Wanderausstellung

Wie die Kirche im Norden nach der NS-Zeit neu anfing

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Gerhard Ulrich, Landesbischof der Nordkirche, eröffnete die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945“ (Archivfoto)

Gerhard Ulrich, Landesbischof der Nordkirche, eröffnete die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945“ (Archivfoto)

Foto: Christian Charisius / dpa

Landesbischhof eröffnet neue Schau in St. Jacobi. Insgesamt sechs Stationen. Historiker bemängelt fehlende Selbstkritik nach 1945.

Hamburg.  Die evangelische Nordkirche will ihre Nachkriegsgeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein weiter aufarbeiten. In der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi wurde am Freitag die Wanderausstellung „Neue Anfänge nach 1945?“ eröffnet. Der Blick auf die eigene Geschichte sei oft „mühsam und belastend“, könne aber auch befreiend sein, sagte Landesbischof Gerhard Ulrich vor knapp 200 Gästen. Es bleibe die Frage, ob die evangelische Kirche nach 1945 einen echten Neuanfang gewagt habe.

Historiker kritisiert Umgang mit NS-Opfern

Die Kirche im Norden sei nach 1945 unfähig gewesen, sich kritisch mit dem eigenen Verhalten in der auseinanderzusetzen, kritisierte der Historiker Stephan Linck, der die Kirchengeschichte wissenschaftlich aufgearbeitet hat. Die Kirche habe sich nach Kriegsende mehr um NS-belastete Menschen bemüht als um die Opfer des Nationalsozialismus. Das Leid der Juden sei ausgeblendet worden.

So seien die evangelischen Christen jüdischer Herkunft, die die NS-Zeit überlebt hatten, von der Kirche kaum wahrgenommen worden, beklagte Landesbischof Ulrich. Die „Stuttgarter Schulderklärung“ von 1945 sei im Norden überwiegend auf Ablehnung gestoßen, sagte Linck. Wenig Resonanz habe im Norden auch der Protest gegen die Wiederbewaffnung in den 50er Jahren gefunden. Stattdessen seien einzelne Friedensinitiativen von den Kirchenleitungen scharf kritisiert worden.

Im Februar weiterer Band zur Nachkriegsgeschichte

Linck hatte Ende 2013 sein Werk „Neue Anfänge? Kirche, Christen und Juden nach 1945“ vorgestellt, das die Geschichte der evangelischen Kirche in Hamburg und Schleswig-Holstein von 1945 bis 1965 darstellt. Im Februar wird der zweite Teil vorgestellt, der sich mit der Zeit bis 1985 beschäftigt.

Ausstellung bekommt "lokale Fenster"

In sechs Themenfeldern wird die NS- und Nachkriegsvergangenheit der evangelischen Landeskirchen in Hamburg und Schleswig-Holstein dokumentiert. Unter anderem geht es darum, wie nach den Erfahrungen mit dem totalitären Staat um Wesen und Gestalt der Kirche gerungen wurde. Wie konsequent versuchte man, mit der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus zu brechen? Gezeigt wird der mühevolle Weg von Auseinandersetzung und Dialog über Jahrzehnte, der schließlich zu einer Veränderung der Kirche führte. An jedem Ausstellungsort erarbeiten Vorbereitungsgruppen jeweils gemeinsam mit dem Historiker Stephan Linck ein „lokales Fenster“. In der Hauptkirche St. Jacobi geht es dabei um den heutigen Umgang mit damaligen Pastoren der Gemeinde, die bekennende Nationalsozialisten und Antisemiten waren. Das wird auch Thema bei einem Gesprächsabend mit Impulsen von Fachleuten am 11. Februar um 19.30 Uhr sein.

Wanderausstellung mit sechs Stationen

Für mindestens zwei Jahre wird die Ausstellung auf dem Gebiet der Nordkirche unterwegs sein. Bis zum 21. Februar ist sie in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi zu sehen. Die nächsten Stationen sind Itzehoe (St. Laurentii, 26.2. - 15.3.), Elmshorn (Stiftskirche, 18.3. - 5.4.), Kaltenkirchen (St. Michaelis, 9. - 22.4.), Stiftung Alsterdorf/Hamburg (27.4. - 10.5.) und Kiel (St. Nikolai, 13. - 27.5.).

Unter www.nordkirche-nach45.de finden sich detaillierte Informationen über die einzelnen Themenfelder und die Ausstellungsorte.

( epd/HA )