Fotografie

Günter Zint nahm Domenica und die Beatles ins Visier

Der Kiez-Chronist wird 75 und erzählt, wie die Beatles auf St. Pauli verhaftet wurden. Das Abendblatt zeigt seine besten Fotos.

Hamburg. Er war Gründer der anarchischen St. Pauli Nachrichten, Hausfotograf im legendären Star Club und Chronist von Hamburgs sündiger Meile. Er arbeitete gemeinsam mit Günter Wallraff unter falschem Namen bei „Bild“, frühstückte mit Ulrike Meinhof gemeinsam in der SDS-Kommune und stand im Wendland fast wöchentlich uniformierten Hundertschaften gegenüber. Was Günter Zint in seinem bisherigen Leben alles erlebt hat, passt in kein Buch.

Genauer gesagt sind es inzwischen 70 Bücher, die der bekannte Fotograf bis heute veröffentlicht hat. Im Herbst kommt wieder ein neues dazu: „Hamburg ganz unten“ beschäftigt sich mit der Hamburger Obdachlosenszene von den 70er Jahren bis heute. An Ruhestand denkt Günter Zint daher noch lange nicht. Auch nicht angesichts seines 75. Geburtstags, den Zint am heutigen Montag feiert. Dafür liebt er seine Arbeit viel zu sehr.

Auch sein Büro im ersten Stock über dem St. Pauli Museum an der Davidstraße will er nicht mehr missen. Vor ihm auf dem Schreibtisch stapeln sich Abzüge von Jimmy Hendrix und dem jungen Udo Lindenberg bei einem Auftritt in der Fabrik. In den meterlangen Stahlschränken zu seiner rechten reihen sich Tausende von Fotos aus den vergangenen Jahrzehnten.

Hausfotograf im legendären Star Club

Fast jeder kennt eines dieser unzähligen Motive. Ein Blick durch Zints Archiv ist es wie ein Streifzug durch die Geschichte der Bundesrepublik in den vergangenen 50 Jahren. Günter Zint, der am 27. Juni 1941 in der Barockstadt Fulda geboren und Ende der 1950er bei der Deutschen Presseagentur in Frankfurt als Bildjournalist volontierte, hatte stets den richtigen Riecher dort zu sein, wo etwas passiert. Wie bei einem seiner ersten Motive, das der junge Fotograf 1964 an der Berliner Mauer einfängt. Seine Aufnahme eines kleinen Jungen, dessen Familie durch die Mauer getrennt wurde, geht um die ganze Welt.

Bekannt wird Zint vor allem Mitte Ende der 60er Jahre als Hausfotograf des legendären Star Clubs an der Großen Freiheit auf St. Pauli. Der überzeugte Pazifist, der erst kurz zuvor nach Schweden gezogen war und anschließend seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte, um dem Wehrdienst zu entgehen, zieht heimlich in eine Wohnung an der Großen Elbstraße. „Von dort ging es für mich fast jeden Abend in den Star Club.“

Es ist die Zeit, als sich dort Musiklegenden wie Bill Haley, Fats Domino, The Beatles oder Jimi Hendrix die Klinke in die Hand geben. Der treue Stammgast wird damals schnell von Star-Club-Chef Manfred Weissleder zum Hausfotografen ernannt und kommt den Stars so nah, wie kaum ein anderer. „Die Beatles haben hier nichts anbrennen lassen“, sagt Zint und erinnert daran, wie Paul McCartney zusammen mit Pete Best für eine Nacht auf die Davidwache mussten, nachdem sie in einem Pornokino ein Kondom angezündet haben sollen.

1968 gründet er die „St. Pauli Nachrichten“

Mit der Polizei kommt auch Zint zu dieser Zeit immer wieder in Konflikt und das nicht nur, weil der „bekennende Sponti“ regelmäßig bei Demonstrationen der Studentenbewegung in Hamburg, Berlin oder Paris auf die Straße geht und die Proteste mit seiner Kamera einfängt. Vom Krankenbett aus gründet der Fotograf 1968 obendrein die „St. Pauli Nachrichten“, ein „linkes Boulevardblatt“, wie Zint sagt, das die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung auf überspitzte Art und Weise aufs Korn nimmt.

Vor allem dank seines freizügigen Kontaktanzeigenteils unter dem Titel „Seid nett aufeinander“ erfreut sich das Blatt schnell großer Beliebtheit. Nach nur einem Jahr erreicht das Blatt eine Rekordauflage von 1,2 Millionen Exemplaren. Doch die Polizei schaut dem Treiben nicht tatenlos zu. Bei einer Razzia wird die gesamte Kundendatei der Redaktion beschlagnahmt. Vorwurf: Mit den Kontaktanzeigen werde Vorschub zur Unzucht geleistet.

Doch Zint und seine Mitstreiter, zu denen auch der heutige „Welt“-Herausgeber Stefan Aust oder der Publizist Henryk M. Broder zählten, lassen sich nicht unterkriegen. Erst als sich das Blatt immer mehr zur Sexpostille entwickelt, steigt Zint aus und verkauft seine Anteile an den Verleger Helmut Rosenberg.

„Ihr Herz war viel größer als ihre Brüste“

In der Folgezeit widmet sich der Fotograf wieder vermehrt der Dokumentation umweltpolitischer und sozialer Themen. So schleicht er sich gemeinsam mit seinem Weggefährten Günter Wallraff im Jahr 1977 in der Redaktion der „Bild“-Zeitung ein, um über die dortigen Recherchemethoden zu berichten. Zudem begleitet er immer wieder Umweltaktivisten bei ihren aufsehenerregenden Protestaktionen, dokumentiert 1980 täglich die Proteste Tausender Atomkraftgegner gegen die Castortransporte im Wendland.

Neben dem Kampf für die Umwelt widmet Zint seine Arbeit vor allem den Menschen in seiner Nachbarschaft auf St. Pauli. Nach anfänglichen Berührungsängsten mit dem dortigen Rotlichtmilieu, findet der Mann mit dem freundlichen runden Gesicht und dem schelmischen Lächeln schnell den Zugang zu Wirten, Puff-Betreibern und Huren. Mit der bekannten Prostituierten Domenica Niehoff verbindet ihn bis zu ihrem Tod 2009 eine lange Freundschaft. „Ihr Herz war viel größer als ihre Brüste“, sagt Zint.

Mit Geld konnte er nie gut umgehen

Seine umfangreiche Sammlung von Exponaten, Dokumenten und Fotos zum Stadtteil versuchte der Fotograf ab 1982 auch in einem eigenen Museum unterzubringen. Doch seine Vision eines St. Pauli Museums erweist sich zunächst als schwer finanzierbar. Immer wieder gerät Zint wegen des Museums in finanzielle Schwierigkeiten. Seit 2010 nun ist die Sammlung in Räumlichkeiten an der Davidstraße untergekommen. Die Verantwortung für das kleine Kiez-Museum hat der Gründer inzwischen abgegeben. Ein fünfköpfiger Vorstand lenkt heute das kleine Stadtteilmuseum, das im vergangenen Jahr erstmals aus den roten Zahlen heraus kam.

Mit Geld umgehen, konnte er noch nie besonders gut, räumt auch Günter Zint heute lächelnd ein. „Wenn ich eines in meinem Leben bereut habe, dann, dass ich nie einen kaufmännischen Lehrgang gemacht habe.“ Unzählige Verleger seien an ihm reich geworden, nur er selbst nicht, lacht Zint. Aber Geld habe ihn sowieso nie großartig interessiert.

Arthrose macht dem Fotografen zu schaffen

Heute lebt der 75-Jährige bescheiden in einem alternativen Wohnprojekt in Behrste, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Estorf im westlichsten Winkel des Landkreises Stade. Neun Erwachsene und drei Kinder teilen sich den kleinen Bauernhof, auf dem auch Zints Fotoarchiv mit rund fünf Millionen Bildern unterkommen ist. Wenn der 75-Jährige nicht selbst auf dem Traktor sitzt und die Wiesen des großen Grundstücks mäht oder für seine Kommune kocht, betätigt er sich weiter als „Entwicklungshelfer“, wie er augenzwinkernd sagt.

In einem kleinen Raum hat er sein Studio eingerichtet, wo er nach wie vor alle seine Bilder selbst entwickelt und vergrößert – auch wenn der Fotograf immer häufiger zu Digitalkamera greift. „Die Arthrose macht mir etwas zu schaffen, daher bin ich manchmal froh, dass ich nicht mehr eine so schwere Kamera halten muss.“ Eine kleine Kompaktkamera steckt jedoch immer in seiner Jackentasche.

Neue Ausstellung eröffnet am 30. Juni

Sie darf nicht fehlen, wenn Günter Zint auch heute noch mehrmals die Woche über seinen Kiez zieht. Bis heute fasziniert ihn vor allem die Widerstandskultur auf St. Pauli. Zint schwärmt vom „kreativen Klobürstenprotest“ mit dem Anwohner ihrem Unmut über das Gefahrengebiet Anfang 2013 Luft machten. „Ich bin immer aufgestanden und habe mich gegen jede Form der Ungerechtigkeit gewehrt“, sagt Zint, der sich seit dem vergangenen Jahr auch in der Flüchtlingshilfe engagiert. Eine Einstellung, die der Vater von fünf Kindern auch seinen Nachkommen mit auf den Weg geben will. In ein paar Monaten wird er zum zweiten Mal Opa.

Eine gemeinsame Familienfeier wird es zu seinem 75. Geburtstag heute jedoch nicht geben: Das Geburtstagskind werkelt bereits an der nächsten Ausstellung, die am 30. Juni um 18 Uhr in der Vintage-Galerie an der Milchstraße eröffnet werden soll. Von Altersmüdigkeit jedenfalls keine Spur. Gut so.

Ausstellung „75 Jahre Zintstoff“, bis zum 14. Juli in der Vintage-Galerie, Milchstraße 28