NS-Verbrechen

Mord am Bullenhuser Damm: Identifizierung nach 70 Jahren

Das letzte Foto des jungen Walter Jungleib

Das letzte Foto des jungen Walter Jungleib

Foto: privat

70 Jahre nach der Ermordung von jüdischen Kindern in der Hamburger Schule konnte jetzt das 19. von 20 Opfern identifiziert werden.

Neuengamme.  70 Jahre nach der Ermordung von Kindern in der Hamburger Schule am Bullenhuser Damm konnte jetzt das 19. von insgesamt 20 Opfern identifiziert werden. Bislang war über einen Jungen lediglich bekannt, dass er W. Junglieb heiße, zwölf Jahre alt war und wahrscheinlich aus Jugoslawien stammte. Jetzt wurde seine Identität geklärt: Es ist der zwölfjährige Walter Jungleib aus Hlohovec in der Slowakei. „Es kommt nicht häufig vor, dass nach so langer Zeit jemandem sein Name zurückgegeben werden kann“, sagt Iris Groschek von der KZ Gedenkstätte Neuengamme. „Es war für uns sehr berührend und ein freudiges Ereignis, Kontakt zu seiner Familie zu bekommen.“

70 Jahre lang hatte die heute 85-jährige Grete Hamburg in dem Glauben gelebt, ihr jüngerer Bruder Walter wäre als Kind bei einem Todesmarsch von Auschwitz ums Leben gekommen. Die seit Langem in Tel Aviv lebende Frau schrieb nun angesichts der Identifikation ihres Bruders: „Ich war und bin so erschüttert und fassungslos. Mein Vater, meine Mutter, Walter und ich wurden im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert.

Die Männer und Kinder wurden von uns getrennt. Walter hat seine Kappe vergessen und ist zurückgekommen, um sie zu holen. Danach war er der Letzte in der Reihe, hat sich umgedreht, gewinkt und gelächelt. Das war das letzte Mal, dass meine Mutter und ich Walter gesehen haben.“

Senator erinnert an ermordete Kinder vom Bullenhuser Damm

Walter Jungleib ist eines von 20 Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren, die von November 1944 bis April 1945 im Konzentrationslager von Neuengamme für medizinische Experimente missbraucht wurden. Zur Vertuschung der Versuche wurden sie kurz vor Kriegsende in die als KZ Außen­lager genutzte Schule am Bullenhuser Damm gebracht und in den dortigen Kellerräumen von der SS ermordet.

Bei einer alljährlichen Gedenkfeier für die Opfer am 20. April hatte in diesem Jahr die Angehörige eines anderen Opfers mit Nachforschungen nach dem unbekannten W. Junglieb begonnen. Auf der Liste eines Häftlingstransports fand sie zwei Frauen mit dem Namen Jungleib. Aufgrund der großen Ähnlichkeit der Namen nahm sie über eine Webseite der Gedenkstätte Yad Vashem Kontakt zu der Familie auf.