St. Georg

Der Orient am Steindamm in Hamburg

Der Steindamm gestern Nachmittag: Menschen aus aller Welt bekommen in den Geschäften und Kiosken ihre vertrauten Produkte

Der Steindamm gestern Nachmittag: Menschen aus aller Welt bekommen in den Geschäften und Kiosken ihre vertrauten Produkte

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Keine andere Meile in Hamburg zieht so viele Flüchtlinge an – die Zahl der Menschen auf der Straße hat sich verdoppelt.

St. Georg.  An syrischen Restaurants, türkischen Imbissen, Barbieren und Shisha-Shops schieben sich Frauen mit Kopftüchern und Männer mit dunklen Haaren vorbei. Alle paar Meter drehen sich die Dönerspieße, es gibt Baklava, Apfeltabak und Minztee. Tausend und eine Nacht im Neonlicht der Handyläden. Willkommen in Hamburg, willkommen am Steindamm.

Seitdem die Zahl der Flüchtlinge im Sommer nach oben geschnellt ist, ist hier noch mehr Trubel als ohnehin immer war. Wolfgang Schüler hat die Entwicklung genau beobachtet. Als Quartiersmanager geht er den Steindamm fast jeden Tag auf und ab, von der Lohmühlenstraße bis zum Hauptbahnhof. Mit seinem perfekt sitzenden Cordanzug samt Einstecktuch sieht er dabei ein bisschen so aus, als hätte er sich aus Blankenese hierher verirrt.

Dass der Steindamm bei vielen Hamburgern immer noch einen schlechten Ruf hat, kann er nicht verstehen. „Anderswo würde man das einfach Little Italy oder China Town nennen und damit werben. Wo ist denn das Problem?“, fragt Schüler, der sich seit 13 Jahren am Steindamm engagiert. Er findet: Im Moment läuft es richtig gut. „Auch durch die vielen Flüchtlinge, die jeden Tag kommen, wird hier ein richtig gutes Geschäft gemacht.“ Besorgt ist er nur darüber, dass der Steindamm ein ziemlich „männlicher Standort“ geworden ist. Der 71-Jährige hofft, dass sich das noch „zurechtruckelt“, wie er sagt.

Besonders freitags sind hier viele Männer unterwegs. Spätestens ab viertel vor zwölf machen sie sich auf den Weg. Mit Plastiktüten in der Hand, im Kaftan oder Jeans, mit Bärten oder ohne, pilgern sie aus den Cafés, den Dönerläden und Hauseingängen am Steindamm an den Kleinen Pulverteich in die Al Nour Moschee zum Freitagsgebet. Vor ein paar Jahren waren es noch ein paar Hundert, inzwischen sind es freitags rund 2500 Männer. Vor Kurzem wurde eine zusätzliche Gebetszeit eingerichtet, es war einfach zu voll geworden.

Wer kein Moslem ist, hat den Kleinen Pulverteich mit an 100 Prozent grenzender Sicherheit noch nie betreten. Wenn man nicht gerade beten möchte, gibt es dafür auch keinen Grund. Und selbst die Al Nour Moschee könnte man leicht übersehen, sie liegt versteckt in der Tiefgarage eines weißgeklinkerten Zweckbaus. Kein Minarett, keine Kuppel, kein Dekor.

Es liegt auch an den Flüchtlingen, dass die Al Nour Moschee inzwischen so viele Gläubige anzieht, dass manch Pastor neidisch werden könnte. Teilweise kommen sie vom Hauptbahnhof herüber, aber längst nicht nur von dort. Sie kommen aus den Erstaufnahmen und Folgeunterkünften der ganzen Stadt hierher, nach St. Georg.

Der Steindamm ist zu einemSehnsuchtsort geworden

Nach den Worten von Daniel Abdin, Chef der Al Nour Moschee, wissen viele Flüchtlinge eher, wo der Steindamm liegt als der Hafen. Es hat sich herumgesprochen, dass sie hier ihre vertrauten Produkte bekommen, vom syrischen Joghurt bis hin zu Gewürzen aus Eritrea. Bankangelegenheiten und Einkäufe können die Flüchtlinge hier in ihrer Muttersprache regeln, und Moslems haben die Wahl zwischen 13 Moscheen im Stadtteil. Und so ist die Straße inzwischen zu einer Art Sehnsuchtsort für Flüchtlinge geworden.

Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung des Abendlandes äußert im Viertel trotzdem niemand – sie käme im Zweifel ja auch zu spät.

Der Anteil von Menschen aus anderen Ländern ist in St. Georg ohnehin höher als anderswo. Die aktuellsten Zahlen aus 2014 sprechen von 37 Prozent – Flüchtlinge nicht mitgezählt. In Niendorf sind es rund 18 Prozent. Derlei statistische Werte aber spiegeln die Wirklichkeit auf dem Steindamm nicht wider. Das Straßenbild prägen auch nach Einschätzung von Quartiersmanager Wolfgang Schüler ohnehin längst nicht nur die, die hier ihre Wohnanschrift haben.

Schüler glaubt, dass sich die Passantenzahl in den vergangenen Monaten am Steindamm verdoppelt hat. Durchgezählt hat das niemand. Aber auch die Polizei widerspricht seiner Einschätzung nicht.

„Wenn es eine Straße gibt, die den Flüchtlingsansturm wuppen kann, ist es der Steindamm“, sagt Schüler. Und das macht ihn stolz – obwohl er im Grunde nichts anderes erwartet hatte.

Dass die Straße mit Flüchtlingen umgehen kann, habe sie schließlich schon mal gezeigt. „In den Neunziger-Jahren war die Situation ähnlich“, erinnert sich Schüler. „Da kamen auch Tausende Menschen zusätzlich an den Steindamm, die heute zu guten Nachbarn geworden sind. Und wenn man ehrlich ist, haben sie das Viertel damals vor einem massiven Leerstandspro­blem gerettet.“

Ob die Zahlen der geflohenen Menschen derzeit zu Problemen führe? Zu Gewalt, Auseinandersetzungen verfeindeter Gruppen oder Diskriminierung? Schüler schaut, als würde man ihn fragen, wann er das letzte Mal zum Mond geflogen ist. „Solche Probleme gibt es hier nicht“, sagt er. Die Ausschreitungen zwischen Kurden und Salafisten im Herbst 2014 seien eine absolute Ausnahme gewesen.

Wenn vom Steindamm die Rede ist, dann fallen oft Worte wie sozialer Brennpunkt, Schmuddelimage, Drogenkriminalität und Prostitution. Steindamm klingt nach Problem. Auch Savoy-Kino, Hansa-Varieté und Polittbüro ändern daran nichts. Viele Händler sind über das Negativbild genervt. Man wollte endlich von dem Bahnhofs-Schmuddelimage weg. Ein Business-Improvement-District ist geplant und viele Gastronomen investieren in die Sanierung und Verschönerung der Immobilien.

Auch vor dem Batman-Imbiss am Steindamm 58 steht ein Baugerüst. Hier soll bald eine zweite Etage dazukommen. Meist ist es im Batman (benannt nach der türkischen Stadt, nicht nach dem Superheld) proppevoll. „Es kommen jeden Tag Tausende“ sagt Inhaber Hanifi Toprak. Auch viele Flüchtlinge zählt er zu seinen Kunden. Manche kommen sogar extra aus dem Hamburger Umland her. Für ihn sei das gut: „Wenn die Gastronomen hier von den Kunden leben müssten, die auch am Steindamm wohnen, wären sie längst pleite.“

Im Sönmez-Markt, einem Obst- und Gemüsehandel mit kleinem Supermarkt, hat man sich auf die neue Kundschaft eingestellt. Bisher gingen hier meist türkische Waren über den Tresen, deutsche Produkte gab und gibt es kaum. In den vergangenen Monaten wurde das Sortiment dann erweitert. Jetzt stehen auch syrische Produkte im Regal, Labneh-Frischkäse zum Beispiel. „Seit dem Bürgerkrieg in Syrien hat sich hier die Zahl der Kunden aus Syrien und dem Irak verdoppelt, die Zahl der Araber generell hat sich im vergangenen Jahr verdreifacht“, schätzt Mitarbeiter Isa Bulut. „Hunderte kommen jeden Tag in den Laden. Der Steindamm ist zu ihrem Einkaufszentrum geworden“, sagt der 49-Jährige. Für ihn hat sich der Steindamm zu einer eigenen Stadt entwickelt, die für sich funktioniert. „Das hier ist nicht Hamburg“, sagt er. „Das ist Steindamm.“

Das Zusammenleben ist eher ein Nebeneinander als ein Miteinander

Die Fensterbank im Wohnzimmer von Josef Heynert ist sowas wie ein Premium-Platz, wenn man das Treiben auf der Straße beobachten möchte. Heynert macht es sich hier oft gemütlich. Der Schauspieler („Polizeiruf 110“, „Tatort“, Thalia Theater) lebt seit 1998 am Steindamm. Heynert findet, dass es der sicherste Platz in ganz Hamburg ist. Warum? „Weil hier einfach immer was los ist, hier ist man nie allein.“ In Hamburg sei er bisher nur einmal ausgeraubt worden. Das war in Eppendorf. In den vergangenen Jahren sei es auf dem Steindamm „viel cleaner“ geworden, findet er. „Anfang der 2000er-Jahre waren hier mehr Sexshops, in den Ecken lagen Spritzen rum und auch das Problem mit der Drogenbeschaffungs-Prostitution ist größer gewesen. Heute gibt’s dafür eher eine Art Monokultur aus Dönerbuden, Handyläden und Friseuren“, so der 39-Jährige.

In dem Mehrfamilienhaus, in dem Heynert lebt, wohnen seines Wissens nach größtenteils Deutsche. Das sei auch in der Nachbarschaft so. „Die Menschen, die hier wohnen, sind nicht unbedingt die, die das Straßenbild prägen.“ Heynert mag die Straße, weil sie „irgendwie echt“ sei. Und so hat er sein WG-Zimmer am Steindamm auch jetzt, wo er eigentlich mit seiner Familie in Bremen wohnt, nicht aufgegeben.

Aber so richtig drin in der Steindamm-Community ist er auch nach fast 20 Jahren nicht. Den Kioskverkäufer und den Döner-Mann kennt er nicht, auch nicht die anderen Händler um die Ecke. „In Wahrheit ist das hier eher ein Nebeneinander als ein Miteinander. Aber ein sehr friedliches Nebeneinander.“

Dass der Steindamm zum Anziehungspunkt für Flüchtlinge geworden ist, ist ihm kaum aufgefallen. „500 Syrer mehr oder weniger merkt hier doch keiner“, meint er. Im Straßenbild auffallen würden da eher die „Funktionsklamotten-Musical-Pärchen“ – so nennt er die Touristen aus den neueren Hotels am hinteren Abschnitt des Steindamms.

Auch für die Polizei spielten die Flüchtlinge auf dieser Meile bisher kaum eine Rolle. „Es gab nur einige wenige Einsätze nach dem Bezug des Bieberhauses­ neben dem Hauptbahnhof“, sagt Andreas Nieberding, Chef des zuständigen Polizeikommissariats 11. Sonst nur das übliche Bahnhofsviertel-Polizeigeschäft. Dass es anderswo entspannter zugeht, versteht sich von selbst. Nieberding betont, es sei keinesfalls selbstverständlich, dass es hier vergleichsweise ruhig bleibt. „Hier schaffen es die Menschen mit den verschiedensten Kulturen und Lebensphilosophien, auf engstem Raum friedlich miteinander zu leben. Das ist schon eine Leistung.“

In der Al Nour Moschee lässt sich schnell ablesen, ob gerade viele Flüchtlinge am Hauptbahnhof ankommen. Seit einem guten halben Jahr schlafen jede Nacht Asylsuchende in den Moschee-Räumen. „Zu Spitzenzeiten kamen 500 Flüchtlinge in einer Nacht“, sagt Moschee-Chef Abdin. Die meisten von ihnen wollen gleich am nächsten Morgen weiter.

Und mittags wird der Schlaf- dann wieder zum Gebetsraum. Durch die zusätzliche Gebetszeit um 13 Uhr hat sich freitagmittags alles wieder etwas entzerrt. Dennoch regeln Polizisten am Eingang den Einlass, damit es kein Durcheinander gibt. Während unten die „12-Uhr-Schicht“ in der Tiefgarage betet, haben die Beamten oben etwas Ruhe. Ob hier schon mal etwas passiert sei? Nö, eigentlich alles friedlich. Immer? Ja, immer.