Weltkulturerbe

Die Speicherstadt ist Backsteinkunst der Extraklasse

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Matthias Gretzschel

Was die Unesco jetzt als Weltkulturerbe geadelt hat, war einst das Resultat eines dramatischen städtebaulichen Wandels.

Hamburg. Die Grundfarbe dieser Stadt ist rot, denn viele ihrer wichtigen Bauwerke wurden über die Jahrhunderte hinweg aus Backstein zusammengefügt, jenem bodenständigen Baumaterial, das im Norden Europas eine ganze Kulturlandschaft hervorgebracht hat. So leuchten die gotischen Hauptkirchen St. Petri und St. Jakobi, der barocke Michel, aber auch die Kaufmanns- und Lagerhäuser in allen Rot-Nuancen. Und das gilt auch für die Fassaden der Speicherstadt und des Kontorhausviertels, jene beiden Quartiere, die die Unesco jetzt mit dem Gütesiegel des Weltkulturerbes geadelt hat. Damit gehören das expressionistische Chilehaus und seine Nachbargebäude sowie die neogotischen Lagerhäuser ab sofort in dieselbe Liga wie das Taj Mahal, das Schloss von Versailles, die Akropolis oder die Altstadt von Florenz.

Wer durch das weltweit größte zusammenhängende Lagerhausensemble schlendert, das ab 1885 innerhalb von knapp drei Jahrzehnten buchstäblich aus dem Boden gestampft wurde, dann eine der Brücken am Zollkanal überquert und schließlich das nördlich davon gelegene Kontorhausviertel erreicht, durchmisst ein gutes halbes Jahrhundert Stadtbaugeschichte und urbane Entwicklung. Wie im Zeitraffer zieht bei einem solchen Spaziergang die Epoche vorüber, die mit der indus­triellen Revolution einsetzte und aus der zwar erfolgreichen und stolzen, aber eben doch noch recht beschaulichen Handelsstadt eine pulsierende internationale Metropole machte.

Und damit den Menschen bei so viel Tempo und Wandel nicht schwindelig wurde, setzte man Ende des 19. Jahrhunderts zumindest bei der Gestaltung der Fassaden noch auf die aus der Geschichte vertrauten Formen, auf Bögen und Giebel, Erker und Rosetten. Franz Andreas Meyer, unter dessen Leitung die Speicherstadt in drei Bauabschnitten errichtet wurde, suchte ganz bewusst den Rückgriff auf historische Vorbilder und streifte seinen höchst zweckmäßig konzipierten Speichern ein architektonisches Gewand über, das an Burgen und Dome, Stadtmauern und Wachtürme erinnerte.

Doch die Zeiten änderten sich. Fritz Höger, Rudolf Klophaus, Hans und Oskar Gerson und die anderen Architekten des Kontorhausviertels konnten Anfang des 20. Jahrhunderts für neue Bauaufgaben auch neue Formen finden, was ihnen mit dem traditionsreichen Baumaterial Backstein auf bewundernswerte Weise gelang. Es lässt sich gut vorstellen, wie erstaunt und beeindruckt die Hamburger waren, als 1924 endlich die Gerüste fielen und die Ostspitze des Chilehauses wie der Bug eines Ozeanriesen aufragte. Ein Gebäude dieses Ausmaßes mit solch atemberaubender Dynamik, mit gotisierenden Bögen, vorkragenden Arkaden, geschwungenen Fassaden und plastischen Details war ganz und gar ungewohnt und modern, überzeugte aber vom ersten Moment an. Nie zuvor war ein Architekt so kühn und avantgardistisch mit dem seit dem Mittelalter vertrauten Backstein umgegangen wie Fritz Höger bei der Errichtung des Chilehauses, das einen damals völlig neuen Typus des Bürohauses verkörperte. Dass der Klinker für expressionistische Architektur faszinierende Gestaltungsmöglichkeiten bot, zeigen auch der Messberghof, der Sprinkenhof und der Mohlenhof, die das in den 1920er- und 1930er-Jahren entstandene Kontorhausviertel bis heute prägen.
An Weltkulturerbe haben Höger und seine Kollegen in den 1920er-Jahren natürlich nicht gedacht, der Begriff war damals noch nicht einmal geprägt. Was heute als Denkmal der Bau- und Architekturgeschichte gilt, war damals ultramodern und wirkte wie das Symbol einer dynamischen und aufgewühlten Zeit. Plakate, mit denen Hamburg damals im In- und Ausland um Touristen warb, zeigten die wahrzeichenhafte Ostspitze des Chilehauses als Ausweis von Weltoffenheit und Modernität.

Und der geschäftige Alltag in den gewaltigen Gebäudekomplexen unterschied sich in der Tat von der Beschaulichkeit, die in den Kontoren der althamburgischen Kaufmannshäuser geherrscht haben mochte – und die die Planer der Speicherstadt ab 1885 gleich reihenweise abreißen ließen. Dass dabei prächtige Barockgebäude und sogar ein ganzes Viertel verloren gingen, dessen Charme wir heute vermutlich mit den Amsterdamer Grachtenvierteln vergleichen würden, war der Preis, den Hamburg nach der Reichseinigung für den wirtschaftlichen Anschluss an die Zukunft bezahlen musste.

Während im neu erbauten Freihafen Waren aus vielen Ländern höchst effizient umgeschlagen und gelagert wurden, standen den Kaufleuten und deren Angestellten in den Kontorhäusern bei der Erledigung ihrer Geschäfte schon die technischen Segnungen des 20. Jahrhunderts zur Verfügung: Hier gab es Paternoster oder Fahrstühle, elektrische Beleuchtung, Telefone und Rohrpostanlagen.

Es ist ein Glücksfall der Geschichte, dass trotz aller Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und der verhängnisvollen Abrisswut der anschließenden Jahrzehnte die Speicherstadt und das Kontorhausviertel als zusammenhängende, einheitlich geprägte und weitgehend homogene Ensembles erhalten geblieben sind. Und ein weiterer Glücksfall ist die Tatsache, dass diese beiden Stadtquartiere keine musealen Areale, sondern lebendige Stadträume sind. Bauwerke werden durch ihre Funktion legitimiert. Sie lassen sich nur erhalten, wenn sie gebraucht werden. Eine Kirche ohne Gemeinde, ein Schloss ohne Adel und eine Fabrik ohne Produktion können nur dann für die Zukunft gesichert werden, wenn sich eine neue Nutzung für sie findet.

Die Büros in den Gebäuden des Kontorhausviertels sehen heute zwar anders als vor 80 oder 90 Jahren aus, aber sie dienen noch immer ihrer ursprünglichen Funktion. Und obwohl der Freihafen seit dem 1. Januar 2013 nicht mehr besteht und in den neogotischen Häusern der Speicherstadt immer weniger Säcke mit Kaffee, Tee und Gewürzen sowie Teppiche gelagert werden, ist es gelungen, mit Museen, Gastronomie und Veranstaltungsräumen neue Nutzungen zu finden, die die Geschichte des Viertels nicht nur respektieren, sondern für Einheimische und Besucher auch erlebbar machen.

Dabei hat es recht lange gedauert, bevor Hamburg die Schönheit und die besondere Atmosphäre der Speicherstadt erkannte, noch bis in die 1980er-Jahre hinein war das Lagerhausviertel jenseits der Zollschranken kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert. Erst als Verkaufs- und Umnutzungspläne des damaligen Senats ruchbar wurden, regte sich Widerstand. Tausendfach tauchte damals der ovale Aufkleber „Kein Verkauf der Speicherstadt!“ auf, die Stimmung drehte sich, und die Stadtregierung gab die Pläne auf und ließ das Quartier 1991 unter Denkmalschutz stellen.

Spätestens seit April 2001, als der Lichtkünstler Michael Batz damit begann, die Speicherstadt nach Einbruch der Dunkelheit zu illuminieren, ist der Lagerhauskomplex gemeinsam mit dem angrenzenden Kontorhausviertel zu einer der am meisten bewunderten Hamburger Sehenswürdigkeiten geworden. Dank des Unesco-Gütesiegels wird dieses Hamburger Architektur-Denkmal künftig weltweit noch deutlich an Renommee gewinnen.

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