Großsiedlung

Viele Kirchdorfer können ihren Balkon nicht mehr nutzen

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Lars Hansen
Stadttauben auf dem Harburger Rathausplatz. SPD und Grüne fordern Taubenschläge zur Populationskontrolle.

Stadttauben auf dem Harburger Rathausplatz. SPD und Grüne fordern Taubenschläge zur Populationskontrolle.

Foto: Lars Hansen / xl

Tauben werden in der Wilhelmsburger Hochhaussiedlung immer mehr zur Plage. Nur teure Taubennetze halten die Vögel fern.

Hamburg.  Taubendreck ist für die meisten Menschen ein Ärgernis, das in den Innenstädten auftritt. Allerdings sind auch Wohngebiete betroffen. Gerade Großwohnsiedlungen ziehen Stadttauben an. Für die Bewohner wird das zum Problem. In Kirchdorf Süd soll jetzt versucht werden, dem Taubenproblem zu begegnen, indem man den Tauben entgegenkommt. Die Großsiedlung soll einen Taubenschlag erhalten, beschloss die Bezirksversammlung Hamburg-Mitte. Die Idee dahinter: Wenn die Tauben Idealbedingungen vorfinden, verlassen sie weniger ideale Orte wie Balkone, Fenstersimse, Mauervorsprünge.

Dort machen sie sich nämlich im Moment breit: „In der Großwohnanlage Kirchdorf Süd hat jede Wohnung einen Balkon“, sagt die SPD-Bezirksabgeordnete Kesbana Klein, die den Beschluss initiierte. „Diese Balkone werden von den Tauben besetzt. Sie hinterlassen ihren ätzenden und gesundheitsgefährdenden Kot und brüten bis zu zehnmal im Jahr. Das verursacht Gestank und dauerndes Gegurre vor dem Schlafzimmerfenster – im Sommer ab 5 Uhr morgens.“

Viele Menschen in Kirchdorf Süd würden ihren Balkon nicht mehr nutzen. Nur professionell angebrachte Taubennetze halten die Vögel wirksam fern. Das ist teuer und verlagert das Problem umso mehr auf die noch ungeschützten Balkone, Balkonsimse, Fensterbänke, Außenanlagen und Spielplätze. „Die Taubenpopulation und deren eklige Hinterlassenschaft reduzieren sich dadurch nicht“, sagt Kesbana Klein.

Tauben lassen sich weglocken

Die Idee hinter dem Taubenschlag: Wenn sich die Tauben nicht vertreiben lassen, kann man sie vielleicht weglocken. Das geschieht an einigen Orten in Hamburg bereits erfolgreich: Taubenschläge gibt es am Hauptbahnhof oder an der Zentrums-Moschee in St. Georg. Das Weglocken funktioniert, weil Hochhausfronten und Innenstadtschluchten für Tauben eben keine Idealbedingungen darstellen, sondern lediglich den natürlichen Lebensbedingungen der Felstaube nahe kommen. Von denen stammen die Stadttauben nämlich indirekt ab. In mehreren Generationen Haustaubendasein hat man Ihnen lediglich angezüchtet, bis zu zehn Mal im Jahr zu brüten.

Stadttauben suchen ihr Futter in einem Radius von maximal 700 Metern und brüten auf Stein. Sie bevorzugen hohe Gebäude mit Simsen, Vorsprüngen und Balkonen, da sie Klippen ähnlich sind. Sie sind ständig hungrig, da die Abfälle, die sie als einzige Nahrungsquelle finden, ihnen nicht gut bekommen. Das verursacht den flüssigen „Hungerkot“. In einem Taubenschlag erhalten die Stadttauben artgerechtes Körnerfutter, produzieren weniger und trockeneren Mist und lassen diesen größtenteils im Schlag, wo er sauber eingesammelt werden kann.

Öffnungsschlitze und viele kleine Nistzellen kommen den natürlichen Nistbedingungen der Felstauben nahe. Da die Vögel im Schlag brüten, kann man ihre Eier gegen Gipsatrappen austauschen. „Es dauert einige Zeit, bis die Tauben den Verschlag annehmen und ein Erfolg spürbar wird. Aber das Warten lohnt sich“, sagt Kesbana Klein.

Bezirk stellt 15.000 Euro für Taubenschlag bereit

Die Wohnungsbaugenossenschaft SAGA hat in der Siedlung Mümmelmannsberg bereits einen Taubenschlag aufgestellt. Er wird von einer geringfügig beschäftigten Arbeitskraft betreut. Auch für Kirchdorf Süd kann sich Kesbana Klein eine Zusammenarbeit mit der SAGA, die hier größter Wohnungseigentümer ist, vorstellen. und führt derzeit Gespräche mit dem Wohnungsunternehmen. Für die Einrichtung des Taubenschlags in Kirchdorf Süd stellt die Bezirksversammlung Mitte 15.000 Euro aus dem Sondermittelprogramm „Lebenswerter Bezirk“ zur Verfügung.

Auch die Bezirksversammlung Harburg hat sich schon mit Taubenschlägen befasst. Hier geht es weniger um Wohngebiete als um die Innenstadtbereiche Rathaus, Herbert-Wehner-Platz, Lüneburger Tor, Seeveplatz und Harburger Bahnhof. SPD und Grüne hatten im Oktober unabhängig voneinander Anträge gestellt. Diese forderten jedoch übereinstimmend zunächst einmal einen Expertenbericht im Ausschuss für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz. „Dieser Bericht steht noch aus“, sagt Jürgen Marek, Abgeordneter der Grünen. „Anscheinend ging das in Mitte schneller, denn die Anträge dort lauteten ähnlich und wurden zur selben Zeit gestellt.“

In Hamburg bemühen sich bereits mehrere Organisationen um bessere Lebensbedingungen für die Stadttauben: Neben dem Hamburger Tierschutzverein sind dies der Hamburger Stadttauben e.V. sowie der Verein „Gandolfs Taubenfreunde“.

Kirchdorf Süd

Die Hochhaussiedlung Kirchdorf Süd entstand in den Jahren von 1974 bis 1976 und hat fast 6000 Einwohner. Sie ist eines der ersten Anzeichen urbaner Zivilisation, das Autofahrer, die von Süden auf der A 1 in die Stadt kommen, von Hamburg wahrnehmen.

Die Siedlung und hat sich mehr und mehr zu einem multikulturellen Viertel entwickelt. Auf private Initiative und auf Initiative der Stadt Hamburg entstanden hier zahlreiche Elemente der sozialen Infrastruktur, wie ein Kinderbauernhof, Bauspielplatz, Freizeithaus, Jugendzentrum und eine eigene Dependance der Hamburger Elternschule.