St. Georg

Warum der Hauptbahnhof jetzt ein Tauben-Hotel hat

Damit sich die Jungvögel an ihr Quartier am Hauptbahnhof gewöhnen, wurde es zunächst vergittert. Mittlerweile fliegen die Tauben hier ein und aus

Damit sich die Jungvögel an ihr Quartier am Hauptbahnhof gewöhnen, wurde es zunächst vergittert. Mittlerweile fliegen die Tauben hier ein und aus

Foto: Andreas Laible / HA

Tauben zu füttern kann bis zu 5000 Euro Strafe nach sich ziehen. Am Hauptbahnhof und an der Centrum-Moschee denkt man nun völlig neu.

Hamburg.  Samen und Sprossen statt Fastfood-Reste, ein fester Nistplatz und saubere Schlafplätze. Für die Tauben am Hauptbahnhof beginnt eine neue Zeit. In einem Seitenflügel des sogenannten Mäuseturms am Steintorwall, hinter dem Dachfenster neben der Bahnhofsuhr, wurde Hamburgs erster öffentlicher Taubenschlag eröffnet. Mit diesem Rückzugsort sollen die Bahnhofstauben vor Verelendung geschützt und ihre Population kontrolliert werden. Auch die Passanten, denen das hungrig umherflatternde Federvieh auf die Nerven geht, werden davon profitieren. Ein weiterer Taubenschlag wird auf dem Dach der nahen Centrum-Moschee errichtet.

Die Idee, Bestand und Wohlergehen von Straßentauben in Taubenschlägen zu kontrollieren, wurde erstmals 1996 mit dem „Augsburger Modell“ umgesetzt. Mittlerweile haben es rund 60 Städte etabliert. In Hamburg hat sich Maria Hanika (56) dafür eingesetzt, die für die Realisierung 2013 eigens den Verein Hamburger Stadttauben gegründet hat. Heute engagieren sich dort 110 Mitglieder. Bei der Betreuung und Finanzierung der Taubenschläge hilft der Hamburger Tierschutzverein.

In Hamburg leben nach Schätzungen 25.000 Stadttauben, mehrere Hundert allein am Hauptbahnhof. Im dortigen Taubenschlag wurden zunächst Jungtauben als Lockvögel eingewöhnt. „Nachdem sie sich einige Wochen eingewöhnt hatten, durften sie hinausfliegen. Die Tauben haben ihre neue Unterkunft akzeptiert, denn sie kommen immer wieder zurück“, sagt die Vereinsvorsitzende. Innerhalb der nächsten sechs Monate sollten dann weitere Stadttauben auf die neue Unterkunft aufmerksam geworden sein.

Sobald sich die Vögel heimisch fühlen und Eier legen, wird ein Teil davon gegen Gipseier eingetauscht. Dadurch will man die rasante Vermehrung der Stadttauben stoppen, an der laut Maria Hanika übrigens die Menschen schuld sind. „Als Tauben noch Haustiere waren, hat man ihnen angezüchtet, dass sie bis zu achtmal im Jahr brüten können.“

Tatsächlich waren Tauben über viele Jahrhunderte wichtige Fleisch-, Eier- und Federlieferanten. Ihr Kot wurde als Dünger verwendet, doch den wichtigsten Status erlangten sie als Briefboten. Bereits 2600 vor Christus wurden Botentauben an Wachtürmen stationiert. Dennoch wurden sie auch als Futter in Falknereien sowie als Heilmittel und Aphrodisiakum verwendet. Und erst im vergangenen Jahrhundert wurden sie als Schießobjekt durch Tontauben ersetzt. Die wichtigste Rolle spielen Tauben heute für Hobbyzüchter: Liebhaber haben allein in Deutschland mehr als 260 Taubenrassen gezüchtet.

Zustand der Straßen soll sich verbessern

Doch heute sind Tauben vielerorts verpönt. Durch Zufütterung und den damit verbundenen Bewegungsmangel (eigentlich können Tauben für die Nahrungssuche problemlos kilometerweit fliegen) ist die Population stark gestiegen. Da die heutigen Stadttauben von den Felsentauben abstammen, bevorzugen sie als Lebensraum die felsenähnlichen Häuserschluchten der Innenstädte. In Hamburg nisten sie vorwiegend auf Mauervorsprüngen, Eisenträgern, in Gebäude­nischen und auf Dachböden.

Sie zu füttern ist verboten und kann bis zu 5000 Euro Strafe kosten. Damit will man vor allem die Verschmutzung eindämmen. Bis zu zwölf Kilogramm Kot produziert eine Stadttaube im Jahr. Die im Taubendreck enthaltene Harnsäure zerfrisst Steine und korrodiert Metalle. Auch die Verschmutzung im Hauptbahnhof soll durch den Taubenschlag reduziert werden. „Dort werden etwa 80 Prozent der Kotmenge anfallen“, schätzt Maria Hanika. So konzen­triert lasse sich der Taubendreck leicht entfernen.

Auch der Zustand der Straßen in St. Georg soll sich verbessern: Auf dem Dach der Centrum-Moschee in der Böckmannstraße wurde am Dienstag der Rohbau eines zweiten Taubenschlags fertiggestellt. „Jetzt muss noch der Dachdecker kommen, dann können wir mit der Innenausstattung beginnen“, sagt Maria Hanika. Die Moschee war die erste Hamburger Institution, die sich für einen Taubenschlag zur Verfügung gestellt hatte. Das mag mit dem besonderen Stellenwert von Tauben in der islamischen Religion zusammenhängen: Eine von ihnen soll Überlieferungen zufolge das Leben des Propheten Mohammed gerettet haben.

Die Kosten für die Taubenschläge betragen jeweils 20.000 Euro. Für den Taubenraum am Hauptbahnhof hat die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation der Deutschen Bahn die Summe im Rahmen der Sanierung der Vordächer zugesagt. Darin enthalten sind die Kosten für den Auf- und Umbau der Räumlichkeit, eine einjährige Unterhaltung sowie ein möglicher Rückbau. Von den Kosten des Taubenschlags auf der Moschee übernimmt zwei Drittel der Hamburger Tierschutzverein.