Münzviertel

„KoZe“-Konflikt steuert auf eine Eskalation zu

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Christoph Heinemann und André Zand-Vakili

Der Teilabriss des Gebäudes soll bis zum Herbst erfolgen. Friedliche Kundgebung am Abend. Ziehen nun Flüchtlinge auf das Gelände?

Hammerbrook. Der Konflikt um das besetzte „Kollektive Zentrum“ (KoZe) im Münzviertel steuert auf eine Eskalation zu. Ein Großaufgebot der Polizei rückte am Montagmorgen auf den Innenhof des Gebäudekomplexes an der Norderstraße vor. Die Beamten sicherten die Errichtung eines Bauzauns im Auftrag der Finanzbehörde. Dabei kam es zu Handgreiflichkeiten. Die Autonomen vermuten hinter der Polizeiaktion einen Probelauf für eine erzwungene Räumung.

Die Aufregung am KoZe beginnt am Montag im Morgengrauen. Um 5.45 Uhr erscheinen ein Dutzend Bauarbeiter mit Montagefahrzeugen und Holzplatten vor dem Komplex. Ein leerstehendes Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Gehörlosenschule soll von Asbest befreit und bis zum Herbst abgerissen werden, eine Absperrung der Baustelle mit Warnhinweisen ist gesetzlich vorgeschrieben.

Die Besetzer der angrenzenden Kita haben das Tor zum gemeinsamen Hof jedoch mit Fahrradschlössern verriegelt. Die Bauarbeiter rufen die Polizei um Hilfe. Gegen 7 Uhr rücken die Beamten mit einer Hundertschaft und Schneidegerät an. Auch ein Wasserwerfer und gepanzerte Raumfahrzeuge werden in unmittelbarer Nähe des Zentrums in Bereitschaft gehalten.

Besetzer wollen den Zaun zerstören

Die Polizei bricht das Tor auf, überrascht damit eine Handvoll Besetzer auf dem Gelände. Vier Autonome, drei Frauen und ein Mann zwischen 20 und 25 Jahren, laufen herbei und wollen das Tor wieder schließen. Es kommt zu einem Handgemenge, die Besetzer werden in Gewahrsam genommen.

Mit einer zweiten Hundertschaft riegelt die Polizei das KoZe und die davor liegende Norderstraße ab. Wenig später zersägen Bauarbeiter und Beamte auch ein Baumhaus im Vorgarten der Kita, aus „Sicherheitsgründen“ , wie es von der Finanzbehörde heißt. Die Polizei überwacht den Aufbau des Zauns bis zum Nachmittag, Beamte drängen wiederholt aufgebrachte Besetzer zurück, die den Zaun beschmieren und zerstören wollen. Verletzt wird niemand. Am Abend sollte ein privater Sicherheitsdienst die Polizisten ablösen.

Flüchtlinge sollen auf das Gelände ziehen

Laut Senat handelte es sich um ein routinemäßiges Vorgehen. „Die Aktion hier war weder eine Räumung noch ein Vorlauf zu einer Räumung“, sagte Daniel Stricker, Sprecher der Finanzbehörde. Zuerst sollten nur das Gebäude der ehemaligen Gehörlosenschule abgerissen und dort ab Dezember zunächst Flüchtlinge untergebracht werden. Ab Ende 2016 will der Investor HBK anschließend auf dem 8000 Quadratmeter großen Gesamtareal etwa 400 Wohnungen bauen.

In einem Schreiben kündigte die Finanzbehörde den Autonomen am Freitag an, dass ein Bauzaun errichtet werde – allerdings ohne konkrete Zeitangabe. Nach Abendblatt-Informationen trafen die Bauarbeiter nach Absprache mit der Polizei extra früh am Morgen ein, um einen Zusammenprall mit einer großen Zahl von Besetzern zu verhindern. Mindestens 200 Aktivisten gehen regelmäßig im KoZe ein und aus. „Die Aktion ist sauber gelaufen“, heißt es aus Polizeikreisen.

Besetzer beklagen brutales Vorgehen

Die Besetzer des KoZe sehen in dem Einsatz dagegen eine Provokation, beklagen ein brutales Vorgehen der Polizeibeamten. „Durch diese Aktion wurde eine Spirale in Gang gesetzt, die sich von Einzelnen nicht mehr leicht stoppen lässt“, sagte ein KoZe-Sprecher dem Abendblatt. „Wir werden uns besprechen und eine Reaktion zeigen“, kündigte der Sprecher an.

Die Besetzer haben nur für das Erdgeschoss der Kita einen regulären Mietvertrag, nutzen aber das gesamte Gebäude. Der Staatsschutz bezeichnete das KoZe als „zweite Rote Flora“. Mittelfristig soll auch das besetzte Kita-Gebäude abgerissen werden. Der Zeitpunkt ist laut Finanzbehörde offen: „Das Gebäude bleibt so lange, wie der Baufortschritt nicht gefährdet wird.“

Am Montagnachmittag versammelten sich am Gerhart-Hauptmann-Platz rund 120 KoZe-Sympathisanten zu einer Kundgebung – die geplante Demonstration wurde abgesagt.