Einzelhandel

Verträgt die Hamburger Innenstadt so viele neue Geschäfte?

Tanja Lucas, Teamleiterin Quantum, auf der Baustelle der Stadthöfe

Tanja Lucas, Teamleiterin Quantum, auf der Baustelle der Stadthöfe

Foto: Andreas Laible

In der City sind zahlreiche neue Passagen und Projekte geplant. Insgesamt kommen 40.000 Quadratmeter Fläche hinzu.

Hamburg.  Baustellen haben in der Innenstadt zurzeit Hochkonjunktur. Es wird an allen Ecken gebaut, und fast immer entsteht bei den Projektentwicklungen neben Büroraum auch Platz für Geschäfte: Nach Abendblatt-Recherchen werden bis 2017 rund 40.000 Quadratmeter zusätzliche Einzelhandelsflächen in Neubauten oder in revitalisierten Gebäuden in der City geschaffen.

Das derzeit wohl größte innerstädtische Bauvorhaben sind die Stadthöfe, die an der Stadthausbrücke zwischen dem Neuen Wall und den Großen Bleichen im Gebäudeensemble der ehemaligen Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt entstehen. Etwa 5000 Quadratmeter Fläche werden hier für Läden zur Verfügung stehen. „Wir entwickeln ein neues Quartier in der Innenstadt, hier sollen die Leute durch die Höfe wandeln und verweilen“, sagt Projektleiterin Tanja Lucas von der Quantum Projektentwicklung GmbH.

In den Stadthöfen setze man auf individuelle Konzepte“. Das Projekt sei einzigartig, und deshalb gebe es großes Interesse von Einzelhändlern, sich hier anzusiedeln. Erste Flächen sollen im zweiten Halbjahr 2017 bezogen werden. In Branchenkreisen ist von einer 250-Millionen-Euro-Investition die Rede, das Bauvorhaben wird von Quantum mit Sitz in Hamburg entwickelt. Entstehen sollen auch bis zu 100 Wohnungen, Büros und ein Boutique-Hotel.

Ein weiteres Großbauprojekt realisiert Art-Invest am Alten Wall neben dem Rathaus. Der Gebäudekomplex, der früher die Vereins- und Westbank und zuvor die Reichsbank beherbergte, wird umfassend revitalisiert. Bis zu 12.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche im gehobenen Preissegment sollen nebst Büroflächen entstehen.

An der Spitalerstraße 22–26 wurde bereits eine große Baugrube ausgehoben: Hier entwickelt Centrum das Büro- und Geschäftshaus Mö-Quartier und investiert rund 200 Millionen Euro. 7000 Quadratmeter Fläche sind für den Einzelhandel reserviert. Die Modeketten Koton aus der Türkei und Reserved aus Polen haben bereits große Flächen angemietet.

In direkter Nachbarschaft lässt sich die HSH Nordbank die Revitalisierung ihrer in den 70er-Jahren gebauten Einkaufspassage innerhalb des Gebäudekomplexes am Gerhart-Hauptmann-Platz rund 15 Millionen Euro kosten. Bauarbeiter werkeln hier seit Anfang des Jahres und haben das Innere bereits komplett entkernt: „Die gesamte Fläche wird architektonisch und technisch neu gestaltet. Wir setzen auf einen abwechslungsreichen Mietermix, der besonders die Nahversorgung der Kunden im Fokus hat“, sagt Vermietungsmanager Marco Bachmann von der Maßmann&Co. Handelsimmobilien GmbH, die die Entwicklung der Passage und die Vermietung der Flächen übernommen hat. Insgesamt sollen bis Anfang 2016 rund 7000 Qua­dratmeter Verkaufsfläche entstehen. Erste Mietverträge wurden bereits unterzeichnet.

Die Passage wird drei Eingänge haben. Von der Spitalerstraße aus gibt es ein gemeinsames Entree mit dem neuen Büro- und Geschäftshaus „Spitalerstraße 22–26“. Direkt nebenan wird das Wirth-Haus, in dem jahrzehntelang das gleichnamige Café beheimatet war, komplett umgebaut. Ein Mieter steht bereits fest: & Other Stories, die Premium-Modemarke der H&M-Gruppe, soll dort 2016 einziehen.

Auch das ehemalige Kino im Streit’s- Haus am Jungfernstieg wird zu einem Geschäft. Die schwedische Kaufhauskette Clas Ohlson bezieht hier im Sommer 2016 rund 1800 Quadratmeter Verkaufsfläche. Im kommenden Jahr sollen zudem nur einen Steinwurf entfernt die Girardet Höfe am Gänsemarkt eröffnen, dort entstehen weitere 2150 Quadratmeter für Geschäfte. In der Nachbarschaft liegen die Großen Bleichen, wo das ehemalige Thalia-Haus abgerissen wurde. Hier eröffnet Ende 2016 der Herrenausstatter Hirmer-Studio aus München auf 2000 Quadratmetern einen Flagship-Store.

Die City macht sich also hübsch, der Einzelhandel in der Innenstadt wächst und wächst. Aber kann Hamburg so viele neue Angebote überhaupt vertragen? Gibt es genügend Kunden für die Geschäfte? Experten glauben, dass das der Fall ist. Im Jahr 2014 gab es laut einer Studie des Makler- und Beratungshauses Comfort 344.002 Quadratmeter Einzelhandelsverkaufsfläche in der Innenstadt. Das waren 4,6 Prozent mehr als 2011, als Comfort zuletzt eine solche Studie präsentiert hatte. Der Umsatz lag im Einzelhandel im vergangenen Jahr bei mehr als 1,87 Milliarden Euro – ein Anstieg von 3,5 Prozent gegenüber 2011.

Trotz des Anstiegs sagt Comfort-Hamburg-Geschäftsführer Olaf Petersen: „Von allen deutschen Top-Einkaufsstädten weist Hamburg mit lediglich 13 Prozent Verkaufsflächenanteil abgesehen von Berlin den niedrigsten Anteil an innerstädtischer Verkaufs­fläche auf.“ Wie im aktuellen Innenstadtkonzept dargelegt, bestehe von daher Einigkeit, dass der innerstädtische Einzelhandel deutlich ausgebaut werden sollte, um die Vielfalt auszubauen.

Auch Citymanagerin Brigitte Engler sieht den Bedarf: „Es ist ein Gewinn für unsere Innenstadt, dass die Vielfalt des Einzelhandelsangebotes und insbesondere der internationalen Anbieter weiter steigt.“ Denn Hamburg sei eine Shoppingmetropole, und das ziehe vor allem Touristen an, die eine entsprechende Auswahl erwarten, so Engler.

Allerdings gibt Philipp Hass, Vermietungschef für Einzelhandel beim weltweit größten Immobilienspezialisten CBRE, zu bedenken: „Zusätzliche Fläche muss sorgfältiger denn je an die Nachfrage der Einzelhändler angepasst werden. Es fehlt in der Hamburger Innenstadt an Flächen in guten Lagen in der Größenordnung von 80–150 Qua­dratmetern.“

Kritik kommt von der Linken: „In der Innenstadt werden am laufenden Band neue Einzelhandelsflächen geschaffen, für die es keinen nachvollziehbaren Bedarf gibt. Es liegt nach meiner Erkenntnis keine fundierte Untersuchung vor, in der schlüssig erklärt wird, dass wir noch mehr Läden in der City benötigen“, sagte Stephan Jersch, Wirtschaftsexperte der Linken in der Bürgerschaft. Er befürchtet: „Durch ein Überangebot an Flächen entsteht an anderer Stelle Leerstand.“ Der SPD-Stadtentwicklungsexperte Dirk Kienscherf verknüpft mit dem steigenden Angebot die Hoffnung, dass „mehr Flächen auch eine Entspannung bei der Entwicklung der Mieten für Einzelhandelsflächen bringt.“ Wie berichtet, werden am Neuen Wall Spitzenmieten von bis zu 330 Euro pro Quadratmeter bezahlt. Kienscherf ist überzeugt: „Eine lebendige Innenstadt braucht Einzelhandel. Deshalb ist es eine positive Entwicklung, wenn weitere Flächen entstehen. Das könnte auch die Angebotsvielfalt verbessern.“