weil die Miete drastisch stieg.

Trendsetter und Tante-Emma-Läden

Hamm hat viele Urgesteine: Herbert Bartels eröffnete vor 34 Jahren mit seinem Croque Monsieur am Quellenweg einen der ersten Croqueläden Hamburgs. Günter Hanisch ist mit seiner Eisenwarenhandlung an der Sievekingsallee seit 1965 in Hamm vertreten. Elke Haberlandt betreibt seit mehr als 50 Jahren auf 45 Quadratmetern eine kleine Drogerie an der Caspar-Voght-Straße. Karl-Heinz Handwerk führt in dritter Generation einen seit 1957 ander Carl-Petersen-Straße bestehenden Obst- und Gemüsehandel und Ingeborg Rübke seit 1951 einen Milch- und Feinkostladen an der Chateauneufstraße. Mit ihrem Geschäft und dem von Najla Popal an der Caspar-Voght-Straße verfügt Hamm gleich über zwei echte Tante-Emma-Läden. Auch in Sachen Naturkost und Gourmet-Restaurant liegt der Stadtteil vorn: Seit 1987 existieren der Bioladen am Hammer Park und das kleine, aber feine Genno's mit internationaler Küche am Hammer Steindamm.

Schöner wohnen an der Bille

Während es im mittleren Hamm Discounter, Drogeriemärkte und Apotheken gibt, besitzt das Osterbrookviertel, im Süden an der Bille gelegen, eine schlechtere Infrastruktur. Nach dem Krieg wurde hier nur ein kleines Wohngebiet wiederaufgebaut. Südöstlich wird es vom Aschbergbad mit der 111 Meter langen Wasserrutsche, dem Tierheim an der Süderstraße und vielen Kleingärten begrenzt. Nach Westen hin liegen der Straßenstrich und das Gewerbegebiet rund um Borstelmannsweg und Wendenstraße, wo auch Tchibo Kaffee röstet. Trotzdem wohnt es sich dort schön. Ende der 1990er-Jahre baute die Baugenossenschaft freier Gewerkschaftler am zuvor gewerblich genutzten Bille-Ufer mehrere Hundert Wohnungen. Mit dem "Elbschloss an der Bille" hat das Quartier seit 2009 ein Nachbarschaftszentrum mit Kindertagesstätte (eine von 17 im Stadtteil) und einem Programm für Kinder, Eltern und Senioren. Der neue Osterbrookplatz ergänzt das Angebot der Einrichtung: Bänke unter Bäumen zum Verweilen, außerdem genügend Platz, um Feste zu feiern.

Kultur und Bürgerengagement

Die Fabrik der Künste am Kreuzbrook Nr. 10, eine sanierte Lagerhalle, ist seit 2007 die kulturelle Anlaufstelle im südlichen Hamm. Im Norden wird Kultur schon länger großgeschrieben. An der Carl-Petersen-Straße sind seit 1982 der von einer Stadtteilinitiative gegründete Kulturladen beheimatet, ein umfangreiches Stadtteilarchiv und eine Kleinkunstbühne. Es werden unter anderem Kurse und Stadtteilrundgänge angeboten sowie Führungen in das Bunkermuseum am Wichernsweg 16. "Caveman"-Darsteller Kristian Bader lädt hie und da zu Lesungen in ein Hinterhof-Loft am Hammer Steindamm, genannt "Baderanstalt", ein. Und die Buchhandlung Seitenweise, ein paar Häuser weiter, gilt als Keimzelle einer neuen Bürgerbewegung in Hamm. Buchhändlerin Elke Ehlert war Mitbegründerin der Bürgerinitiative "Hamm' Se Zivilcourage", die seit zwölf Jahren Vorträge zu aktuellen Themen organisiert. 2011 schob sie mit anderen eine Bewegung an, die sich unter dem Motto "Hamm' wir alles" dafür einsetzt, den unterschätzten Stadtteil noch attraktiver zu machen.

+++ Die Stadtteil-Patin: Friederike Ulrich +++

Die Serie finden Sie auch unter www.abendblatt.de/stadtteilserie

In der nächsten Folge am 30.5.: Hausbruch