Hamburg

Salafisten bedrängen Flüchtlinge an den Messehallen

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Christoph Heinemann und Christian Unger

Islamisten verteilen Korane an der Erstaufnahme in den Messehallen. SPD und Linke warnen: Salafisten missbrauchen die Not der Menschen.

Hamburg. Radikale Muslime versuchen verstärkt, Flüchtlinge in Hamburg für ihre Ideologie anzuwerben. Am Wochenende suchten mutmaßliche Salafisten an der Erstaufnahme in der Messehalle B6 mehrfach den Kontakt zu einigen der etwa 700 Bewohnern. Die Männer verteilten laut Augenzeugen auch Korane an Flüchtlinge. „Islamisten missbrauchen die Not der geflohenen Menschen“, sagte Kazim Abaci, Flüchtlingsexperte der SPD-Bürgerschaftsfraktion dem Abendblatt.

Bei den mutmaßlichen Salafisten soll es sich um fünf junge Männer gehandelt haben. Sie reichten nach Polizeiangaben am Sonnabend gegen 19 Uhr, durch und über den Zaun der Unterkunft Korane an die Flüchtlinge. Laut Augenzeugen sollen radikale Muslime zudem in die Kleiderkammer gegangen sein und hätten angegeben, Korane an die Geflohenen spenden zu wollen. Die freiwilligen Helfer vor Ort wiesen die Männer jedoch ab. Am Sonntag hätten die mutmaßlichen Salafisten vor der Unterkunft gezielt arabische und somalische Flüchtlinge auf Englisch und Arabisch angesprochen. Ein Kurde, der diese Szene beobachtet hatte, erkannte die Männer laut dem SPD-Abgeordneten Abaci. Sie sollen auch auf Seiten der Salafisten bei den Ausschreitungen am Steindamm im Oktober 2014 gestanden haben. Bestätigt wurden diese Angaben nicht.

Die Initiative „Refugees Welcome“ im Karolinenviertel ist alarmiert. „Viele der Menschen in den Unterkünften sind vor dem sogenannten Islamischen Staat geflohen. Sollte es wahr sein, dass salafistische Kräfte rund um die Messehallen agitieren, erwarten wir, dass die Menschen geschützt werden“, hieß es. Ein Sprecher der Hamburg Messe hob hervor, dass die Kleiderkammer der Unterkunft „eine politik- und religionsfreie Zone“ bleiben müsse. Die Polizei und die Helferinitiative sprachen von einem „Einzelfall“ am Wochenende. Die Männer zogen sich nach Aufforderung der Ehrenamtlichen zurück und müssen nicht mit einer Strafverfolgung rechnen, da das Verteilen des Koran nicht illegal ist.

Nach Informationen des Abendblatts haben die Behörden die Aktivitäten von Salafisten im Umfeld der Flüchtlingsunterkünfte im Blick. Bereits vor einem Jahr kam es in der Erstaufnahme an der Schnackenburgallee in Bahrenfeld zu einer Konfrontation, an der auch bekannte Salafisten beteiligt waren. „Einzelne Salafisten haben in der Schnackenburgallee versucht, auf inoffiziellen Wegen als Freiwillige aktiv zu werden“, sagt Cansu Özdemir, Linken-Chefin in der Bürgerschaft. Das Landesamt für Verfassungsschutz hat derzeit „keine Hinweise“ auf salafistische Aktivitäten innerhalb der Unterkünfte. Zu Aktionen im Umfeld der Erstaufnahmen nahmen die Verfassungsschützer nicht Stellung.

Zuletzt hatten Mitglieder von radikalen Vereinen wie „Lies!“ im Internet zum Engagement für Flüchtlinge aufgerufen. Özdemir hält die Situation für gefährlich: „Die neu ankommenden Flüchtlinge haben noch keinen Halt und sind empfänglich für religiösen Einfluss.“ Özdemir wolle nun eine Anfrage an den Senat stellen, sie vermutet eine hohe Dunkelziffer an Aktionen von Salafisten. Viele Muslime sind in Sorge über die Salafistenbewegung, in fast allen Moscheen haben sie Gebetsverbot. Laut SPD-Mann Abaci sei klar, dass Salafisten die Flüchtlinge „in ihre Moscheen holen“ wollten: „Das müssen wir verhindern.“

Direkte Ansprachen wirken

Die Verwirrung war groß, Gerüchte machten die Runde. Die Aktion von mehreren mutmaßlichen Salafisten in der Messehalle B6 am Wochenende hat sowohl die Helfer als auch die Polizei alarmiert. „Das Sicherheitspersonal vor Ort wurde dafür sensibilisiert, auf verdächtige Männer noch genauer zu achten“, hieß es aus dem Präsidium.

Nach Angaben des Verfassungsschutzes sind direkte Ansprachen die erfolgreichste Rekrutierungsmasche radikalisierter Salafisten. Präventionsexperten aus der Sozialbehörde waren bereits vor dem Wochenende mehrere Fälle bekannt, in denen mutmaßliche Islamisten an Flüchtlingsunterkünften für ihre Ideologie warben. Es ist nicht bekannt um welche Gruppen es sich handelt und wie hoch die Zahl der Vorfälle ist. Eine Mitarbeiterin der Behörde hebt hervor: „Es sind Einzelfälle.“

Auch wenn syrische und irakische Flüchtlinge in Deutschland Schutz vor dem „Islamischen Staat“ suchen, können Flüchtlinge für die Botschaften der Salafisten empfänglich sein. Kaum etwas bewegt junge Muslime so stark wie der Bürgerkrieg in Syrien. Denn das Leid der Menschen durch den Krieg ist groß, der Westen tut dagegen bisher wenig. Auch salafistische Gruppen haben in den vergangenen Jahren in Deutschland größere Spendenaktionen veranstaltet, darunter mehrere in Hamburg. Sie nutzen Bilder blutender Kinder in Syrien für ihre politischen Ziele. Die Behörden vermuten, dass die Islamisten einen Teil des Geldes auch zum Aufbau von Netzwerken nutzen, mit denen sie Kämpfer für den Dschihad rekrutieren.

In Frankfurt versuchten salafistische Kräfte in diesem Jahr außerdem, gezielt minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in die Szene zu locken. Von 460 Salafisten in Hamburg, die der Verfassungsschutz Ende Juni registriert hatte, waren 83 unter 21 Jahren. Seit Beginn des Jahres zogen 15 Jugendliche und Erwachsene in den Dschihad. Viele Muslime sind in Sorge über die Bewegung, die eine winzige Minderheit innerhalb der Muslime in Deutschland ausmacht. In vielen Moscheen haben Salafisten Gebetsverbot.

Mit dem Präventionsnetzwerk „Legato“ hat der Senat im Juli eine Beratungsstelle für Muslime und ihre Angehörigen ins Leben gerufen. Darin sind alle großen muslimischen Verbände und die alevitische Gemeinde eingebunden. Die Suche nach geeignetem Personal für die Beratungsstelle gestaltete sich jedoch schwierig, es fehlen Fachkräfte. Auch der städtischen Gesellschaft „Fördern & Wohnen“ fehlen 100 Sozialpädagogen für die Betreuung der Flüchtlinge in den Hamburger Unterkünften.