Stadtentwicklung

Wilhelmsburger Reichsstraße wird zur Wohnstraße

So soll das neue Quartier in Wilhelmsburg einmal aussehen

So soll das neue Quartier in Wilhelmsburg einmal aussehen

Foto: Hosoya Schaefer Architects / agence ter / IBA

Auf der Elbinsel entsteht ein neues Quartier. Senatorin Stapelfeldt: Hamburgs Bevölkerung wächst um 100.000 Einwohner

Wilhelmsburg.  Was heute noch unvorstellbar ist, wird spätestens Ende des kommenden Jahrzehnts Realität sein: ein großer Teil der Wilhelmsburger Reichsstraße wird dann eine reine Wohnstraße sein, auf der Kinder spielen, Fahrradfahrer Vorfahrt haben und Autos sich nur mit geringer Geschwindigkeit fortbewegen. Die Trasse, auf der heute täglich Zehntausende Autos und Lastwagen unterwegs sind, soll die zentrale Achse eines neuen Wohngebiets werden.

Das sieht der Stadtentwicklungsplan vor, den das Schweizer Planungsbüro Hosoya Schaefer Architects gemeinsam mit den Landschaftsplanern Agence Ter entwickelt hat und der am Mittwoch öffentlich vorgestellt wurde. Mit ihrem Entwurf gewannen die Planer den Wettbewerb um die Gestaltung des künftigen Quartiers zwischen dem Aßmannkanal und dem Jaffe-Davids-Kanal.

Die Reichsstraße als Wohnstraße kommt ab 2019

In dem Wohnviertel sollen bis Ende der 2020er-Jahre rund 2200 Wohnungen für bis zu 7500 Menschen entstehen. Ein Drittel der Wohnungen wird öffentlich gefördert. Allerdings werden auch Eigentumswohnungen errichtet. Hinzu kommen rund 33.000 Quadratmeter für Gewerbe. Die Bauarbeiten starten im Jahr 2019. Dann soll die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße parallel zur Eisenbahntrasse abgeschlossen sein.

Im Kern gehe es darum, die Landschaft mit der Stadt zu verzahnen, sagte Markus Schaefer vom Siegerteam. Die große Grünachse präge das Wohngebiet. „Man kann drin und man kann dran wohnen.“ Die heutige Wilhelmsburger Reichsstraße hingegen werde wie eine „versunkene Römerstraße“ in ihrer Struktur auch künftig erkennbar sein, versprach Schaefer.

Zudem seien grüne Nischen geplant, und es würden viele der vorhandenen Bäume erhalten bleiben. Hinzu kämen Querverbindungen mit Rad- und Fußwegen. Ein neuer Park bilde die Mitte des Quartiers. Ferner sehen die Pläne die Verbindung des neuen Wohnquartiers mit dem traditionellen Reiherstiegviertel im Westen und dem Quartier Rathausviertel an der Dratelnstraße bis zur Wilhelmsburger Mitte im Süden vor. Die Wohngebäude würden vier- bis sechs­geschossig gebaut, sagte Schaefer weiter. „Es ist kein Hochhauswohngebiet geplant.“ Lediglich ein Gebäude werde zehn Etagen haben.

Wer sich den Entwurf jedoch genauer anschaut, dem fällt auf, dass die schönsten Flächen am Ufer des Aßmannkanals bestehenden Kleingärten vorbehalten bleiben. Daran schließt sich eine reine Wohnbebauung an, gefolgt von Mischgebieten, in denen Wohnen und Gewerbe gleichberechtigt neben­einander existieren sollen. Am Jaffe-Davids-Kanal wird ausschließlich Gewerbe entstehen, geht aus den Plänen hervor.

Oberbaudirektor verteidigt Erhalt der Kleingärten

Hamburgs Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter verteidigte die Entscheidung, die 200 Kleingärten für den Neubau des Wohnquartiers nicht anzufassen. „Wir sehen Kleingärten als Teil der Stadtentwicklung.“ Viele Menschen, die sich teure Fernreisen nicht leisten könnten, würden auf der eigenen Scholle ihre Ferien verbringen. Zudem verändere sich gegenwärtig das Kleingartenwesen. „Es gibt wieder viele junge Familien, die einen Kleingarten suchen. Denen wollen wir ein Angebot machen.“

Allerdings machte der Oberbau­direktor deutlich, dass im Rahmen der weiteren Entwicklung des Wohngebiets über Einzelfragen geredet werden müsse. „Es muss einen öffentlichen Weg durch die Kleingärten geben.“ Walter räumte ein, dass er sich gewünscht hätte, direkt am Kanal einen durchgehenden, öffentlichen Weg zu gestalten. Diese Idee sei jedoch am Widerstand der Kleingärtner gescheitert.

Nach den Worten von Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt wird mit dem Wohnquartier zwischen den Kanälen ein „neues Stück Wilhelmsburg geschaffen“. Die SPD-Politikerin verwies auf das anhaltende Bevölkerungswachstum in Hamburg. Bis zum Jahr 2030 würden in der Hansestadt rund 100.000 Menschen mehr als heute leben, lautet ihre Prognose. „Dafür brauchen wir neue Wohnungen.“

Der Senat habe nicht zuletzt deshalb mit der Wohnungswirtschaft und den Bezirken vereinbart, künftig jährlich bis zu 10.000 Wohnungen zu errichten. Ein zentraler Baustein dieser Pläne sei der „Sprung über die Elbe“, sagte die Senatorin. Insgesamt seien auf der Elbinsel 4600 Wohnungen geplant. „Ein großer Teil davon wird auf Flächen errichtet, die durch die Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße frei werden.“ Rund 1200 Wohnungen sollen unweit der Dratelnstraße entstehen.

Der Oberbaudirektor hofft nun, dass das neue Wohnviertel zu „einem Innovationsquartier mit besonderen Bauformen“ wird. Die Mischung von Freiraum und Gebäuden – das könnte eine Besonderheit in Hamburg werden. Zudem wünsche er sich, dass hier auch Baugemeinschaften zum Zuge kommen. „Ein Anteil von 20 Prozent wäre gut.“