Stadtentwicklung

Wie kann die Hamburger Innenstadt wiederbelebt werden?

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Matthias Iken
Im Herbstworkshop der AAC entwarfen junge Architekten eine „Megathek Hamburg“ – hier der Entwurf der zweiten Gruppe.

Im Herbstworkshop der AAC entwarfen junge Architekten eine „Megathek Hamburg“ – hier der Entwurf der zweiten Gruppe.

Foto: AAC

Junge Kreative entwerfen mehrere Modelle für die City: zum Beispiel ein Digitales Haus am Gerhart-Hauptmann-Platz.

Hamburg.  Was wird aus der Innenstadt? Aus einer Frage, die einst nur ein Fachpublikum diskutiert hat, ist längst die zentrale Aufgabe der Stadtentwicklung geworden. Die Pandemie hat den Strukturwandel mit dem Wachstum des Internethandels zulasten der Ladengeschäfte dramatisch beschleunigt, hinzu kommen „Hamburgensien“ wie das Leerfallen von gleich zwei Kaufhäusern an der Mönckebergstraße und die kommende Konkurrenz durch das Überseequartier in der HafenCity. Früher lief die City von selbst, weil Menschen aus nah und fern in die Stadt strömten. Nun geht es darum, die Innenstädte zu beleben und die Massen in die City zu locken.

Eine Idee hatte die SPD im Bürgerschaftswahlkampf mit dem „Haus der digitalen Welt“ – einem Zentrum, das die digitalen Angebote der Volkshochschule, der Zentralbibliothek, der Universitäten, aber auch von Organisationen und Firmen zeitgemäß präsentierten soll. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) sprach von „einer Art gemeinsamem Wohnzimmer der großen Stadt“, das da entstehen soll.

Die Idee einer Wundertüte fand Eingang in den Koalitionsvertrag: Das Haus der digitalen Welt soll die „digitale Grundbildung aller Menschen in der Stadt“ sicherstellen, heißt es dort, aber auch „Forschung sichtbar und digitale Transformation erlebbar machen“. Zuletzt aber ist es um das Leuchtturmprojekt des Bürgermeisters ruhig geworden – wohl auch pandemiebedingt.

Stadtentwicklung: Wie kommt wieder mehr Leben in die Hamburger Innenstadt?

Nun belebt die Academy for Architectural Culture (AAC) die Debatte. Die Fortbildungseinrichtung der gmp-Stiftung für Studenten und junge Architekten hat sich in einem dreinhalbwöchigen Herbstworkshop mit dem Bau befasst. Mit dem ehemaligen Hauptsitz der Hamburgischen Landesbank aus dem Jahr 1972 am Gerhart-Hauptmann-Platz hat die Akademie unter Leitung von Nikolaus Goetze und Volkwin Marg auch einen möglichen Ort für diese „Mega­thek“ ausfindig gemacht.

„Es liegt nahe, eine solche Megathek an zentraler Stelle einzurichten, dort, wo der Schwund an urbaner Lebendigkeit am schmerzhaftesten droht, im Herzen der Hamburger Altstadt“, sagt Volkwin Marg.

In der Aufgabenstellung für 20 Studenten aus zehn Ländern hieß es: „Die zukünftige ,Megathek‘ soll einen urbanen Anziehungspunkt bilden“, mit Gas­tronomie, öffentlich zugänglichen Werkstätten, Tonstudios, kleineren Kinos und Veranstaltungsräumen. „Das ist die Neugeburt der Volkshochschule“, umschreibt Nikolaus Goetze, Partner bei gmp, die Herausforderung. „Das ist eine soziale Animationsbude, eine Megathek statt eine Bibliothek.“

Die jungen Kreativen entwerfen mehrere Modelle

Am Anfang der Arbeit des internationalen Teams stand konsequenterweise eine Reise nach Helsinki ins Oodi. Dieses digitale Gemeindezentrum in der finnischen Hauptstadt war auch Impulsgeber für die Hamburger SPD.

Zurück in den Räumen der AAC an der Rainvilleterrasse in Ottensen machten sich die Studenten ans Werk, geleitet von Tutoren und Gastprofessoren aus Finnland, den Niederlanden, Dänemark und Deutschland. Sie gaben dem Bankgebäude in Sinne der Nachhaltigkeit ein neues Gepräge, nutzen dabei Teile des Bestandes weiter. Die jungen Kreativen entwarfen ein offenes Gebäude mit 35.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche mit räumlicher Vielfalt, öffentlicher Durchwegung und attraktiven Freiflächen. Das Ergebnis sind Anregungen, die das Zeug haben, die Debatte neu anzufachen – insgesamt vier Gruppen kamen zu sehr unterschiedlichen Entwürfen. „Auf eine Frage gibt es immer viele Antworten“, sagt Marg.

Die erste Gruppe setzt die Vernetzung konsequent um: Ein großräumiger Einschnitt öffnet das Gebäude zum Gerhart-Hauptmann-Platz und schafft mit geschwungenen Rampen und Verbindungsstegen ein offenes Raumgefüge. Die zweite Gruppe dachte eher vertikal und entwarf mit einer „Vertical Agora“ einen Ort der Begegnung und Wissensvermittlung, der die Besucher auf dem Weg nach oben begleitet. Auf dem imposanten Dach, das Hamburgs Skyline aufgreift, sollen sich die Menschen auf Terrassen und in Gärten treffen.

Hamburgs „Löcher, in denen das Leben erlischt“ wiederbeleben

„Infinite Space“ lautet das Ergebnis der Gruppe 3, die ein sich nach oben stufenartig erweiterndes Atrium plant – der Besucher geht über komplexe Treppensysteme dem Licht entgegen. Die vierte Gruppe wiederum zerschneidet das Bestandsgebäude in drei Baukörper, die sich im Erdgeschoss öffnen. Darin findet sich eine Erlebniswelt aus Treppen, Rampen und einer Platzlandschaft im Haus.

„Wir geben Anstöße zur Belebung der Innenstadt“, sagt Goetze. Volkwin Marg verweist auf die „Löcher in der Stadt, in denen das Leben erlischt“ – und die Revitalisierung, die nun kommen muss: „Wir wollen Vorstellungskraft erzeugen, was möglich ist“, sagt er. Die Entwürfe geben einen ersten Eindruck. Werktags ist die Ausstellung in der Akademie für Interessierte geöffnet – Oberbaudirektor Franz-Josef Höing und Kultursenator Carsten Brosda waren übrigens schon da.

Ein Besuch ist unter Einhaltung der 2-G-Regel möglich, um Anmeldung unter contact@aac-hamburg.de wird gebeten. Öffnungszeiten Montag bis Freitag, 10.00 bis 16.00 Uhr