Finkenwerder

Fall Jamie: War das Jugendamt Mitte überlastet?

Der kleine Jamie war lebensgefährlich verletzt worden

Der kleine Jamie war lebensgefährlich verletzt worden

Foto: Jörg Riefenstahl

Die FDP kritisiert unvollständige Protokolle und Krankenstand beim Allgemeinen Sozialen Dienst. Familienausschuss tagt zum Fall Jamie.

Finkenwerder. Die schwere Misshandlung des drei Monate alten Säuglings Jamie hat ein politisches Nachspiel: Der Familienausschuss der Bürgerschaft soll sich Ende Mai vorzeitig zur ersten Sitzung einfinden und die Rolle des Jugendamtes Mitte in dem Fall aufarbeiten. Die FDP kritisiert nach den Antworten des Senats auf eine Kleine Anfrage des Abgeordneten Daniel Oetzel, dass der zuständige Allgemeine Soziale Dienst (ASD) in Mitte überlastet gewesen sei.

Die Mitarbeiter haben die Betreuung der Familie von Jamie bis Ende April „nicht vollumfänglich“ im elektronischen System JUS-IT dokumentiert, schreibt der Senat in der Antwort. Nur in einer Papierakte seien alle Maßnahmen „zeitnah“ protokolliert worden. Außerdem war der Krankenstand im zuständigen ASD-Team seit der Geburt von Jamie im Februar außergewöhnlich hoch: Die zwölf Mitarbeiter häuften im Februar 35 Krankheitstage an, im März waren es 14 Tage, im April 23 Tage. Eine planmäßige Stelle war im Frühling unbesetzt. „Dies deutet alles auf eine zu hohe Arbeitsbelastung hin“, sagt der FDP-Abgeordnete Oetzel.

Im Jahr 2014 waren bereits zwei Überlastungsanzeigen aus der ASD-Stelle im Bezirksamt Mitte eingegangen, im Jahr 2015 liegt jedoch kein solcher Hinweis vor. Der Polizeieinsatz nach einem tätlichen Streit der Eltern von Jamie am 20. März wurde von den ASD-Mitarbeitern sowohl im JUS-IT, als auch in der Papierakte vermerkt. Nach Abendblatt-Informationen rief eine Betreuerin noch am Abend des Vorfalls bei der Familie an, am nächsten Tag besuchten Betreuer die elterliche Wohnung in Finkenwerder. „Das zuständige ASD-Team gehört ganz eindeutig zu den besseren im Bezirk“, heißt es aus dem Umfeld des Senates.

Die Aktivitäten des Vaters von Jamie in sozialen Netzwerken wurde von den Betreuern nicht beobachtet. Der 26 Jahre alte Jan C. hatte sich dort selbst als „schlechten Mensch“ bezeichnet und davon gesprochen, bald etwas Dummes zu tun. Die Recherche bei Diensten wie Facebook sei „kein Instrument“ des Jugendamtes, schreibt der Senat. Jan C. sitzt nach den Schlägen an den Kopf seines Sohnes in Untersuchungshaft. Jamie wird weiterhin im UKE behandelt, ist inzwischen aber aus dem künstlichen Koma erwacht.

Säugling aus Koma erwacht
Video: Hamburg 1