Kindesmisshandlung

Baby liegt im Koma – Kritik an Jugendamt

Vater sitzt wegen Misshandlung in Haft. CDU und FDP verlangen Untersuchung im Bezirk Mitte. Das Sorgerecht wurde vorläufig entzogen.

Hamburg. Der furchtbare Fall von Kindesmisshandlung an der Ostfrieslandstraße erschüttert Hamburg. Auch viele Anwohner auf Finkenwerder nehmen Anteil am Schicksal des zwei Monate alten Jamie. Sein Vater Jan C. (Name geändert) soll den Jungen – wie berichtet – am Mittwochmorgen in der Wohnung fast zu Tode geprügelt haben. Der 26-Jährige wurde daraufhin festgenommen. CDU und FDP verlangen eine lückenlose Aufklärung des Falls.

Am Donnerstag erließ ein Richter Haftbefehl wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung gegen Jan C. Er sitzt seitdem im Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis. Sein Sohn Jamie war mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen in eine Spezialabteilung des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) gebracht worden. Die Ärzte kämpfen um das Leben des Babys.

Vater war wegen Körperverletzung, Diebstahls und Drogen polizeibekannt

„Der Säugling schwebt weiterhin in Lebensgefahr, Sein Zustand ist aber stabil. Er liegt im künstlichen Koma“, sagte Polizeisprecher Andreas Schöpflin am Freitag dem Abendblatt. Jamies Vater, der seit Herbst 2014 arbeitslos ist, war bereits wegen Körperverletzung, Diebstahls und Drogendelikten in Erscheinung getreten. Die Familie wird seit der Geburt des Kindes vom Jugendamt betreut. Eine Einrichtung für frühe Hilfen schickte einmal pro Woche eine Mitarbeiterin vorbei. Es wurde auch darauf geachtet, dass die Besuche beim Kinderarzt eingehalten werden.

„Wir arbeiten mit Hochdruck an der Aufklärung des Falles. Es werden Gespräche mit unseren Mitarbeitern geführt. Alle Details werden gesammelt. Wir werden sehr kritisch draufschauen!“ sagte Sorina Weiland, die Sprecherin des Bezirksamts Mitte dem Abendblatt. Die Erkenntnisse würden an die Polizei und die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Hinweise auf ein Fehlverhalten des Jugendamtes im Fall Jamie-Dean gebe es nicht. „Es gab engmaschige Kontakte zu der Familie. Unsere Mitarbeiter tun alles, um solche Fälle zu vermeiden. Es ist tragisch, wenn es dann doch passiert“, sagte die Sprecherin. Die zuständige Kollegin des Jugendamtes, die die Familie an der Ostfrieslandstraße betreut hat, sei zutiefst geschockt. „Sie hatte eine sehr persönliche Beziehung zu dem Kind“, sagte Sorina Weiland.

Unterdessen fordert die CDU-Bürgerschaftsfraktion umfassende Untersuchungen im Bezirksamt Mitte. „Es schockiert mich zutiefst und macht mich sehr betroffen, dass wieder ein Kind in Hamburg Opfer von schwerster Kindesmisshandlung geworden ist“, sagte der familienpolitische Sprecher der CDU, Philipp Heißner. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren im Bezirk Mitte schon drei Kinder, die unter Aufsicht des Jugendamtes standen, ums Leben kamen. Kurz vor Weihnachten 2013 war die dreijährige Yagmur nach monatelangen Misshandlungen durch ihre Mutter gestorben. Ein Untersuchungsausschuss der Bürgerschaft hatte zahlreiche Fehler der Behörden im Umgang mit Yagmur aufgedeckt. „Wir können es uns nicht leisten, dass sich die traurige Serie von Kindern, die durch Misshandlung oder Verwahrlosung umgekommen sind, weiter fortsetzt“, sagte Heißner.

Die FDP will mit einer Kleinen Anfrage an den Senat klären, wer im Bezirk Mitte im Fall Jamie wann was getan hat. „Es ist auffällig, dass es gerade im Bezirk Mitte immer wieder Fälle von Kindesmisshandlung gibt, die zum Teil zum Tode geführt haben“, sagte FDP-Fraktionssprecher Alexander Luckow dem Abendblatt. Die Behauptung, ausschließlich im Bezirk Mitte sei ein besonders problematische Bevölkerungsstruktur, treffe nicht zu. Luckow: . „Es stellt sich die Frage, ob in der Arbeitsstruktur der Zuständigen etwas nicht stimmt.“ Die Linke erklärte, tragische Einzelfälle dürften nicht für populistische und parteipolitische Schnellschüsse missbraucht werden. „Ich warne vor Vorverurteilung und politischer Instrumentalisierung ohne genaue Kenntnisse der Situation der Familie und der sie begleitenden Hilfsmaßnahmen“, sagte Sabine Boeddinghaus, Familienpolitikerin der Linken.

Das Jugendamt hat Vater und Mutter vorläufig das Sorgerecht entzogen

Unterdessen wacht Jamies Mutter, Juliane C. (Name geändert, 30) weiter am Krankenbett ihres Babys am UKE. Dass sie das Kind mit zu sich nach Hause nehmen kann, falls es ihm besser geht, ist ausgeschlossen: Das Jugendamt hat Vater und Mutter vorläufig das Sorgerecht entzogen. Wenn es Jamie besser geht, wird er in einer Einrichtung des Jugendamtes unterkommen.

Sollte Jamies Vater von einem Gericht schuldig gesprochen werden, muss er für mindestens ein Jahr hinter Gitter. Der Vorwurf des versuchten Totschlags ist offenbar vom Tisch. „Es ist für uns kein Versuch des Totschlags, da der Vater selbst die Polizei und Feuerwehr gerufen hat und unter telefonischer Anleitung sofort Reanimierungsmaßnahmen des Kindes eingeleitet hat“, sagte Nana Frombach, die Sprecherin der Hamburger Generalstaatsanwaltschaft, dem Abendblatt.

Die Nachbarn sind entsetzt. „Es ist furchtbar, was hier passiert ist“, sagt eine Anwohnerin in einem Blumenladen. Und ein junger Mann aus der Nachbarschaft: „Es gibt leider immer Menschen, die mit ihrer Psyche nicht zurechtkommen. Und da kann dann so etwas dabei herauskommen.“