Verkehr

Sind Hamburgs Radler nicht reif für die Fahrradstadt?

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Axel Tiedemann
Ein Radfahrer hat einen Polizisten umgefahren

Ein Radfahrer hat einen Polizisten umgefahren

Foto: Michael Arning

Großkontrolle nahe der Alster: Hunderte Verkehrsverstöße, Radfahrer fährt Polizisten um. Wie Experten die Lage einschätzen.

Hamburg.  Die Missachtung roter Ampeln, das Befahren von Radwegen auf der falschen Straßenseite und das verbotene Radeln auf dem Gehweg zählen zu den häufigsten Regelverstößen von Hamburger Radfahrern. Das teilte die Polizei auf Anfrage mit, nachdem sie vor einem Jahr eine Verstärkung der Fahrradgroßkontrollen im Stadtgebiet angekündigt hatte.

Regelmäßig einmal pro Monat rückt die Fahrradstaffel der Polizei mit Unterstützung vom Bereitschaftspolizisten zu diesen Kontrollen aus. Bei der jüngsten Aktion dieser Art wurden jetzt auf drei viel befahrenen Kreuzungen am Mundsburger Damm, am Schulterblatt und an der Binnenalster Radfahrer kontrolliert.

92-mal fuhren Radler dabei vor den Augen der Beamten trotz Rotlichts einfach weiter. 89 Radler benutzten die falsche Straßenseite, und 71 fuhren zwischen den Fußgängern. Bis zu 100 Euro kostet beispielsweise ein Rotlichtverstoß. Auch das Telefonieren am Lenker (25 Euro) ahndet die Polizei ebenso wie das Fehlen funktionierender Bremsen (40 Euro). Das Abendblatt war dabei, als ein Radler bei der Kon­trolle nicht rechtzeitig halten konnte – und den Polizisten umfuhr. Der Grund: Das Fahrrad hatte keine Bremsen.

Doch Einsicht bei erwischten Radlern ist selten, das Unrechtsbewusstsein häufig eher gering: Viele gaben an, gar zu nicht wissen, dass man überhaupt falsch auf einem Radweg fahren kann. „Radfahrer wollen immer mehr diskutieren als Autofahrer“, sagt Polizeioberkommissar Marc Ludwig von der Fahrradstaffel.

Sind Hamburgs Radfahrer also überhaupt reif für die Fahrradstadt, die das erklärtes Ziel des rot-grünen Senats ist? Hamburg müsse mehr gegen Fahrrad-Rambos unternehmen, fordert beispielsweise der FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Wieland Schinnenburg. Und Martin Bill, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, erklärt die Regelverstöße von Radlern mit den Schwierigkeiten, die sie vor allem in der Vergangenheit hatten, zügig in der Stadt voranzukommen. Da habe sich das „Gefühl eingeschlichen“, nicht als gleichwertiger Verkehrspartner betrachtet zu werden. „Das wollen wir ändern, aber wer mehr respektiert werden will, muss auch die Regeln respektieren“, sagt er. Hintergrund der verstärkten Kontrollen ist ein steter Anstieg des Radverkehrs in Hamburg. Nach regelmäßigen Zählungen der Behörden hat sich das Radverkehrsaufkommen seit 1984 nahezu verdoppelt. Mittlerweile liegt der Anteil des Radverkehrs bei etwa zwölf Prozent. Mit seinen Plänen für eine „Fahrradstadt“ will der rot-grüne Senat diesen Anteil in den nächsten Jahren auf 25 Prozent steigern.

Allerdings lässt sich aus den verstärkten Fahrradgroßkontrollen nicht darauf schließen, dass Fahrradfahrer häufiger gegen Verkehrsregeln verstoßen als andere Verkehrsteilnehmer, etwa an roten Ampeln. Radfahrer würden sich da nicht deutlich von Kraftfahrern unterscheiden, sagt Polizeisprecherin Tanja von der Ahé.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der ADAC-Hansa in Hamburg. Dessen Verkehrsexperte Carsten Willms verweist dazu auf eine eigene Studie des Automobilclubs zu Rotlichtverstößen in Hamburg. „Da geben sich Auto- und Radfahrer nicht viel“, sagt er. Mehr noch: Sobald es eigene Ampelzeichen für Radfahrer gebe, würden solche Anlagen von Radfahrern viel mehr beachtet.

Auch die Zahl der Unfälle mit Radfahrerbeteiligung spricht dafür, dass die Rambos auf Rädern nicht unbedingt mehr geworden sind. Seit Jahren schwankt die Zahl der Unfälle zwischen rund 3000 und etwa 3200 und ist im vorigen Jahr sogar geringfügig gesunken. „Diese aktuelle Entwicklung lässt sich auch mit der medialen Aufmerksamkeit für das Thema erklären. Autofahrer sind quasi gewarnt, dass sie nicht mehr allein auf der Straße unterwegs sind“, sagt Dirk Lau, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC). In rund 70 Prozent der Fälle sind nach einer Studie des ADFC zudem nicht die Radfahrer, sondern vor allem Auto- und Lkw-Fahrer die Verursacher. Doch ganz offensichtlich gibt es unter den Hamburger Radlern auch etliche schwarze Schafe, die trotz neuer Radwege und Radstreifen die Regeln sehr frei auslegen. Beispielsweise auf der Kreuzung Schulterblatt/Neuer Pferdemarkt, wo neue breite Radfahrstreifen angelegt worden sind. Trotzdem sieht man dort immer wieder Rotlichtsünder und auch Radfahrer, die einem völlig entspannt als Geisterfahrer auf der falschen Radwegseite entgegen kommen. Oder Radler halten auf dem Radstreifen plötzlich an – ohne auf nachfolgende Fahrer zu achten.

Viele bewegen sich sicher durch die Stadt, andere radeln als Geisterfahrer

Wie es richtig geht, erfährt man, wenn man die Fahrradstaffel begleitet. Zügig fahren die Beamten durch die Stadt, bei jeder kleinen Richtungsänderung gibt es ein kleines Handzeichen. Und wie ist ihre Beobachtung? Sind Hamburg Radler nach Ansicht der Beamten reif für die Fahrradstadt? Der Polizist und Radfahrexperte Marc Ludwig will sich da nicht festlegen: Auf der einen Seite gebe es immer mehr Alltagsradler, die sich gut ausgerüstet und sicher durch die Stadt bewegten. Dann aber erlebten die Beamten der Fahrradstaffel auch immer wieder haarsträubende Vorfälle, die Zweifel aufkommen lassen Beispielsweise, dass Radfahrer als Geisterfahrer auf den neuen Radfahrstreifen unterwegs sind, die nur für eine Fahrtrichtung gebaut und zugelassen sind. Eines aber, sagt Fahrrad-Polizist Ludwig, müsse klar sein: „Radfahren in Hamburg ist keine Ferienfahrt – dazu ist der Verkehr viel zu dicht.“