Hamburg

Historisches Lagerhaus im Hafen droht zu verfallen

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Tobias Piekatz und Friederike Ulrich
Das denkmalgeschützte Lagerhaus G an der Dessauer Straße ist durch einen Riss in der Giebelseite (rechts) bedroht

Das denkmalgeschützte Lagerhaus G an der Dessauer Straße ist durch einen Riss in der Giebelseite (rechts) bedroht

Foto: Roland Magunia / HA

Der Backsteinbau von 1903, einst KZ-Außenstelle, wurde 1997 an jetzigen Nutzer übergeben. Der arbeitet Sanierungsstau noch immer ab.

Hamburg.  Es ist eines der letzten historischen Lagerhäuser im Hamburger Hafen, und in zweifacher Hinsicht ein bemerkenswertes Gebäude: Der für seine Zeit typische Backsteinbau aus dem Jahr 1903 repräsentiert die historische Form der Lagerhaltung außerhalb der Speicherstadt. Zudem wurde er im Zweiten Weltkrieg als Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme genutzt: als Unterkunft für 1500 Zwangsarbeiterinnen. Nun droht dem Lagerhaus G der Verfall.

Das Hauptgebäude ist in keinem guten Zustand, zusätzlich hat sich ein langer Riss über der Giebelseite gebildet und bedroht womöglich die Standsicherheit. „Ich bin mir der besonderen Bedeutung des Gebäudes bewusst“, sagt Lothar Lukas, Geschäftsführer der LGLagerhaus GmbH. Vor der Übernahme 1997 habe das Haus jedoch mehrere Jahre leer gestanden. „Als wir es übernommen haben, belief sich der Investitionsstau auf rund 20 Millionen D-Mark. Diesen bauen wir seit Jahren schrittweise ab.“

Eigentlich wollte die HHLA die Lagerhäuser am Dessauer Ufer Ende der 90er-Jahre abreißen. Auf Intervention der Kulturbehörde wurde das Gebäudeensemble jedoch gerettet und 1997 an die LGLagerhaus GmbH übergeben. 1998 wurde die Immobilie unter Denkmalschutz gestellt. Aktuell wird sie als Logistikflächen für den Warenumschlag genutzt und an Filmproduktionen vermietet.

Den Riss am Giebel führt Lothar Lukas auf einen Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg zurück. Er sei in den vergangenen Jahrzehnten nicht fach­gerecht saniert worden. Bei Frost und durch die Erschütterung des Hafenschwerlastverkehrs bröckle immer mehr Mörtel aus den Fugen.

Instandsetzung konnte wegen Witterung nicht beginnen

Das Denkmalschutzamt hat den Eigentümer in der Vergangenheit immer wieder aufgefordert, ein Sanierungskonzept zu erstellen. „Das blieb bislang folgenlos“, sagte Anja Bornhöft, Sprecherin der Kulturbehörde. Mehr könne die Behörde nicht tun: Maßnahmen zum Erhalt eines Gebäudes könne das Denkmalschutzamt erst ergreifen, wenn für das Gebäude Gefahr im Verzug sei. Das Denkmalschutzamt beobachte die Situation diesbezüglich weiterhin, so Bornhöft weiter.

Dass die Kulturbehörde ein Sanierungskonzept gefordert haben soll, ist Lukas nicht bekannt. „Leider gibt es von der Kulturbehörde auch keine finanzielle Unterstützung für eine umfangreiche Sanierung“, so Lukas. Erste Maßnahmen habe er jedoch bereits ergriffen: „Von der Innenseite wurde jetzt eine Stahlarmierung angebracht, und die nächsten Wochen wird die Wand fachgerecht saniert.“ Das Gerüst liege bereit, wegen der Witterung habe man aber noch nicht mit den Arbeiten beginnen können.

Neben der bevorstehenden Sanierung gibt es noch ein weiteres Problem, mit dem sich Lukas rumschlagen muss: Wie überall im Hafen gilt auch an der Dessauer Straße die Regel, dass Grundstücke nur vermietet, nicht aber verkauft werden können. So entrichtet Lukas zwar die Grundsteuer an die Stadt, die Miete aber kassiert die HPA. Und die lege ihm Steine in den Weg, so Lukas. Jährlich zahlt die LGLagerhaus GmbH nach seinen Angaben rund 34.000 Euro Grundstücksmiete an die Hafenbehörde. Diese weise die Rechnungen jedoch ohne Mehrwertsteuer aus. „Dadurch habe ich steuerliche Nachteile“, so Lukas.

Sanierung kostete schon zwei Millionen

Die Politik vor Ort sieht dringenden Handlungsbedarf: „In Hamburg darf kein ehemaliges KZ zusammenbrechen. Das kann sich die Stadt nicht leisten. Der Riss am Giebel ist eine Gefahr für das ganze Gebäude. Hier muss etwas passieren“, sagte SPD-Denkmalschutzexperte Klaus Lübke, der auch SPD-Vizefraktionschef in der Bezirksversammlung Mitte ist. Auch Grünen-Fraktionschef Michael Osterburg macht Druck: „Die Stadt muss sich ihrer Bedeutung beim Denkmalschutz endlich behördenübergreifend bewusst werden. Es ist schwer nachvollziehbar, warum die Stadt ein Gebäude aus wirtschaftlichen Gründen über Jahrzehnte verfallen lässt und dann die Verantwortung an einen privaten Investor überträgt.“

Private Eigentümer müssten jedoch ihrer Verantwortung, historische Bausubstanz zu erhalten, nachkommen. Ein absichtlicher Verfall von denkmal­geschützten Gebäuden dürfe nicht zu deren Abriss führen, so Osterburg weiter. So weit will es Eigentümer Lukas auf keinen Fall kommen lassen. „Das Gebäude liegt mir schon wegen seiner Geschichte sehr am Herzen. Insgesamt wurden schon etwa zwei Millionen Euro in die Sanierung gesteckt.“