Besuch beim Bürgermeister

600 Hamburger beim Neujahrsempfang im Rathaus

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Axel Ritscher

Scholz und Fegebank nehmen Wünsche entgegen. Seit dem 18. Jahrhundert machen die Hamburger am 1. Januar ihre Aufwartung.

Hamburg.  Der Händedruck ist weich, das Lächeln verbindlich. Die guten Wünsche für ihn und die Seinen nimmt Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) gern entgegen. Den Wunsch des Bürgers an die Politik auch. Ob Scholz denn den Bürgerwunsch auch teile? Die Nachfrage quittiert er mit dem immer noch gleichen Gesichtsausdruck, der Blick ist aber schon auf den nächsten Gratulanten gerichtet.

Mit der zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) ist da schon mehr möglich. Fast ein Pläuschchen bahnt sich an, was auch an dem eher grün eingefärbten Wunsch nach mehr Fahrradstraßen liegen mag.

Neujahrsempfang im Rathaus. An die 600 Bürger kommen, um den Spitzen der Stadt zum neuen Jahr zu gratulieren und ihre Wünsche und Anregungen für die Politik zu platzieren. In der Halle des Rathauses spielt das Polizeiorchester Evergreens wie „Hello Dolly“, die Titelmelodie der Miss-Marple-Krimis oder den „Bonny“, der „over the ocean“ is(t). Offiziöser waren die Musiker mit der Hamburg-Hymne „Hammonia“ kurz vor der Zeremonie und vor dem Rathaus, wo auch die Flaggen Hamburgs und Deutschlands gehisst wurden.

Zeitweise empfing der Bürgermeister zu Hause

Seit dem 18. Jahrhundert ist es guter Bürger-Brauch in der Stadt, am Neujahrsmorgen dem Bürgermeister seine Aufwartung zu machen. Nach dem großen Brand 1842 kamen sie in Ermangelung eines ordentlichen Rathauses zum Bürgermeister nach Hause. 1901 wurde das korrigiert, das neue Rathaus hatte Platz genug für die Zeremonie. Seitdem variieren nur noch die Personen und Wünsche.

Von der Halle aus stehen die Menschen auf der Treppe vor der großen Eisentür, zwei Ratsdiener in der Gala-Uniform von 1896 halten je einen Türflügel. Über die große Treppe schieben sich die Gratulanten vorbei an den Bürgermeisterplastiken von Kurt Sieveking, Carl Petersen, Herbert Weichmann und Max Brauer bis in den Phönixsaal, wo das große Haus die Klänge der Big Band langsam schluckt.

Notiert werden die Wünsche nicht

Viele der zumeist älteren Gratulanten kommen in touristischer Absicht. „Hamburg hat das schönste Rathaus“, höre ich hinter mir. „Da kommt keiner mit.“ Andere fotografieren die Insignien des hanseatischen Reichtums, Schnitzereinen an den Wandvertäfelungen, Ölschinken oder Geschenke aus fernen Ländern wie den bolivianischen Volkshelden Simon Bolivar in Vollholz, der beherrschende Schmuck im Phönixsaal.

Auf einem der schweren Tische liegen DIN-A4-Blätter aus: Besucherlisten. Wer will, trägt sich ein. Dann wird der Bürgermeistersaal durchstanden, bis endlich im Turmsaal das regierende Paar zu sehen ist, lächelnd und flankiert von einer Handvoll Journalisten. Notiert werden die Anregungen und Wünsche der Bürger nicht. Das Gedächtnis der Mächtigen muss ohne Hilfen klar kommen.

Nach gut einer Stunde ist Feierabend. Kurz vor 12 Uhr hat sich die Schlange sich aufgelöst, die Ratsdiener schließen die Eisentür. Die Kapelle spielt Rausschmeißer in der noch immer gut gefüllte Halle. „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.“ Die Kapelle nimmt Abschied. „Isch over.“ Auf dem Rathausmarkt middachs um zwölf kehrt Ruhe ein.