Corona Hamburg

Reger Zulauf bei Impfambulanz im Herzen von Mümmelmannsberg

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Joana Ekrutt

Foto: Thorsten Ahlf

An fünf Tagen pro Woche wird geimpft – ohne Termin. Das niedrigschwellige Angebot spricht sich per Mund-zu-Mund-Propaganda herum.

Hamburg. Impfambulanz Mümmelmannsberg“ steht auf dem blau-grünen Schild am Straßenrand. Ein Farbklecks zwischen dem grau der umliegenden Hochhausblöcke. Ein weißer Pfeil zeigt auf einen in die Jahre gekommenen 70er-Jahre-Bau, in dem die SKH Stadtteilklinik Hamburg ansässig ist. Im Souterrain, dem eigentlichen Konferenzbereich der Klinik, werden seit Kurzem Impfungen angeboten – fünf Tage die Woche, ohne Termin.

„Wir haben ohne große Werbung und Vorankündigung am 6. Dezember einfach die Türen aufgemacht“, sagt Tjark Frederik Schwemer, Ärztlicher Leiter der Stadtteilklinik. „Die Schlange ging ums ganze Haus herum“, erinnert er sich. „Die Idee dahinter war, die medizinische Versorgung im Stadtteil sicherzustellen, als wir einen sprunghaften Anstieg der Impf-Nachfrage bemerkt haben.“

Mümmelmannsberg: Zugang zum Impfen wird erleichtert

Initiiert wurde die Pop-Up-Impfambulanz in Kooperation von der Stadtteilklinik und dem VivaQ Medizinischen Versorgungszentrum Mümmelmannsberg (MVZ), das im selben Gebäude untergebracht ist. Zuvor wurden Impfungen dort mit Terminvergabe und Wartezeit angeboten. „Damit wird der Alltag in vielen Praxen lahmgelegt. Die kranke Bevölkerung muss jedoch auch medizinisch versorgt werden“, so Schwemer. Zudem müsste gerade in strukturschwachen Stadtteilen der Zugang erleichtert werden.

Die Hochhaussiedlung Mümmelmannsberg im Stadtteil Billstedt gilt als sozialer Brennpunkt. Die Corona-Pandemie zeigt die Probleme, die hier bestehen, wie unterm Brennglas. Schon lange ist der Bezirk Mitte, zu dem Billstedt gehört, ein Corona-Hotspot innerhalb Hamburgs.

Corona: 1045 Neunfektionen in einer Woche im Bezirk Mitte

In der Woche vom 13. bis zum 20. Dezember wurden dort laut Gesundheitsbehörde 1045 Neuinfektionen gemeldet. Insgesamt infizierten sich mit Stand 20. Dezember 28.358 Personen im Bezirk Mitte mit Covid-19 – übertroffen nur vom Bezirk Wandsbek mit insgesamt 28.931 Fällen. Für einzelne Stadtteile würden hingegen weder die Inzidenz noch die Impfquote gesondert erhoben, heißt es aus der Sozialbehörde.

„Das Interesse an der Impfung ist da, aber der Stadtteil ist demographisch und soziokulturell so aufgestellt, dass für viele der Weg, um an Informationen oder eine Impfung zu kommen schwer ist“, sagt Schwemer. „Deshalb müssen wir zu den Leuten hingehen und können nicht warten, bis sie zu uns kommen.“

Projektartige Impfaktionen werden gut angenommen

Die Erfahrung habe gezeigt, dass projektartige Impfaktionen an belebten Orten von den Anwohnern gut angenommen werden. So konnten sich Passanten im August ohne Termin einen Tag lang im Gesundheitskiosk in Billstedt impfen lassen. Schilder in verschiedenen Sprachen hätten auf das Angebot aufmerksam gemacht. „Die Menschen konnten zur Marktzeit im Vorbeigehen eine Impfung bekommen.“

Die Stadtteilklinik selbst habe im November ebenfalls eine Impfaktion an einer Schule angeboten. „Als die Stiko den Impfstoff für 12 bis 17-Jährige freigegeben hat, bin ich direkt zur Schulleitung gegangen und habe gesagt, dass wir das Angebot niedrigschwellig gestalten müssen. Statt Sport gab es dann eine Stunde impfen.“ 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler der drei Schulen in Mümmelmannsberg konnten dadurch geimpft werden. Für Lehrer seien zudem zwei Termine mit Booster-Impfungen angeboten worden. „Insgesamt sind 170 Lehrer und 200 Schüler geimpft worden“, so Schwemer.

Impfambulanz Mümmelmannsberg: Reger Zulauf

Das Angebot der nun eröffneten Impfambulanz im Herzen von Mümmelmannsberg an der Oskar-Schlemmer-Straße erfahre ebenfalls einen regen Zulauf. Pro Tag würden im Schnitt 40 bis 50 Impfungen verabreicht, also rund 200 Impfungen die Woche. „In der ersten Woche sind viele spontan nach dem Einkauf zum Impfen gekommen. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich das Angebot dann rumgesprochen“, sagt Schwemer. „Wir arbeiten hier sehr niedrigschwellig mit verschiedenen Sprachen.“

Die Hälfte der Impfungen seien Booster-Impfungen. Erst- und Zweitimpfungen würden je ein Viertel ausmachen. Die Altersstruktur bei den Impfungen entspräche der Demographie des Stadtteils. „Zwei Drittel der Menschen, die sich hier impfen lassen, sind über 60.“ Damit erkläre sich auch der hohe Anteil an Booster-Impfungen.

Diese Corona-Impfstoffe sind in Deutschland zugelassen

  • Biontech/Pfizer: Der erste weltweit zugelassene Impfstoff gegen das Coronavirus wurde maßgeblich in Deutschland entwickelt. Der mRNA-Impfstoff, der unter dem Namen Comirnaty vertrieben wird, entwickelt den vollen Impfschutz nach zwei Dosen und ist für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat er eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent – das heißt, die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, sinkt bei Geimpften um den genannten Wert. Ebenfalls von Biontech stammt der erste für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassene Impfstoff in Deutschland.
  • Astrazeneca: Der Vektorimpfstoff des britischen Pharmaunternehmens wird unter dem Namen Vaxzevria vertrieben. Aufgrund von seltenen schweren Nebenwirkungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), den Impfstoff nur für Patienten zu verwenden, die älter als 60 Jahre sind. Offiziell zugelassen ist der Impfstoff aber für Menschen ab 18 Jahren. Vaxzevria weist laut BMG nach zwei Impfdosen eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen auf.
  • Moderna: Der von dem US-Unternehmen entwickelte mRNA-Impfstoff mit dem Vertriebsnamen Spikevax ist für alle ab 12 Jahren zugelassen, die Stiko empfiehlt aufgrund eines erhöhten Risikos schwerer Nebenwirkungen aber, ihn auf die Altersgruppe der über 30-Jährigen zu beschränken. Der Moderna-Impfstoff hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen, wenn der volle Impfschutz nach zwei Impfdosen erreicht worden ist.
  • Johnson&Johnson: Das US-Unternehmen hat einen Vektorimpfstoff entwickelt, der bereits nach einer Impfdosis Schutz vor dem Coronavirus entwickelt. Er wird unter dem Namen Covid-19 Vaccine Janssen vertrieben. Das Präparat hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent bezogen auf schwere Erkrankungen – zudem ist die Zahl der Impfdurchbrüche im Vergleich zu den anderen Impfstoffen erhöht, daher empfiehlt die Stiko für mit Johnson&Johnson Geimpfte schon nach vier Wochen eine zusätzliche Impfdosis mit Comirnaty oder Spikevax, um den vollständigen Impfschutz zu gewährleisten.
  • Novavax: Das US-Unternehmen hat den Impfstoff Nuvaxovid entwickelt. der mitunter zu den sogenannten Totimpfstoffen gezählt wird. Er enthält das Spike-Protein des Covid-19-Erregers Sars-CoV-2. Dabei handelt es sich aber genau genommen nicht um abgetötete Virusbestandteile, die direkt aus dem Coronavirus gewonnen werden. Das Protein wird stattdessen künstlich hergestellt. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung Antikörper gegen das Protein. Der Impfstoff wird vermutlich ab Ende Februar in Deutschland eingesetzt und soll laut BMG in bis zu 90 Prozent der Fälle vor Erkrankung schützen.
  • Weitere Impfstoffe sind in der Entwicklung: Weltweit befinden sich diverse Vakzine in verschiedenen Phasen der Zulassung. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit das umstrittene russische Präparat Sputnik V sowie die Impfstoffe der Hersteller Sinovac, Sanofi und Valneva. Der deutsche Hersteller CureVac hat seinen Impfstoff vorerst aus dem Zulassungsverfahren zurückgezogen.

Auch an diesem Mittag wollen von den acht Personen, die vor der Impfambulanz in der Kälte warten, sechs ihre Booster-Impfung erhalten. Mit der Zeit wird die Schlange länger und die Stimmung angespannter. Das ändert sich jedoch schlagartig, sobald Monika Szymczak zur Tür kommt, um den nächsten Impfwilligen hineinzubitten. Die 63-Jährige medizinische Fachangestellte ist eigentlich schon im Ruhestand, doch ihre Schwiegertochter, die als Praxismanagerin im MVZ arbeitet, habe sie für die Arbeit in der Impfambulanz gewinnen können.

Szymczak führt den Patienten aus der Schlange den schmalen Flur entlang ins Wartezimmer. „Betriebsrat“, steht auf dem Schild an der Tür. Auf den knallblauen Stühlen sitzen bereits zwei Personen und füllen ihre Aufklärungsbögen auf. Geimpft wird im ehemaligen Konferenzraum eine Tür weiter. Die Stühle davor sind ebenfalls schon besetzt. „Next one, please“, sagt ein Arzt, der aus dem Impfzimmer kommt. Ein älteres Paar steht auf und geht hinein.

Mümmelmannsberg: Die meisten Impfwilligen kommen aus dem Viertel

„Der Tonfall ist freundlich, die Stimmung gut, die Arbeit entspannt“, sagt Szymczak. Wie zum Beweis geht in diesem Moment die Tür wieder auf und das Paar tritt freudestrahlend heraus. „Wir haben uns beide boostern lassen“, sagt Ali Sevindik. „Es war alles gut, ich würde es weiterempfehlen.“

Die meisten, die das Angebot wahrnehmen, kämen aus dem Viertel oder vereinzelt auch mal aus Pinneberg. Es gebe aber auch welche, die von weither angereist sind. „Wir haben zum Beispiel ein älteres türkisches Ehepaar aus Lübeck geimpft. Sie hatten sprachlich keinen Zugang zu Angeboten in Lübeck gefunden und sind auf Empfehlung hergekommen“, erinnert sich Schwemer. „Eine weitere schöne Geschichte ist die eines polnischen Pärchens, beide 85 Jahre alt, die sich rechtzeitig boostern lassen wollten, um Anfang des Jahres zu einem Bruce Springsteen Konzert in die USA zu reisen.“

Die Impfambulanz ist von Montag bis Freitag zwischen 12 und 15 Uhr geöffnet. Das ausgelagerte Impf-Angebot entlaste die Praxen, so dass weiterhin die sonstige reguläre hausärztliche Versorgung garantiert sei, sagt Sönke Meyer-Kienast, Ärztlicher Leiter des MVZ. „Es ist wichtig, dass geimpft wird, aber da es einen großen organisatorischen und verwalterischen Aufwand mit sich bringt, kann es nicht zwischen „Tür und Angel“ gemacht werden.“

Mümmelmannsberg: Manche Impfwillige äußern Bedenken

Die Schlangen vor der Impfambulanz seien mittlerweile kürzer als am Eröffnungstag. „Es hat sich rumgesprochen, dass die Menschen keine Sorge haben müssen, nicht dranzukommen“, so Schwemer. „Wir beraten und impfen hier jeden und schicken nie jemanden weg.“ Außer dann, wenn der Impfstoff knapp wird. Das werde auch zwischen den Jahren erwartet, weshalb die Impfambulanz nur an zwei Tagen geöffnet sein wird.

Im Schnitt würde der Besuch mit Wartezeit vor und nach der Impfung nur 45 Minuten dauern. Das liege auch daran, dass die impfenden Ärzte kaum Aufklärung leisten müssten. „Wer bei uns in der Schlange steht, hat die Entscheidung gefällt, sich impfen zu lassen.“

Doppelt-Geimpfter schmiedet sofort Pläne

Doch bei den Erst- und Zweitimpfungen, zu denen überwiegende 20 bis 30-Jährige kämen, würden auch Bedenken geäußert. Ihre Sorgen beträfen vor allem die Wirkstoffe und Langzeitschäden. „Die Klientel ist nicht gut erreicht, da der Zugang zu Aufklärung und Information sprachlich und kulturell häufig nicht gegeben ist“, sagt Schwemer. Auch die Falschmeldung, dass die Impfung unfruchtbar mache, halte sich unter Jüngeren hartnäckig. „Das hören wir ganz viel, aber das lässt sich sehr schnell aufklären.“

Die Eröffnung der Ambulanz sei zufällig mit der Einführung der flächendeckenden 2G-Regelung in Hamburg zusammengefallen. „Das sehen wir schon, dass es für manche ein Anreiz ist.“ So auch für den 14-jährigen Schayan Turkmany, der sich zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter in die Schlange gestellt hat, um seine Zweitimpfung zu bekommen. „Viele Sachen sind ohne Impfung gar nicht mehr möglich“, sagt er.

Die Impfung habe er gut vertragen. Bis auf die eine Stunde Wartezeit in der Kälte sei alles perfekt gewesen. Für den Nachmittag als Doppelt-Geimpfter habe er bereits Pläne: „Ich will gleich ins Kino gehen.“

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