Hamburg

Kaufhausmusik und Co.: Der Sound zur Umsatzsteigerung

Stefan Gill ist seit fünf Jahren Creative Director bei Mood Media im Wandalenweg. Für den Musikfanatiker eher Berufung als Beruf

Stefan Gill ist seit fünf Jahren Creative Director bei Mood Media im Wandalenweg. Für den Musikfanatiker eher Berufung als Beruf

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Jeder hört sie, die Musik in Modeläden, Schnellrestaurants und Fahrstühlen - und dieser Sound kommt von Mood Media in Hammerbrook.

Hamburg. Der Wandalenweg in Hammerbrook. Links ein großes Selfstorage-Lager, um die Ecke ein Bistro, das als Mittagstisch Rinderroulade und Schweinegulasch auf der Karte hat. Das automatisch angebotene WLAN-Netz kommt von der Kurti Bau GmbH. Kein hipper Ort also, keiner zum Wohnen und Wohlfühlen, einer zum Arbeiten und schnell wieder wegfahren.

Ausgerechnet hier, in diesem unwirtlichen Quartier, hat eine Firma ihre Deutschlandzentrale, in der grenzenlose Musikleidenschaft zum Anforderungsprofil der Mitarbeiter zählt. In der House- und Technofans arbeiten, R&B-Fanatiker an den Rechnern sitzen, und der Chef von den Simple Minds schwärmt.

Nicht Computer, sondern Menschen stellen die Playlists zusammen

Stefan Gill ist bei Mood Media Creative Director für, manche würden wohl abfällig sagen: „Fahrstuhlmusik“. Er selbst findet diese Kategorie naheliegend, aber viel zu kurz gegriffen. Schließlich beschallt Mood Media, Hauptsitz in den USA, seit knapp 50 Jahren auch in Hamburg ansässig, nicht in erster Linie Aufzüge, sondern Warenhäuser, Coffeeshops, Fast-Food-Läden. Sorgt für den passenden Sound zur neuen Jeansmarke oder für den Einkauf beim Discounter und bedient nebenbei auch noch den Friseur um die Ecke mit einem Musikprogramm, das vor allem eines soll: für positive Grundstimmung sorgen.

Dafür werden Playlists, sogenannte Kanäle, erstellt, die genau den Bedürfnissen des jeweilige Kunden entsprechen. Circa 150 fertige Kanäle gibt es, die zwischen 100 und 1200 verschiedene Musiktitel enthalten. Nicht etwa von einem Computerprogramm, sondern von Menschen zusammengestellt, wie Gill mit einem stolzen Lächeln betont. „Designer“ heißen diese Experten bei Mood Media, die sich in den riesigen Musikdatenbanken zurechtfinden und in der Regel nebenbei Musiker oder DJs sind. So wie Stefan Gill, der sagt: „Ich beschäftige mich mit Musik, weil ich nicht anders kann. Für mich ist das die Erfüllung.“ Nach Stille sei ihm nach Dienstschluss deshalb nicht, eher nach einem Abstecher zu Michelle Records, um Nachschub für die private Plattensammlung zu besorgen.

Eine besondere Herausforderung für ihn: Wenn keines der regelmäßig aktualisierten Standardprogramme zum Einsatz kommt, sondern der Auftraggeber ein „customized music concept“ wünscht. Eine ganz individuelle Zusammenstellung von Titeln also, die verschiedene Ziele haben kann: Mal geht es schlicht darum, die Kunden möglichst lange im Laden zu halten, mal soll – eine härtere Nuss – das Markenimage gestärkt oder sogar verändert werden.

Wie schafft man es aber, durch Musik etwa eine breitere Käuferschicht als bisher zu erreichen? Auch wenn es natürlich wissenschaftliche Studien zum Thema gibt, Gill und sein Team setzen ganz auf Erfahrung. Und auf penible Vorbereitung. „Wir prüfen die Marken auf Herz und Nieren“, erklärt der 37-Jährige. Geht es um Luxusartikel oder Massenware? Wer kauft? Wer könnte kaufen? Wer mag welche Musik? Wie sehen die Läden aus, in denen die Ware angeboten wird? Mit einem Top-40-Programm könne die potenzielle Kundschaft für teure Füllfederhalter nicht erreicht werden. Klassische Musik eigne sich wegen ihrer enormen dynamischen Schwankungen fast nie als Hintergrundmusik. Und Heavy Metal sei wohl nur etwas für klassische Tattooläden. Geliefert wird in jedem Fall entweder eine verschlüsselte Disc, die aus lizenzrechtlichen Gründen nur auf den eigens bereitgestellten Playern abgespielt werden kann, oder per Internet-Stream.

Bei der Begeisterung, die Gill ausstrahlt, gerät fast in Vergessenheit, dass es hier vor allem um Geld geht. Um viel Geld. Bei 20 Euro im Monat fange ein Standardprogramm an, sagt er. Doch nach oben sei „alles offen“. Was Auftraggeber in der Spitze zahlen, mag er nicht sagen, sechsstellig dürften die Beträge wohl sein. Etwa dann, wenn ein Großkonzern im Spiel ist. Doch auch bei konkreten Namen tut Gill sich schwer. Man kenne so viele Interna, sei deshalb zur Verschwiegenheit verpflichtet, „tut mir leid“. Von 320 „nationalen und internationalen Marken“ ist auf der Website die Rede. In der Vergangenheit war man unter anderem für Guess, Primark und Renault tätig.

Große Plattenfirmen schicken ihre Titel unaufgefordert an Mood Media

Über die eigene Arbeitsweise gibt er hingegen gern Auskunft und erzählt Anekdoten. Etwa vom Auftraggeber, der die Titelauswahl anzweifelte und seinen eigenen Geschmack durchsetzen wollte. „Den habe ich dann gefragt, ob er denn als Person genauso sei wie seine Kunden.“ „Natürlich nicht“, habe der Mann fast entrüstet geantwortet. „Na sehen Sie ...“ Auch von der strategischen Überlegung, in hippen Modegeschäften am Wochenende etwas gemäßigtere Musik zu spielen, weil dann die zahlenden Eltern den Nachwuchs begleiten, ist die Rede. Und von einem echten „No-Go“: Ein aktuelles Radioprogramm im Hintergrund laufen zu lassen, gehe gar nicht. „Wenn plötzlich Nachrichten kommen, in denen es um wirtschaftliche Probleme oder Geldwäsche geht, denken die Kunden ans Sparen. Wenn fröhlich Sonnenschein gemeldet wird, verlassen sie womöglich den Laden, um ein Eis zu essen.“

Das darf nicht sein, schließlich heißt es auf der Mood-Media-Website unmissverständlich: „Ziel ist immer, durch ambientunterstützende Musik Umsätze zu steigern.“ Was mal dank entspanntem Lounge-Jazz, mal dank souliger House-Nummern funktioniert. Und manchmal kann es sogar der aktuelle ESC-Gewinnertitel sein, auch wenn Gill weiß: „In einem Monat will den keiner mehr hören.“

Beim abschließenden Bürorundgang fallen die vielen Tausend CDs auf, die Regalwand um Regalwand füllen. Manche kaufe man selbst, das Gros erhalte man direkt von den Plattenfirmen, erklärt Gill. Die hätten zwar keinen Einfluss auf die Programme, aber längst begriffen, dass der Einsatz in Mood-Media-Playlists auch ihre Umsätze steigern kann. Vor allem dank der beliebten Smartphone-App „Shazam“, die – vom Kunden im Geschäft aktiviert – neben Infos zum gerade laufenden Titel auch eine Kaufoption bietet und neuerdings mit individuellen Rabattangeboten lockt.

„Es gibt für uns kein Limit“, sagt Stefan Gill. Man glaubt es ihm sofort.