Stadtteil-Rundgang

Hamburg-Hamm: Vom Tristesse- zum Trendquartier

Stadtteilrundgang mit dem Schauspieler Kristian Bader durch Hamm

Stadtteilrundgang mit dem Schauspieler Kristian Bader durch Hamm

Foto: Michael Rauhe

Seit 26 Jahren wohnt Schauspieler Kristian Bader in Hamm, wo seine Karriere begann. Ein Stadtteil, der sich gerade stark verändert.

Grauer Himmel, kaum Wind, dazu feuchte und schwere Luft. Diese Tristesse passt irgendwie zu Hamm. Einem Stadtteil, in dem man besser nicht wohnt, ganz gleich, ob es sich dabei um Hamm-Nord, -Mitte oder -Süd handelt. Heißt es. „Hamm und Horn erschuf Gott im Zorn“, heißt es auch. Immer und immer wieder kriegen die Stadtteilbewohner diesen Spruch um die Ohren, wenn sie sich outen (müssen).

Kristian Bader, 50, kennt den Spruch natürlich auch. Schon seit 1989 kennt er ihn, als er – damals noch Student – in eine kleine Wohnung am Nerlichsweg in Hamm-Nord einzog, in der er bis heute wohnt. Obwohl man einen der bekanntesten, beliebtesten und erfolgreichsten Bühnenhelden dieser Stadt eher in einem der sogenannten „bevorzugten Quartiere“ vermuten würde – also in Ottensen, Eppendorf, Eimsbüttel oder Winterhude. Aber nein: Der legendäre „Caveman“ denkt gar nicht daran, seine zweieinhalb Zimmer im dunkelroten Backsteinbau aufzugeben.

Natürlich wäre es auch schöner gewesen, bei gutem Wetter gemeinsam mit Kristian Bader durch sein Quartier zu streifen. Aber das Terminkorsett des Schauspielers gestattet im Moment nur ganz wenige Freigänge, auf die das Wetter keine Rücksicht nimmt. Weil es also regnet, tritt Bader in einer grünen, wasserdichten Outdoorjacke vor die Tür, dazu einen wasserabweisenden, kanadischen Tilley-Hut auf dem Kopf, womit ihn das Flair des Großwildjägers umgibt. Aber vom „Caveman“ zum Großwildjäger ist es ja nur ein kleiner Schritt.

Das Haus im Nerlichsweg stammt aus den 1920er-Jahren und war von den Spreng- und Brandbomben der insgesamt sechstägigen alliierten Luftwaffen-Operation „Gomorrha“ im Juli 1943 immerhin so weit verschont worden, dass es sich lohnte, es wieder aufzubauen. Beinahe original. Ansonsten war nicht viel stehen geblieben von diesem gutbürgerlichen, einst extrem dicht besiedelten Stadtteil, in dem es neben der typischen engen Bebauung mit vierstöckigen Mietshäusern auch einige Straßenzüge gab, in denen sich vornehmlich die Hamburger Pfeffersäcke großzügige Villen gegönnt hatten, die sie vorwiegend als Sommerhäuser nutzten. Einige Straßennamen wie Beltgens Garten, Droopweg oder Dobbelerstieg erinnern noch heute an die einstigen Besitzer. Gutbürgerlich ist Hamm bis heute, heute sogar mehr denn je.

Der Run auf Hamm hatte um 1780 herum begonnen, als der aus Genf stammende Kaufmann Jacques de Chapeaurouge (Chapeaurougeweg) einen großen Teil des Hammer Waldes kaufte, um den Grundstein für den heutigen Hammer Park zu legen. Sein großzügiges Anwesen ging später durch Heirat in den Besitz der Familie Sieveking über und entwickelte sich im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt, als zahlreiche bekannte Persönlichkeiten im Hammer Hof verkehrten. Zwischendurch hatten übrigens die Franzosen im Belagerungswinter 1813/1814 das altsächsische Dorf aus dem 13. Jahrhundert schon einmal komplett zerstört – um der Artillerie freies Schussfeld auf die herannahenden Truppen des russischen Zaren zu gewähren.

Von all dieser architektonischen Pracht aus dem 19. Jahrhundert sind heute allenfalls Rudimente übrig, vor allem im Süden des Stadtteils, Richtung Mittelkanal, Südkanal und Bille, bis runter zum Hammer Deich, wo sich nach dem Krieg hauptsächlich Gewerbe ansiedelte. Wo allerdings nach und nach auch wieder ein paar Wohnungen gebaut wurden, dort, wo sich eben Platz bot. Und genau dort, mitten ins Industriegebiet, hat der „Münzkönig“ von der Süderstraße, Achim Becker, vor knapp zehn Jahren auch sein Störtebeker-Haus gepflanzt, ein imposantes Kontorhaus, dessen Fassade aus Ziegeln, Granit und Marmor mit allerlei Wappen und verspielten Schmiedearbeiten verziert ist; ein überladener Solitär aus verschiedenen Stil-Epochen, der inmitten der tristen Flachbauten, Lager- und Werkshallen sowie des gegenüberliegenden, leider potthässlichen Aparthotels wie ein Meteorit wirkt, der hier zufällig eingeschlagen ist.

Kristian Bader geht es so wie den meisten, die hier nicht so häufig oder gar zum ersten Mal vorbeikommen: Er staunt. Am meisten über die 18 Meter hohe, imposante Säule in der Mitte des Kreisverkehrs zwischen Borstelmannsweg und Süderstraße, auf der eine Hansekogge thront, welche sich nach dem Wind drehen kann. Die Säule von vier Kanonennachbauten bewacht. Der Firmenchef der Emporium-Gruppe beschwor zur Einweihung seines eigenen Denkmals das Naturell eines Seefahrers wie Störtebeker, das man entwickeln müsse, um im täglichen Auf und Ab bestehen zu können. Dann zitierte er den legendären Freibeuter: „Der Geist der Mannschaft bestimmt die Fahrt. Unter vollen Segeln zu neuen Unternehmungen!“ Und dann verriet Becker: „Diese Säule ist mein ganz persönlicher Luxus. Ich habe sie aus meinem Büro im Blick, und die Menschen unten auf der Straße werden auch ihre Freude daran haben.“ „Da unten“ auf der Süderstraße verläuft ab Einbruch der Dämmerung übrigens auch der berühmte Straßenstrich der Hansestadt.

Kristian Bader war schon lange nicht mehr hier im tiefen Süden seines Stadtteils, wo wir die knapp 400 Meter zur Bille hinunterschlendern, zum Hammer Deich Nummer 155, der postalischen Anschrift eines der zahlreichen Weltkriegsbunker, die im Stadtteil noch vorhanden sind – angeblich ist dieser der einzige, der einen Aufzug besitzt. Die Räume in den mehrgeschossigen grauen Betonquadern werden inzwischen selbstverständlich friedlich genutzt, als Warenlager, als Archive. Oder sie werden als Probenräume an Musikbands vermietet. Neuerdings wandelt man einige dieser Bunker auch in Wohnungen um, pflanzt ihnen schon mal ein buntes Penthouse aufs Dach, was ulkig aussieht.

Wir stehen am befestigten Uferrand der Bille und frösteln. Der Wind hat aufgefrischt. Steuerbords dümpeln ein paar Motorboote an einem Steg, und in Kristian Bader steigen Erinnerungen hoch. „Da drüben habe ich 1989 als Student gejobbt – für die Miete“, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger hinüber nach Rothenburgsort, „bei Schaumann, einem großen Futtermittelhersteller. Aber nicht für lange. Doch ich weiß noch den Werbespruch: ,Schaumann bringt Erfolg im Stall!‘“ Dabei kommt für einen Moment ein leichter westfälischer Zungenschlag aus seinem Mund, den er sich nach dem Umzug der Familie aus Nordfriesland nach Münster offenbar angeeignet hat. Eine Laune menschlicher Anpassungsfähigkeit.

Geboren wurde Bader übrigens 1965 im ostwestfälischen Minden, als Sohn einer Klavierlehrerin und eines Jet-Piloten der Luftwaffe. Seine Kindheit verlebte der kleine Kristian dann anfangs in Portugal, später im „langweiligen, abgeschiedenen nordfriesischen ,Bundeswehrdorf‘ Leck an der dänischen Grenze, zwischen Bodennebel und Regenschwaden, orkanartigem Westwind und überraschenden Warmwetterattacken“. Dort diente sein Vater im Aufklärungsgeschwader 52. Am 23. März 1976 um 9.50 Uhr stürzte er während eines Nato-Manövers an Bord einer Phantom am Südostzipfel der Insel Spiekeroog im Wattenmeer ab. Die Maschine versank in der Nordsee, die Besatzung ging 15 Kilometer südlich in der Nähe des Dörfchens Altgarmssiel mit dem Fallschirm nieder. Der Pilot erlitt dabei allerdings einen tödlichen Schädelbasisbruch, Kristians Vater, der als Kampfbeobachter mitgeflogen war, überlebte schwer verletzt.

Studium abgebrochen, Musicalschule auch – Autodidaktik liegt ihm mehr

Zum Glück blieb Kristian Baders kindliche Seele von weiteren derartigen Schreckensmomenten verschont. „Ich wurde vom Großstadtleben abgeschirmt, war von Zivilisationsproblemen unbeleckt, sodass bereits Flensburg für mich der Inbegriff von Verruchtheit und gefährlichem Großstadtabenteuer war“, gesteht er. Mit 15 entschloss er sich dennoch zu einem gewagten Schritt hinaus ins Leben, indem er mit Wandergitarre und Mundharmonika zunächst in Niebüll, dann in Flensburg „wohl einen gewissen kulturellen Glanz in die Fußgängerzonen brachte. Ich beherrschte damals immerhin neun Akkorde. Das reichte für die meisten Songs aus meinem Pfadfinderliederbuch.“ Damals habe er auch zum ersten Mal gespürt, dass er für einen bürgerlichen Beruf nicht geboren ist.

Dieses Gefühl verstärkte sich nach einem erneuten Umzug der Baders ins westfälische Beamten-, Radfahrer- und Studentenparadies Münster. Angeregt durch seine Französischlehrerin Frau Dr. Stuhlfahrt („Herr Bader, immer wenn ich Sie sehe, muss ich lachen!“) habe er damit begonnen, kleine lustige Theaterstücke zu schreiben, die zufälligerweise im Handumdrehen Preise bei Jugendkulturwettbewerben gewannen, sagt er. „Davon beflügelt, schrieb ich von da an auch Lieder für unsere Bands Hörsturz, Die Profilneurotiker sowie Sechs and Crime, die in ihrer Kombination aus Dilettantismus, Größenwahn und autobiografischer Tragikomik bei fast allen Wettbewerben, an denen wir teilnahmen, die Jury irgendwie für sich vereinnahmten.“

Kristian Bader, der die Anzahl der Akkorde längst vervielfacht hatte, fand außerdem heraus, dass er „durch Auftritte bei Scheidungen, Demonstrationen und Straßenfesten“ seine chronische Geldknappheit lindern konnte. So fasste er nach Abitur und Zivildienst den Entschluss, Teil der deutschsprachigen Unterhaltungsindustrie zu werden. „Durch die harte Schule der Fußgängerzonen und die jahrelange Praxis auf Bürgerhausbühnen fühlte ich mich bestens vorbereitet auf eine steile Karriere im Showbiz.“ Eher unlustig – vermutlich, um den elterlichen Haussegen nicht zu gefährden – schrieb er sich dazu in Bonn an der Universität für Geschichte, Erdkunde und Sinologie ein. Tatsächlich aber reiste er durch Deutschland, von einer Schauspielschule zur anderen. „Die Aufnahmeprüfung schien mir nur eine Formalität vor meinem beabsichtigten kometenhaften Aufstieg zu sein“, grinst Bader, „erstaunlicherweise wurde ich jedoch überall abgelehnt.“

So schloss sich aber ein Kreis, so kam er nach Hamburg, nach Hamm in den Nerlichsweg. Um rasch sein Studium abzubrechen und auf eine Musicalschule zu gehen. Aber auch das nicht lange. Vielleicht, weil ihm das Autodidaktische einfach mehr liegt. Vermutlich auch, weil er schon 1990 mit Michael Ehnert das „Bader-Ehnert-Kommando“ gründete. „Ein gutes Jahrzehnt lang gewannen wir gemeinsam Kabarettpreise und schrieben Theaterstücke, die zur Grundlage unserer Soloerfolge wurden. In der Zwischenzeit wurden auch einige Filmbesetzungsbüros auf uns aufmerksam, und so fanden wir uns immer mal wieder in irgendwelchen Krimis, Kinderserien, Werbungen und Fernsehfilmen“, erzählt Kristian Bader, der sich noch gut an seine erste „Tatort“-Rolle erinnern kann: „Ich brillierte als Leiche, die nackt an einen Baum gebunden war.“

Nach einem Mittagessen beim eher unscheinbaren Chinesen am Fleet am Borstelmannsweg, der aufgrund seiner authentischen chinesischen Speisekarte jedoch zu den kulinarischen Hotspots des diesbezüglich eher unterentwickelten Stadtteils gehört (gefühlte 80 Prozent der Gäste sind Chinesen, was man als gutes Zeichen werten sollte), tasten wir uns langsam wieder aus Hamm-Süd über Hamm-Mitte nach Hamm-Nord hinauf: Die Stadtteile wurden erst 2011 durch eine Initiative der Bezirksversammlung Mitte zu einem Stadtteil Hamm zusammengelegt.

Zeitzeugen berichten, dass man drei Jahre nach Kriegsende, als die Ruinen wenigstens schon mal plattgemacht worden waren, von der Kreuzung Sievekingdamm/Carl-Petersen-Straße über ein gigantisches Trümmerfeld bis zum südlichen Elbufer gucken konnte. Das war nicht nur wegen der unverstellten Sicht möglich, sondern auch, weil der Stadtteil in sich ein Gefälle von zehn bis 15 Metern aufweist: Die weitaus jüngeren Quartiere Hamm-Mitte und Hamm-Süd waren auf dem sumpfigen Boden der Elbmarsch errichtet worden (der zu diesem Zweck mit Sand aus den Boberger Dünen aufgeschüttet werden musste), während Hamm-Nord – einschließlich des Hammer Parks sowie seines altsächsischen Dorfkerns – auf dem Geest­rücken liegt. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges lesen sich in Zahlen ausgedrückt so: 96 Prozent des Stadtteils waren kaputt. Und lebten hier bis zu den verhängnisvollen Bombennächten etwa rund 90.000 Menschen, sind es heute bloß noch 38.000 in etwa 22.500 Haushalten.

Richtig begreifbar wird die Geschichte mit einem Besuch im hervorragend sortierten Stadtteilarchiv, in dem zigtausend Privatfotos aufbewahrt werden, die jedem Hammer Aufschluss darüber geben, wie seine Straße, in der er heute lebt, vor der „Operation Gomorrha“ ausgesehen hat. Auch Kristian Bader kämpft sich interessiert durch die Karteikästen mit den historischen Fotos. Plötzlich entdeckt er „seine Ecke“ – einen Hinterhof an der Marienthaler Straße, das alte Industriegebäude direkt an der Bahnlinie, das trotz mehrerer Bombentreffer wieder aufgebaut wurde und in dem er gut zehn Jahre lang seine „Baderanstalt“ unterhielt. Das war ein 250 Quadratmeter großes Loft, in dem geprobt wurde, in dem er sonntags Lesungen, Stand-up-Comedy und Konzerte organisierte und das manchmal auch wohnungslosen Kollegen aus der Zunft als Übergangsunterkunft diente.

„Das konnte ich mir nur leisten, weil man mir vor 15 Jahren während eines Gastspiels in Berlin zwischen Tür und Angel den Übersetzungsauftrag für ein amerikanisches Theaterstück von Rob Becker erteilt hatte – ,Defending the Caveman‘.“. Nie hätte er damals gedacht, dass dieses Stück sein Leben einmal so bestimmen würde. „Als ich die deutsche Fassung schrieb und mit Esther Schweins probte, habe ich mir in meinem ersten Vertrag 15 garantierte Vorstellungen zusichern lassen. Inzwischen habe ich den ,Caveman‘ ungefähr 1500-mal gespielt und außerdem 17 weitere Höhlenmänner ausgebildet. Zurzeit sind wir sieben und bringen es deutschlandweit auf etwa 1000 Vorstellungen im Jahr.“ Dass ein frei produziertes Theaterstück jenseits von Stadttheatern und Entertainment-Konzernen einen solchen Erfolg hat, ist äußerst selten – „und für mich, der ich mich bis dato eher in der überschaubaren Kleinkunstszene herumtrieb, war es der große Glücksgriff!“.

Auf dem Weg zur ehemaligen „Baderanstalt“ machen wir noch einen Abstecher in den Hammer Park, wo Kristian Bader mit seiner Tochter, die heute zwölf Jahre alt ist, „reichlich Lebenszeit verbracht hat – vor allem an den Wasserspielen“, erinnert er sich. Hier fällt ihm eine hübsche Anekdote ein: die Geschichte eines Türken, der den ganzen Sommer des Jahres 2006 über („oder war es doch 2007?“) auf der Hauptwiese unter einer mächtigen Rotbuche in einem Zelt lebte, weil seine Frau ihn offenbar aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hatte. „Die Kinder wollten alle im Becken planschen“, erinnert sich Bader, „dazu hätte es aber einer Aufsichtsperson bedurft, die von der Stadt jedoch nicht finanziert werden konnte. Da hat sich der Türke angeboten, dafür zu sorgen, dass das Wasser morgens aufgedreht und abends wieder abgedreht wird – und das hat tatsächlich ganz unbürokratisch geklappt.“

Überhaupt sind es die Menschen im Stadtteil, die es ihm besonders angetan haben. „Hier leben so viele normale Leute, die nicht selten etwas ganz Besonderes machen. Dazu sind sie bodenständig und meistens zu einem Schwatz aufgelegt“, sagt Bader, „ich könnte also den ganzen Tag den Hammer Steindamm rauf- und runterschlendern und die Zeit mit Quatschen ausfüllen.“

Die viel befahrene Straße ist so etwas wie der „Strip“ des Stadtteils. Eine, wenn auch lückenhafte, Einkaufsmeile, an der einige Geschäfte schon seit mehr als 20 Jahren existieren und inzwischen als Institutionen gelten: Da wäre der Bioladen der Schmidts zu nennen, der 1987, damals noch im Horner Weg, „als Antwort auf Tschernobyl“ gegründet wurde und seit 2002 an der Ecke Moorende mehr als 3500 Artikel im Angebot hat. Oder das Genno’s, ein kleines, aber sehr feines 18-Plätze-Restaurant, bei dem man ohne vorherige Reservierung zumeist draußen bleiben muss. Oder die alteingesessene Buchhandlung Seitenweise, die dank ihrer engagierten Inhaberinnen Elke Ehlert und Beatrix Holtmann gleichzeitig auch so etwas wie das eigentliche Kultur-Kompetenzzentrum dieses Stadtteils darstellt. Der gilt – nach einer Umfrage aus dem vorvergangenen Jahr – inzwischen sogar als das angesagteste Quartier der Stadt.

Was Kristian Bader nicht so ganz versteht. „Na ja“, sagt er, „viele wissen sicher nicht, wie zentral wir hier wohnen. Mit dem Fahrrad bist du in zehn Minuten an der Alster, mit der Bahn in zehn Minuten am Hauptbahnhof. Und die Attraktivität eines Stadtteils wird inzwischen ja auch oder vor allem an den Mieten gemessen. Und da ist Hamm tatsächlich noch recht erträglich, das stimmt. Doch dass wir jetzt das neue Ottensen sein sollen, das glaube ich nicht. Und ich glaube, das will ich auch gar nicht.“

Andererseits ist ihm natürlich längst aufgefallen, dass sich das Straßenbild gerade in den vergangenen fünf Jahren stark verändert hat. „Es sind viele junge Leute, auch Familien hierhergezogen“, sagt er, „und gleichzeitig haben neue Geschäfte und Gaststätten aufgemacht, die unseren Kiez beleben.“ Die Hammer Weine zum Beispiel, drüben an der Riesserstraße. Gegenüber das Steininger, („Wo ich ganz bestimmt Fußball gucken würde, wenn mich Fußball denn brennend interessieren würde ...“) oder auch das Café Klassenraum an der Ecke Hammer Steindamm/Marienthaler Straße, wo wir uns jetzt einen Cappuccino gönnen wollen, dazu ein Stück von Justyna Kitowskis hausgebackenem Käsekuchen. „Ein Muss“, meint Kristian Bader.

„Echt schade, dass du deine ,Baderanstalt‘ aufgegeben hast“, begrüßt ihn Justyna. Kristian Bader hebt die Schultern, fast so, als ob er sich dafür entschuldigen möchte, dass er und seine zweite Frau Nathalie sich vor knapp zwei Jahren entschieden haben, die doch ziemlich kostenintensive „Baderanstalt“ gegen ein – „selbstverständlich bescheidenes!“ – Anwesen auf dem Lande zu tauschen. Es steht in Bahrendorf, etwa auf der Mitte zwischen Bad Oldesloe und Bad Segeberg. Und ein bisschen größer ist es wohl doch geraten: „Wir haben im Nebenhaus Gästezimmer und eine Probenbühne eingerichtet“, erzählt Kristian Bader, „wo sich Theatergruppen einmieten können, um zu proben.“ Außerdem habe er auch den Ehrgeiz, irgendwann einmal ein Selbstversorger zu sein: „Allerdings habe ich nicht gewusst, wie verdammt mühselig diese Arbeit ist“, gibt der Neu-Pendler lächelnd zu.

Dann stehen wir schon im Aufzug und fahren hinauf in die fünfte Etage, in das Loft, wo früher eine Druckerei war und wo Kristian Bader von seinen Nachmietern herzlich begrüßt wird. Dabei handelt es sich um „Die Stadtveränderer“, die mit mietbaren Schreibtischen für Freiberufler, Unternehmer und Künstler, soziale und christliche Initiativen Arbeit und gesellschaftliches Engagement miteinander verknüpfen wollen. Vielleicht auch nur kurz die Welt retten? „Ja, warum nicht kurz die Welt retten“, sagt Dorothea Pieper, eine der beiden Initiatorinnen, „aber wir verstehen uns vor allem auch als Schaffensgemeinschaft für unseren Stadtteil.“ Da sitzt Kristian Bader schon an seinem alten, weiß lackierten Klavier, das er bei seinem Auszug aus der „Baderanstalt“ stehen gelassen hat, und klimpert ein bisschen. In seinen Augen schimmert in diesem Moment ein wenig Wehmut. Er springt auf und deutet hinunter auf den rauen Betonboden, wo der halbkreisförmige Abdruck eines breiten Klebestreifens zu sehen ist. „Hier hörte die Bühne auf“, sagt er, zeigt dann auf einen Pfeiler, „und genau da hat einmal Georg Kreisler gesessen!“

Draußen hat der Nieselregen inzwischen nachgelassen. Wir können also noch rasch ein schönes Abschlussfoto mit ihm machen, am besten auf der Brücke über den Gleisen der S 1 sowie der Bahnstrecke nach Lübeck. Diesen Ort bezeichne er als „Dreiländereck“, sagt Kristian Bader, weil Hamm nämlich genau an dieser Stelle an Eilbek und an Wandsbek grenzt. Dann fällt ihm plötzlich ein, dass er „ja noch unbedingt bei Jürgen vorbeischauen müsse“, und so führt er uns ein paar Meter weiter in einen Hinterhof – ebenfalls in der Marienthaler Straße –, wo der Metalldesigner Jürgen Heinl in seiner Werkstatt neben schmiedeeisernen Zäunen, Geländern und Toren am liebsten ausgefallene Einrichtungsgegenstände aus Stahl entwirft – mannshohe Lampen, Vasen und Regale, Tische und Stühle. Am allerliebsten aus Edelstahl.

Kristian Bader möchte von ihm bloß einen Ständer für Kaminholz gefertigt haben. Er schildert dem Meister seine Vorstellungen. Heinl nickt, man ist sich rasch einig, Hand drauf und Tschüs. Über Geld haben sie nicht gesprochen. „Das passt dann schon“, sagt Bader, verabschiedet sich und setzt seinen Hut auf. Es hat wieder zu nieseln begonnen. Und wir haben gelernt: Die Perlen von Hamm liegen halt immer etwas versteckt.